Kommt, ihr Völker, rief Jesaja. Erschrocken stellen wir fest: Sie kommen tatsächlich.

Lernort des Friedens

Es ist schon erstaunlich, mit welchem Weitblick Jesaja in die Zukunft schauen konnte. Die Bronzezeit näherte sich damals gerade ihrem Ende zu und ging in die sogenannte Eisenzeit über. Aus heutiger Sicht waren das archaische Zeiten, Zeiten in denen Krieg zum selbstverständlichen Alltag gehörte.

Gut 700 Jahre vor Christi Geburt konfrontiert Jesaja , der Sohn des Amoz, die Einwohner Judas und Jerusalems mit einer Vision.
Wie man wohl damals darauf reagiert hatte? „So ein Spinner“, war vielleicht noch die höflichste Reaktion.

Was er gesehen hat in seiner Vision?

Er sah einen Lern-Ort des Friedens , das Haus des Herrn auf dem Zion. Und er sah tausende von Menschen, die diesem Ort entgegen strebten:
Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Was Jesaja schaute, erleben wir in gewisser Weise in unseren Tagen.

Völkerwanderung heute

Länder des Friedens sind begehrte Ziele. Unser Land gehört dazu. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Wohl an die tausend Menschen kommen täglich bei uns an.
Kommt, ihr Völker, rief Jesaja. Und wir stellen erschrocken fest: Sie kommen tatsächlich.

„Sie erwarten nicht, dass sie vom Staat durchgefüttert werden“, sagt ein Experte, “denn das können sich die Menschen gar nicht vorstellen.“ Sie kommen aus Staaten, in denen es das, was uns selbstverständlich ist, gar nicht gibt: demokratische Regierung, unbestechliche Verwaltungen, Gesundheit-Fürsorge, gerechte Justiz, Bildungschancen – für allem auch für Mädchen.“ Sie kommen, weil bei uns das Wichtigste von allem herrscht: Bei uns herrscht Frieden. „Viele der Flüchtlinge, “ so der Experte weiter, „ sind erschrocken darüber, dass sie in den ersten Monaten hier in Deutschland nicht arbeiten dürfen. Denn genau darauf hatte man gehofft.“ Europa hat als Ort des Friedens höchstes Ansehen in der Welt der Gegenwart.

Wir sind als Ort des Friedens bestimmt für alle Völker. So könnte man die Vision Jesajas in einem Satz zusammenfassen, die er damals für seine Heimat erschaute. Er selbst fügte seiner Vision schließlich einen Aufruf hinzu:
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN! Das heißt: Lasst uns unserer Bestimmung entsprechend leben.

Rekord in Sachsen-Anhalt

Vergangene Woche war ich mit unserem Pfarrkapitel in Sachsen-Anhalt, in Wittenberg und in Dessau.
Ein einheimischer Pfarrer hat uns zwei Tage betreut. Er erzählte von dem, was dort zum kirchlichen Alltag gehört.
„Da kommt am Samstag schon Mal ein Anruf“, erzählte er uns, mit dem sich 100% der Gottesdienstbesucher abmelden, „Herr Pfarrer, morgen kann der Gottesdienst bei uns ausfallen. Meine Frau ist krank. Ich komme dann auch nicht.“

Die Entkirchlichung in dieser Region ist weit fortgeschritten. Gerade noch 17% der Bevölkerung gehören einer der großen Konfessionen an. 80% sind ohne religiöse Bindung. Ein Deutschland-Rekord.

„Die regierende Politik ist gegen uns“, erfuhren wir weiter, “ Die CDU – die herrschende Partei – ist kirchenfeindlich. Zu uns halten sich allenfalls die Linken und die Grünen.“

Zeitskizze

Und bei uns? Wagen wir eine Zeit-Skizze. Wohl wissend, dass Holzschnitte die Zwischentöne ausblenden. Auch bei uns gibt es eine ungute Tendenz. Immer mehr Menschen verabschieden sich aus der Gemeinschaft des Zusammenlebens und ziehen sich auf sich selbst zurück. Menschen, die nicht an demokratischen Wahlen teilnehmen sind häufig auch die, die aus den Kirchen austreten. Religion in ihrer christlichen Prägung hat keine Bedeutung mehr. Wer austritt, vermisst danach nichts.

Die Gelehrten streiten darüber, ob an die Stelle der Religion etwas anderes tritt. Folgt man dem Münchner Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf, so sind die „Götter“ schon längst zurückgekehrt. Menschen sind religiös, binden sich aber nicht an das Unendliche des christlichen Gottes, sondern neigen eher dazu, das Endliche zum Unendlichen zu erheben.

