Hört, wen Jesus glücklich preist!

Es wurden die Verse 11 und 12 hinzugenommen:

11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.
12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Liebe Gemeinde,

„Salz der Erde“, „Licht der Welt“, das kommt uns bekannt vor – meistens als großer Anspruch an uns selbst als Christenmenschen und in der Folge oft als Stachel im Fleisch oder gar als mutlos machende Überforderung. Die Evangelische Kirche in Deutschland versucht dem Anspruch „Licht der Welt“ zu sein seit ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ endlich dadurch gerecht zu werden, dass sie Leuchtfeuer übers Land verstreut anzündet, wo die Kirche in Kompetenzzentren in höchster Qualität zeigen kann, was sie wirklich drauf hat. Von diesen Leuchtfeuern, so wird vorgerechnet, müssten sich die Menschen angezogen fühlen, wie die Motten vom Licht und, nach wunderbaren Erfahrungen dort, bereit werden, die ehr düstere und magere Wirklichkeit ihres Gemeindelebens am Ort zu ertragen, ohne aus der Kirche auszutreten. In diesen Kompetenzzentren kann man natürlich auch wieder in die Kirche eintreten, sogar ohne Mitglied einer popligen Ortsgemeinde zu werden. Man kann dann Mitglied bei den Leuchtmenschen auf Landeskirchen- und EKD-Ebene werden.

So möchte die Kirche ihr Licht leuchten lassen vor den Leuten. Themenmanagement und Agendasetting sollen sicherstellen, dass die Menschen endlich auch über alle Medien erfahren, was die Kirche Wegweisendes zu sagen hat. Wie überhaupt die mediale Präsenz längst zum Qualitätsmerkmal kirchlicher Arbeit geworden ist. Denn wir alle wissen: Was nicht im Internet zu finden ist, nicht in der Zeitung stand und nicht im Fernsehen kam, hat gar nicht stattgefunden. Tue Gutes und rede darüber, das muss auch für die Kirche gelten, damit die Leute merken, wie toll die Kirche ist und wie toll es ist, in der Kirche zu sein. So freilich wird die Kirche statt zum Salz, zum Honig der Erde, der alle anlockt, die sich ihr Leben religiös ein wenig versüßen wollen. Das Schwirren von einem Töpfchen zum anderen ist ja auch in der Kirche längst als christliche Lebensform anerkannt und salonfähig geworden. Wir Pfarrer und Mitarbeiter der Kirchengemeinde haben das selbstverständlich auch toll zu finden. Wir sind tief beknirscht, wenn keiner mehr bei uns anschwirren will und werden uns sämtlich Beine ausreißen, damit sich das ändert. Wir sind in diesem Zusammenhang selbstverständlich bereit, all das, was wir bisher für wahr, gut, schön und richtig gehalten haben, als Irrtum zu bereuen und alles anzubieten, was bei irgendwem ankommt. Jederzeit.

Natürlich ist das übertrieben! Aber es muss übertrieben werden um den Unterschied wirklich deutlich zu machen, der zur Bergpredigt des Jesus von Nazareth besteht. „Salz der Erde“, „Licht der Welt“, das steht in unmittelbarem Zusammenhang zu den acht Seligpreisungen (Matthäus 5/1-10), in denen Jesus genau die Menschen selig preist, die bis auf den heutigen Tag in unserer Welt nicht viel gelten und deshalb auch den Medien kaum eine Meldung wert sind: Die geistlich Armen, die Menschen, die Leid und Trauer tragen, die Sanftmütigen, aber auch die, die sich ihren Durst und Hunger nach Gerechtigkeit nicht ersticken und korrumpieren lassen. Die Barmherzigen gehören dazu, die mit dem offenen Herzen, die Friedfertigen und schließlich all die, die wegen ihres Glaubens, wegen ihres Engagements für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit verfolgt und zum Schweigen gebracht werden. Die alle nennt der Bergprediger selig und stellt sie damit in das Licht der Gegenwart Gottes und in den Horizont des Himmelreichs. Ja, ihnen gehört das Reich der Himmel und nicht denen, die das Ansehen, die Aufmerksamkeit und die Macht auf dieser Welt haben.

Es gibt deshalb gute Gründe, den Versen unseres heutigen Predigttextes die beiden Vorherigen hinzuzufügen – wie wir das bereits getan haben -, um den Zusammenhang deutlich zu machen.

