Barmherzigkeit ist kein Luxus!

Vor einiger Zeit auf der Pfarrkonferenz fragte uns der Dekan, warum unsere Köpfe rund seien? Verwunderung und Ratlosigkeit standen uns sicher gut ablesbar in den Augen und so löste der Dekan seine Frage schnellstens auf: Damit das Denken die Richtung ändern kann.

Kurz darauf hatte ich ein kurzes, aber leidenschaftliches Gespräch mit einem Mann der sich selber zwar als strenger Christ bezeichnete, sich aber vehement gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrte. Mit fadenscheinigen Begründungen versuchte er, diese These zu untermauern. Besonders verwirrend fand ich die These, dass kein Flüchtling fliehen müsse, die könnten auch in ihrem Land bleiben, meinte mein Gegenüber. Am Ende dieses recht unerfreulichen Gespräches fragte ich ihn nochmals nach seinem Namen. Bereitwillig nannte er ihn mir und zu meinem Erstaunen klang dieser Name nicht gerade typisch deutsch, wie Müller, Meier, Schulze oder Jäger. Eher wie von einem, der hugenottische Vorfahren gehabt haben muss. Als ich ihm meine Beobachtung mitteilen und ihn so auf seine fehlerhafte Argumentation aufmerksam machen wollte, winkte er unwirsch ab, beschimpfte mich als Gutmensch und zog von dannen. Nun empfinde ich das Wort Gutmensch nicht als Beschimpfung, unterlies es aber ihm hinterherzurufen, dass er mit seiner Einstellung wohl nie Gefahr laufen würde in diesen Verdacht zu geraten.

Nach dieser unangenehmen Begegnung fiel mir sogleich die eingangs erwähnte Frage meines Dekans wieder ein, denn offensichtlich hatte der Mann eine seltsame Sicht, die geradezu nach einer Änderung schrie. Die gestörte Optik auf die Dinge jedenfalls war in diesem besonderen Fall schlichtweg nicht zu übersehen. Ob das auf einen Balken in seinem Auge zurückzuführen war? Jedenfalls schien es mir, als habe der Mann die Grundlage und das Fundament unseres christlichen Glaubens sträflich vernachlässigt.

Liebe Gemeinde, ich musste in meinem Leben nicht fliehen und ich musste auch nicht erleben, was Krieg ist. Aber meine Großeltern sind mehrmals geflohen, wie viele andere damals und heute auch, und haben beinahe jedes Mal all ihr Hab und Gut verloren. Ohne am eigenen Leib gespürt zu haben, was Flucht und Krieg bedeuten, was es heißt, die Heimat zu verlieren, erkenne ich aber meine Aufgabe. Ich erkenne, dass der christliche Glaube zur Nächstenliebe aufruft. Dass wir zur Barmherzigkeit aufgerufen, ja, verpflichtet sind. Immerhin: Schließlich geht es "nicht um die Pest, die wir uns ins Haus holen wollen, sondern um Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Es ärgert mich, dass wir in unserem reichen Haus Europa so klein und armselig denken". Kardinal Wölki sei gesegnet für diese Sätze, die er am „Tag des Flüchtlings“ ausgesprochen hat.
Angesichts dieser berechtigten Einlassung habe ich mich umso mehr an den Pauschalisierungen meines Gesprächspartners gestört. Nicht nur weil er sich ob seiner Stellung, seiner Bildung, seines Wissens, am Ende sogar ob seines Christseins, das er im Gespräch mehrmals betonte, über andere erhoben hat. Sonderna uch, weil er sich imstande fühlte, über all die anderen Menschen zu urteilen. Er wisse Bescheid; nur ich und all die anderen, die auch so dächten wie ich, wir hätten noch viel zu lernen!
Über all die Zahlen, Daten und Fakten die ich im Verlauf des Gespräches angebracht hatte, wusste er zu sagen, dass sie wahlweise gefälscht, unwahr oder nicht haltbar seien. Insgeheim wartete ich natürlich nun auch auf das unsägliche Wort der „Lügenpresse“. Dieses fiel aber nicht. Hoffentlich weil auch meinem Gegenüber diese Aussage schlicht zu platt war.