Unsere Zeit im Spiegel des Jesaja

Lassen wir Jesaja zu Worte kommen und betrachten unsere Zeit im Spiegel seiner Vision. Seinem hellen Bild vom Zufluchtsort der Menschheit in Gott, wo man lernt, aus Schwertern Pflugscharen zu schmieden, fügt er ein großes Aber hinzu:

Damals klagte der Prophet: Ihr habt das Haus Gottes verlassen, ihr treibt Wahrsagerei und wandelt euch zu Zeichendeutern. Heute stellen Wissenschaftler fest:
„Das Allensbach-Institut hat ermittelt, dass der »irrationale Glaube an gute oder schlimme Vorzeichen«, etwa an vierblättrige Kleeblätter, Sternschnuppen oder Schornsteinfeger, in der deutschen Bevölkerung weiter verbreitet ist als vor einem Vierteljahrhundert. Und eine Allbus-Erhebung brachte 2012 zu Tage, dass 24 Prozent der Deutschen an Wiedergeburt, 38 Prozent an Engel und 52 Prozent an Wunder glauben.“ (S. Loschert, Die Wiederkehr der Götter. In: Jungle World Nr. 30, 24.7.2014).

Damals klagte der Prophet: Euer Land ist voll Silber und Gold, eure Schätze haben kein Ende.
„Das liebe Geld“ hat dem „lieben Gott“ schon längst den Rang abgelaufen (H.-J. Höhn) stellt ein Theologe für unsere Gegenwart fest. Und übrigens: Noch nie war Deutschland so reich wie in unserer Gegenwart.

Euer Land ist voller Götzen, klagte Jeremia: Ihr betet eurer Hände Werk an.
Karrieredenken, eigener Wohlstand, allenfalls die eigene Familie. Weiter ist der Horizont bei manchem unserer Zeitgenossen nicht gespannt.

Die Flüchtlingsströme unserer Gegenwart rufen in vielen Menschen große Angst hervor. Wen lassen wir da in unser Land? Wie auch immer: Auf jeden Fall stehen wir vor einer großen Aufgabe. Sie hat eine ganz praktische, humanitäre Seite. Wenn man dem unseligen Tun der Ungarn nicht folgen will, so geht es darum, für ordentliche Unterkunft zu sorgen.

Und dann stellt uns diese Aufgabe vor eine ganz andere Frage:
Sind wir fähig, fremden Menschen bei uns Heimat zu bieten? Bei dieser Frage geht es nicht um Geld und all die praktischen Probleme der Unterbringung. Bei dieser Frage geht es um uns selbst und um das, was wir glauben.

Historische Erinnerung

Dazu eine kleine historische Erinnerung. Im Gefolge der Reformation kam es in Frankreich in der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zu Mordanschlägen, Exzessen und Vertreibungen der zum evangelischen Glauben übergetretenen Menschen. Die „Hugenotten“, wie man sie nannte, fanden zu zigtausenden Zuflucht in ganz Europa. In unserer Region z.B. in Erlangen und in Bayreuth.

Damals wie heute war die einheimische Bevölkerung skeptisch, ärgerlich und neidisch, denn die Obrigkeiten gewährten den armen, aber fleißigen Flüchtlingen so manche Privilegien. Aber wenn man von heute aus zurückblickt, so ist davon nichts geblieben. Der eine oder andere Französisch klingende Name erinnert allenfalls noch an gewesene Unterschiede. In Waldorf-Mörfelden z.B. leben heute noch – lt. Telfonbuch – 61 Personen mit dem Nachnamen Cezanne. Als ich damals dort wohnte, war dieser Familienname römisch durchnummeriert, um den Postboten die Arbeit zu erleichtern.

Man hat den Flüchtlingen damals aus einem ganz einfachen Grund Zuflucht gewährt: Es waren Glaubensgenossen. Sie waren zumindest evangelisch, wenn auch reformiert, was Lutheraner nur zähneknirschend akzeptiert haben. Und natürlich sahen die Obrigkeiten damals auch den wirtschaftlichen Vorteil, der ihren Ländern durch den Fleiß der Flüchtlinge zugute kam.

Erinnern will ich auch an die evangelischen Flüchtlinge aus Österreich, die um 1730 herum aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Der Großteil fand Zuflucht in Preußen, aber auch in Mittelfranken, das um diese Zeit noch immer an den Folgen der Entvölkerung durch den 30jährigen Krieg zu leiden hatte. Angermeier, Baumgärtner, Heckel und viele andere Namen deuten auf diesen Ursprung hin.

Sind wir fähig, fremde Menschen bei uns aufzunehmen?