„Martin Niemöller, der Mitglied der ‚Bekennenden Kirche‘ in der Nazizeit war und dafür lange im KZ saß, schildert in einer seiner letzten Predigten vor seiner Verhaftung sichtlich bewegt seine eigene Einsicht, dass Vers 11 der Auftakt zum Salz- und Lichtwort sein muss: „Als ich das Wort heute las, wurde mir dieses Wort wirklich neu, und ich musste zurücklesen und hatte das Gefühl der inneren Erleichterung, als ich da das Wort fand (…): ,Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen‘ (…) Und dann geht es weiter: ,Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt‘; als ob zwischen der Verfolgung der Gemeinde Jesu Christi und dem ,Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt‘ kein Bruch sei, sondern als ob das unmittelbar zusammengehöre.“ (Gerhard Schäberle-Koenigs, GPM, 2/2009, Heft 3, S.364)

Genauso ist es! Licht der Welt sind nicht die Leuchtfeuer anzündenden Kirchenreformer, sondern die, die Jesus selig preist und die in kein Marketingkonzept passen. Hierzu gehören z.B. die, die Leid und Trauer tragen. Von wegen, lieber Friedrich Nietzsche: Christen müssen nicht immer fröhlich sein, um überzeugend zu wirken. Erinnern uns nicht gerade die Trauernden unter uns daran, dass unser Leben im Horizont von Tod und Auferstehung steht, unser Leben ein Heimweg ist und deshalb im Horizont des Gottesreiches zu sehen ist? Wie lächerlich wirken denn die, die diese Welt und diese Kirche für ihren Besitz und ihren Herrschaftsbereich halten und vergessen, dass sie nur Herberge auf unserer Wanderschaft nach Hause ist? Selig sind, die Leid und Trauer tragen, denn sie sollen getröstet werden. Ja, auch ihr Traurigen seid das Licht der Welt und der Christus ist eures!

Freilich, wer trauert, kann verstummen, sich zurückziehen. Manches Schicksal schlägt so hart zu, dass wir meinen, es hätte die Absicht uns zum Verschwinden und zum Verstummen zu bringen. Und es gibt von Menschen geschaffene Gewaltstrukturen, die genau darauf abzielen. Wer Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt wird, muss so empfinden und kann erzählen, wie man fast vor die Hunde gehen kann, wenn man Opfer von Schmähungen, Lügen und allerlei übler Nachrede wird. Über solchen Vorgängen liegt immer ein bedrückendes Zwielicht. „Und die Verfolger unternehmen alles, um dieses Zwielicht zu verstärken und ihre Opfer in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Persönliche Schwächen werden hervorgehoben, Sachzwänge benannt, rechtsstaatliche Verfahrensregeln hervorgekehrt.“ (Schäberle-Koenigs, a.a.O., S.368) Wir kennen das alle.

Gerade deshalb halten wir fest und sehen hin, wie der Bergprediger all denen, deren Leben und deren Würde angefochten und erschüttert wird, ihre Würde zurückgibt und sie in die Gegenwart Gottes stellt. Er preist sie selig. Denn Gott ist das Licht, das gerade durch die in der Welt aufscheinen will, die scheinbar im Dunkeln sind. Er ermuntert sie sogar, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und sich nicht die berühmte Marktkauftüte über den Kopf zu ziehen, sondern von ihren Erfahrungen zu reden. Dann sind sie vielleicht Sand im Getriebe, aber gerade so Licht und Salz der Welt.

Täuschen wir uns nicht und seien wir nicht enttäuscht, wenn wir im Lauf dieser Predigt entdecken mussten, dass wir gar nicht zu denen gehören, die Jesus selig preist. Auch das hat seinen Nutzen. Vielleicht, nein bestimmt, hören wir dann auf, unsere Köpfe immer zuerst denen zuzuwenden, die auf dieser Welt angeblich den Erfolg und das Sagen haben. Nehmen wir die in den Blick, die Jesus selig preist. Und vielleicht, nein bestimmt, kommen wir dann neben einem solchen zu stehen, als Anwalt im Unrecht, als Tröster im Leid, als Freund in der Nacht. Dafür wird man euch kaum in der Zeitung preisen. Aber jemand wird seinen himmlischen Vater preisen – für euch.

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