(Erprobung Reihe V) Das Gottesvolk – Hoffnungs- und Trostwirklichkeit

Das Kind, das ich einmal war, lauscht mit gespannter Aufmerksamkeit. Denn es gab wieder einmal die Geschichten zu hören, die es so liebte: da war von brennenden Dornenbüschen die Rede, die dennoch nicht verbrannten, von unglaublichen Plagen, die die Ägypter heimsuchten bis hin zum Würgeengel, der alle Erstgeborenen in den ägyptischen Häusern hinraffte, da wurde das Meer wie von Zauberhand geteilt,dass die einen trockenen Fußes hindurchgehen konnten, um im nächsten Augenblick über der Streitmacht des Pharaos wieder in sich zusammenzufallen und alle in den Fluten zu ertränken, da konnte Mose gegen den Felsen schlagen und Wasser sprudelte aus ihm hervor, da regnete die Wüste vom Himmel Manna und Wachteln, so dass jeder Tag sein Auskommen und keiner Hunger hatte; da sah es Mose auf dem Sinai und das Volk am Fuße des Berges erst warten und dann um das Goldene Kalb tanzen, hörte von der Verzweiflung und der Wut des Gottesmannes und von Gottes Bereitschaft es doch noch einmal zu wagen. Spannender hätte es doch gar nicht sein können!!!
Und diese Geschichten gehören unauslöschlich zur Erinnerung des Kindes, zu mir, dazu…
Ich wusste es waren nicht meine Geschichten, es waren die Geschichten eines kleinen Gottesvolkes in der großen weiten Welt, ein Volk, zu dem ich nicht gehörte. Da ahnte ich noch gar nicht, was erst wenige Jahre und Jahrzehnte zuvor die Menschen dieses Volkes in unserer Zeit in unserem Land erleiden mussten und dass es jetzt ein Wunder war, dass es diese Geschichten und diese Menschen noch gab. Aber ich fragte mich: was muss das für ein Gott sein, der so etwas vollbringt und sich so für die Seinen einsetzt. Wenn das mein Gott wäre, was täte er für mich?
Was haben diese Geschichten die Phantasie der Menschen angeregt.
Staunend sah ich die Bilder im Kindergottedienst, später im Kino den Monumentalfilm „die Zehn Gebote“, las die Erzählungen von Thomas Mann und würde all das zum kollektiven Gedächtnis und zum Erbe der Menschheit erklären, ohne das nichts so wäre, wie es heute ist.
Die zehn Gebote sind eine Charta für die ganze Menschheit wie die Menschenrechte oder Kinderrechte in der Gegenwart!
Wir leben mit den alten Berichten und geben sie wie selbstverständlich an unsere Kinder weiter. Wer die Bibel lesen mag und keine Übung darin hat, der möge diese Seiten aufschlagen und staunen, wie menschlich von Gott und wie ehrlich von den Menschen erzählt wird.
Dieser Sonntag hat allein schon darin seine Berechtigung, dass er uns an die Gotteserfahrung des kleinen Gottesvolkes als einer Hoffnungs- und Trostwirklichkeit erinnert.
Mich irritiert es und verstört, wenn daran gezweifelt wird.
Nicht die Frage, ob das alles denn wirklich Geschichte, Historie, nachzulesen in einem Schulgeschichtsbuch, ist. Solche Erfahrung ist immer wesentlich mehr als nur Erinnerung an historische Fakten. Erfahrung und Glaube sind auch das Licht, in dem ich mein Leben und meinem Weg deute, begreife und erinnere und welche Kraft ich daraus für die Gegenwart ziehe: „so habe ich es erlebt und so hoffe ich es weiterhin, auch wenn du diese Sicht der Dinge nicht teilen magst…“
Aber wenn dann Gelehrte aufstehen und mir erklären, dass sie aus vermeintlicher Wertschätzung diese Geschichten eigentlich nur dem Gottesvolk zubilligen und ihnen nicht rauben möchten, sie ihnen allein gehören und sie deshalb für uns nicht so wichtig wie zum Beispiel die Geschichten von Jesus sein können, die ich als Kind genauso geliebt und staunend angehört habe, dann möchte ich widersprechen. Das rührt doch an den Glaube der Väter und der Mütter, der Jünger Jesu und ihrer Nachfolger, aufgeschrieben in der einzigen Bibel, die die ersten Christen hatten und die wir deshalb besser nicht Altes Testament nennen sollten, weil sie eben nicht veraltet und damit vergangen ist, sondern nur den ersten Teil darstellt, das erste Testament, die Berichte von dem ersten Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat und den er nie und nimmer aufgeben wird. Gott ist und bleibt und wir immer ein treuer Gott sein. Ich möchte erwidern, dass wir diese Bibel vielleicht mit anderen Augen lesen, die Geschichten mit anderen Ohren hören, weil wir nicht Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs sind, wir aber uns im Glauben mit ihnen verwandt fühlen, zu geistlichen Kindern Abrahams werden, ohne den Söhnen und Töchtern etwas streitig machen zu wollen. Ich fühle mich im Glauben wie ein Kind Gottes, von ihm geliebt, ohne deswegen seine ersterwählten Kinder verdrängen, ihnen etwas neiden zu müssen.