Und nun stellen wir noch einmal unsere Frage: Sind wir fähig, fremde Menschen bei uns aufzunehmen? Eines mag auffallen: Dort, wo unser christlicher Glaube schwach ist, ist die Bereitschaft zum dritten „Werk der Barmherzigkeit“, nämlich „Fremde zu beherbergen“ eher gering.

Die Bilder des Glaubens aufbewahren

In Sachsen-Anhalt haben wir bei unserer Tour etwas ganz besonderes gesehen. Es gibt dort eine Stiftung mit dem Namen „Entschlossene Kirchen“. Diese Stiftung hat es sich zum Ziele gesetzt, die unzähligen Dorfkirchen zu erhalten. Dabei hat man einen schönen Weg gewählt. Den über vierzig Kirchen gibt man je einen besonderen Inhalt. So gibt es eine Osterkirche, in der die Wanderer anhand verschiedener Stationen den Weg durch die österliche Geschichte, vom Einzug Jesu in Jerusalem über das Kreuz bis hin zur Auferstehung nachgehen, nachspielen und nachsinnen können. Eine andere Kirche ist ganz der Weihnacht gewidmet und beherbergt eine moderne, sehr beeindruckende Krippendarstellung. Außerdem gibt es eine Gesangbuchkirche und vieles andere mehr. Was geschieht hier? Diese Kirchen halten die Erinnerung an Gott, an Christus, an die Bibel inmitten einer gottvergessenen Welt wach. Es sind Erfahrungsorte des Glaubens, lebendige Zentren, in denen Christus zuhause ist. Es sind Hoffnungsorte inmitten einer atheistischen Umwelt. Orte, den Glauben neu zu lernen. Ihn so zu lernen, dass wir fähig bleiben und fähig werden, die Probleme unserer Zeit so zu lösen, dass wir uns vor Gott nicht schämen müssen.

Was ist unsere geistige Quelle?

Und darin liegt die Antwort auf unsere Frage. Wir sind mit dem Problem der Flüchtlinge konfrontiert. Und wenn wir uns diesem Problem stellen, dann sind wir gefragt, aus welcher geistigen Quelle wir unsere Antwort schöpfen wollen. Eine Quelle ist des Jesajas Vision:

Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Raum des Friedens

Europa ist ein wunderbarer Raum des Friedens. Ein Raum der Demokratie. Ein Raum, dessen Wurzeln in der christlichen Tradition liegen. Darauf dürfen wir stolz sein. Diesen Raum zu erhalten, so denke ich, ist von uns gefordert. Wie groß die Probleme auch sind.
Indem wir uns auf das besinnen, was uns ausmacht, gewinnen wir neue Kraft, den immensen Problemen der Gegenwart zu begegnen.

Das gelingt überall dort, wo Menschen miteinander und nicht gegeneinander leben. Dort, wo Glaube Kraft hat, dort wo Glaube Orientierung gibt, dort hat man keine Angst vor Herausforderungen. Die meisten der Kirchengemeinden, die Flüchtlingen das sogenannte „Kirchenasyl“ gewähren, um sie vor Abschiebung zu bewahren, sind unsere Dorfgemeinden.

Sind wir fähig, fremde Menschen aufzunehmen? Besprechen Sie das im Gebet mit Gott für sich selbst.

Wer kommt, muss lernen wollen

Aber auch dies muss gesagt werden: Wer bei uns Heimat finden will – auf Zeit oder auf Dauer – ist ebenfalls gefordert, den Raum der Zuflucht zu respektieren und darin auch zu lernen. Wer aus einem Kriegsgebiet kommt, mag Hass im Herzen haben. Hier bei uns aber gilt es, den Hass zu überwinden. Wer aus der Fremde zu uns kommt, hat oft andere Bilder z.B. über die Rolle der Frauen. Es gilt zu lernen, dass es bei uns keine Räume für archaische Frauenbilder gibt.

Wer zu uns kommt, muss lernen, was Demokratie und vor allem auch, was Toleranz heißt, was es heißt, Frieden zu leben. Wer nur sein syrisches oder afghanisches Dorf bei uns neu errichten will, ist fehl am Platz. Wer kommt, muss lernen wollen.

Nun sind wir in Deutschland sicherlich nicht der „Berg Gottes“, auf dem das Haus des Herrn steht. Es reicht ja, wenn wir uns mit glaubendem Herzen von Jesaja sagen lassen, wohin der Weg gehen soll: Dorthin, wo man aus Panzern Trecker baut, dorthin, wo aus Bajonetten Sicheln werden. Dorthin, wo Völker sich nicht mehr gegeneinander erheben. Dorthin, wo man vergessen hat, wie Krieg geht.

Nein, wir sind nicht das gelobte Land. Wir sind unterwegs zu diesem Ziel. Als Christen mit Mut und Zuversicht.

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