Liebe Gemeinde, es gibt bestimmt noch mehr Beispiele die zeigen, dass der Mensch allzu schnell vergisst, wie, wo und wann er seinerseits auf Barmherzigkeit, Gnade und Liebe angewiesen war. Dass, liebe Gemeinde, gilt sicherlich nicht nur für Fragen in Bezug auf Leben und Tod, sondern auch in Bezug auf gelingendes Zusammenleben schlechthin. Damit meine ich auch das Zusammenleben verschiedener Menschen.
Als Jesus seinerzeit die Grenzen seiner Sendung bewusst aufhob, tat er das mit einem wertschätzenden und würdigenden Blick auf die Anderen. Die Anderen, das waren Menschen anderen Glaubens, anderer Herkunft, ganz sicher auch anderen Aussehens. Jesus hat keinen dieser Menschen als mehr oder weniger bevorzugt angesehen; er hat mit vielen dieser Menschen Tischgemeinschaft gehabt. Was schon damals nicht immer allen gefallen hat. War es darum falsch?
Berthold Brecht hat es schon geahnt: "Barmherzigkeit ist ein Luxus, den man sich erstmal leisten können muß.“ Dieser Luxus, liebe Gemeinde, ist uns längst zuteil geworden. Die Frage ist nur, warum wir ihn uns nicht öfter leisten?
Mit welchem Recht blicken denn gerade christlich geprägte Menschen auf andere von oben herab? Wenn wir als Christenmenschen in unserem Leben erfahren und erkannt haben, dass Gott mit uns barmherzig verfährt, dann ist das doch nicht bloß eine Handlungsoption für uns im Umgang mit anderen. Wenn Gott mit uns barmherzig ist, dann ist das für uns die einzige Handlungsoption gegenüber anderen. Ungeachtet der Herkunft, des Glaubens, des Aussehens und der persönlichen Geschichte dieser Person. Ein solches Menschenbild bedeutet dann in der Konsequenz, dass nur Begegnungen auf Augenhöhe auch wirklich gute und fruchtbare Begegnungen sind. Wer sich über den anderen erhebt, auf welcher Grundlage auch immer, kann seinem Gegenüber nicht mehr in die Augen schauen. Das Ziel ist es doch, „dass wir uns von der Höhe, zu der Gott uns erhoben hat, nicht herunterziehen zu lassen.“ (Vgl.: W. Fürst; in: GPM, 1. Reihe, Göttingen 1973, S. 335.)

Aber genau das geschieht, wenn wir annehmen, dass die anderen dumm, doof oder wahlweise bloß unaufgeklärt sind. Gerade wer mit Jesus argumentiert und angeblich verstanden hat, dass Gottes Erbarmen unerlässlich ist, weil wir alle auf Erbarmen angewiesene Lebewesen sind, so jemand kann nicht bloß die Defizite im Gegenüber sehen.

In einer solchen Begegnung auf Augenhöhe liegen viele Möglichkeiten. Denn so, auf gleicher Ebene, kann ich auch kritisches ansprechen und aushalten. Jesus weiß vom Balken in meinem Auge, er spricht aber auch vom Splitter im Auge des Anderen. Es geht nicht um eine plumpe Verbrüderung auf Kosten der Unterschiede. Das ist naiv und auch überhaupt nicht zielführend. Aber im Wissen darum, dass der Andere genauso so viel Wert, Würde und Achtung verdient hat wie ich, gelingt das Gespräch gleich viel besser. Dann kommt nämlich Bewegung in die Sache: Starre Fronten weichen auf, Positionen verändern sich.

Damit bin ich wieder beim Anfang und der dort gestellten Frage: Warum sind unsere Köpfe rund?
Gott ist das Maß aller Dinge. Wer mit einem anderen Maß messen will, der begeht einen schweren Fehler. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen. Was ist daran so schwer zu verstehen? Gott zieht mich nicht auf seine Höhe, damit ich von dort auf andere herabblicke. Gott lässt mich aber erkennen, dass man sich die Qualität eines Vorbildes nicht selber zusprechen kann. Davor bewahren einen zuerst der Balken und dann der Splitter. Oder wahlweise auch die eigene Familiengeschichte. Der Kopf ist rund, um sich das klar zu machen. Immer wieder.

AMEN!

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