Ich darf – jetzt wo ich eben die alten Worte hörend auf den Berg Sinai geführt wurde und ganz nah an Mose und seinem Gott stehe, Augen- und Ohrenzeuge eines ewigen Bundes sein, den Gott schließen will, höre von seiner Treue und von seinem Eigentum, von seinem Versprechen, aber auch von seinem Anspruch und begreife:
So ist Gott schon immer gewesen
Das ist Gott…
Würde sich daran etwas ändern, worauf könnte ich mich denn dann verlassen? Würde ihn, Gott, die eine Wahl gereuen, ließe er die einen fallen, gäbe es auch für die anderen bestenfalls trügerische Sicherheit.
Werden die einen daran erinnert, dass Gott ein anspruchsvoller Gott ist, dass Verträge beidseitig gehalten werden müssen, um mit Leben gefüllt zu werden, dann gilt dies doch nicht weniger auch vom zweiten Bund und vom zweiten Testament: denn auch da sagt dann (nur eben) der Auferstandene, nicht nur : ich bin bei euch alle Tage ( was wir gerne hören, weil es uns gut tut), sondern er sagt auch: lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe (woran wir uns dann im Alltag, wenn es um die Frage, was würde oder was hat Jesus gesagt, nicht so gerne erinnern, jedenfalls nicht, wenn es unserm Wollen und unserem Eigensinn widerspricht). Und er sagt auch, dass seine Worte Bestand in Ewigkeit haben anders als Himmel und Erde, die vergehen.
Geistliche Überheblichkeit der jüngeren und kleineren Geschwister hat es leider immer gegeben. Wir müssen bekennen, für Antisemitismus und Judenverfolgung als Christen verantwortlich zu sein, es ist unsere Aufgabe sensibler und aufmerksamer als andere in der Gegenwart darauf zu reagieren, aber wir haben überhaupt keinen Grund und keinen Anlass, uns über andere zu erheben.
Wir sollten vor allem nicht nachlassen, zuzuhören und zu lernen, auch davon wie jüdische Menschen ihre Bibel lesen, sie deuten, wie sei glauben und leben. Sicher nicht, um es einfach nachzuahmen. Wir können ja nicht dahinter zurück, dass wir Christen sind, unser Bekenntnis zu Christus uns unterscheidet, auch wenn sein Bekenntnis zu dem Gott, den er Vater nannte, uns noch viel mehr miteinander verbindet.
Der Alttestamentler Frank Crüsemann, schon immer sehr engagiert im jüdisch christlichen Dialog, sagt zu Recht, dass der alttestamentliche Glaube den ganzen ersten Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses prägt und verantwortet. Wer von Gott und dem Menschen reden will, ist zuerst an den ersten Teil der Bibel gewiesen und der zweite Teil erzählt dann wunderbarerweise davon, dass dieser Glaube und diese Einsicht nicht allein einem kleinen Gottesvolk vorbehalten blieb, sondern auf den Straßen des römischen Reiches in der Gestalt vom Evangelium von Jesus Christus um die ganze Welt gezogen ist.
Wer Israel als Gottes Volk verleugnet, das Alte Testament für überholt und für nicht relevant hält, für den kann es auch kein Evangelium von Jesus Christus geben und damit auch, um den Heidelbeger Katechismus zu zitieren, „keinen Trost im Leben und im Sterben“, weil es keinen Gott mehr gäbe, an den ich glauben mag und darf wie Christus, dessen Name ich als Christ in mir und an mir trage.
Dieser Sonntag dient also einer innerlichen Verständigung: Gottes Bund mit Israel gehört zu unserem Glaubensbekenntnis dazu.
Aber er zeigt auch unsere gesellschaftliche Verantwortung, dankbar wahrzunehmen, dass es heute wieder jüdisches Leben unter uns gibt, die Spuren jüdischen Glaubens nicht auszulöschen, sondern zu bewahren und jeder Form von Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.
Und zugleich bleibt er Mahnung, dass Gottes Bund Verheißung und Verpflichtung gleichermaßen ist, für Juden und für Christen. Der Glaube will gelebt werden und so erlebt werden. Besser und überzeugender können wir Gott dieser Welt gar nicht versprechen.
Amen

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