Göttliche Mathematik

In dieser Predigt wird es nicht darum gehen, wie wir hingegebenere, noch eifrigere Christen werden können. Was wir zusätzlich in Angriff nehmen sollten über das hinaus, was wir schon tun. Es wird nicht darum gehen, wie wir unsere Welt oder zumindest unsere Umgebung verbessern können.

Um Jesus soll es gehen. Er zeigt sich hier als Wohltäter, als Wundertäter. Wir sehen an seinen Worten, an seinem Wirken, wie Gott zu uns ist. Einer der sich kümmert. Einer der die Not sieht. Einer der sie wendet. Einer der das unmögliche möglich macht. Er liebt es, uns zu Beschenken und zu Verwöhnen. Er gibt uns das Beste, das Allerbeste. Was uns nötig ist zum Leben hier und zum ewigen Leben dort.
Es ist eine Geschichte vom Brot. Wir alle kennen solche Geschichten nicht nur, wir haben sie erlebt. Teilweise durchlitten.

Bitterernst und schneidend hörte ich den Ruf über die Straße, er hallte durch den kleinen Tunnel. „Ne joue pas avec du pain!“ Vieles ist in Vergessenheit geraten aus dem Französischunterricht, aber diese Worte habe ich behalten: „Spiel nicht mit dem Brot!“ In Monte Carlo war das, meine Tante hatte dort ein Haus geerbt, als Student war ich eine Woche dort. In der Gosse vorm Tunnel lag ein kleines trockenes Brötchen auf der Straße. Schnell hörte mein Onkel auf, damit zu kicken. Vermutlich hatte Tante Hildegard noch die Zeit in Erinnerung, wo man anstehen musste für ein Stück Brot. Wo die Zuteilung reichen musste für die ganze Familie. Zwei Cousins sind 1945 verhungert in Berlin.

„Wo kaufen wir Brot“, fragt Jesus. Dass er sich sogar darum kümmert. Die Szenerie bei der Speisung der 5000 erinnert mich an die Pfingsttagung. So muss es gewesen sein: Tausende im Freien, es geht den Berg hinan. Junge, Alte, kleine Kinder. Viel Bewegung und Unruhe, und trotzdem gespannte Aufmerksamkeit. Bei der Pfingsttagung kann sich der Redner darauf verlassen, es wird für ausreichende Verpflegung gesorgt sein. Kalt wie warm.

Hier muss sich sogar der Redner darum kümmern. Und er tut es. Ganz souverän. Wunderbar ist nicht erst das Ergebnis, wie alle satt werden. Wunderbar ist schon der Beginn. Jesus hat einen Blick, ein Gespür für die Bedürfnisse der Leute. In der Kirche ist uns das vielfach abhanden gekommen. Ist ja klar, wir stehen in einer langen Tradition. Die wir wiederholen und perfektionieren. Das wird dann zur Gewohnheit. Ist die Kirche aus, geht jeder nach Hause und sorgt für sich selbst. Oder setzt sich an den gedeckten Tisch, den jemand der nicht in der Kirche war, vorbereitet hat.

Aber es geht auch anders. So wie vor 14 Tagen beim Gemeindefest. Die einen hatten Kuchen und Salate mitgebracht. Zusätzlich war der Würstchenwagen da. Man konnte noch lange beisammen sitzen und sich stärken. War das nicht wunder bar. Klar, wir können nicht jeden Sonntag diesen Aufwand betreiben. Aber in immer mehr Städten gibt es Kirchengemeinden, die das tun. Die haben angefangen mit Kirchkaffee und inzwischen gibt es eine warme Mahlzeit. U mschichtig wechseln sich Hauskreise und andere Gemeindegruppen ab mit der Vorbereitung. Das Angebot wird dankbar angenommen. Denn etliche Alleinstehende kochen sich nichts warmes am Sonntagmittag oder wissen nicht wie man das macht. Oder sie haben auch keine Motivation, nur für sich alleine etwas besonderes zuzubereiten.

In einem kleinen Ort wie Steinbach mag dieses Modell nicht vordringlich sein. Aber es lohnt in jedem Fall, dass wir wahrnehmen, wie es anderswo praktiziert wird. Und was es bewirkt. Das hat nämlich positive Begleiterscheinungen. Gemeindeglieder, die sonst brav nebeneinander sitzen im Gotteshaus und gleich dann auseinandergehen, erfahren nun mehr voneinander. Für Familien, die Sonntag vormittag ausschlafen und sich dann an den Tisch setzen zum Brunch gewissermaßen, wird Kirche am Sonntag auf einmal eine interessante Alternative. Wo man mit den Kindern kommen kann. Und kein Essen vorbereiten muss. Und mancher von denen lässt sich dann herausfordern und tritt ins Kochteam ein.
All das war damals nicht vorgesehen, als Jesus auf dem Berg predigte. Die Zuhörer haben es auch nicht erwartet, und die Jünger schon gar nicht. Es war völlig klar: Dies hier ist eine Vortragsveranstaltung. Anschließend geht jeder nach Hause.

Aber Jesus will, dass sie bleiben. Die Jünger sind irritiert. So war das nicht geplant. Es gibt keine Logistik, und kurzfristig lässt sich nichts bewerkstelligen. Auch nach einem Kassensturz reicht die Summe nicht für genug Brot. Genug heißt für die Jünger, jeder bekommt ein wenig.

So denken wir. So denkt die Kirche oft. Kleingläubig sind wir. Was wurde gelacht und gelästert über Helmut Kohls Blühende Landschaften. Das mag ja Wunschdenken gewesen sein oder zu schön gefärbt. Aber es war eine Vision, eine Zielvorgabe. Think big, könnte man auch sagen, denke groß. Jesus denkt groß, er denkt in einem ganz anderen Horizont. Der sieht Gottes Möglichkeiten. Der bleibt ganz ruhig, als die Jünger ihm gut zureden: Lass dich zu nichts Unüberlegtem hinreißen. Lass uns keine falschen Erwartungen wecken. Da draußen sind Tausende.

Genau. Da draußen sind Tausende. Tausende, die hungern nach Fürsorge. Nach Liebe. Nach jemand, der sich für sie interessiert.
Jesus sieht diese große Menge, und er verzagt nicht vor der überdimensionalen Aufgabe. Das ist ja seine Berufung. Die hat er immer vor Augen. Die hat er vor Augen, als sich in Kapernaum herumgesprochen hat, was mit den Kranken geschehen ist, denen er die Hände aufgelegt hat. Die ganze Stadt steht vor der Tür. Petrus will hier erst mal eine Sozialstation gründen. Aber das ist Jesus nicht genug. Lasst uns weiter gehen, in die umliegenden Städte und Dörfer. Dass ich auch dort predige. Denn dazu bin ich gekommen.

In diesen Dimensionen denkt Jesus. So wird es einmal im Himmel sein. Eine unübersehbare Schar. Aber, und das ist das besondere und eigentlich unbegreifliche. In dieser Schar sieht Jesus jeden Einzelnen.

Nicht wie die US-Politgrößen. Sie machen das ja wirklich gut und eindrucksvoll, wenn sie in die Menge grüßen. Schau dir das mal an bei denen, die das am besten können, Barack Obama oder Hillary Clinton. Wenn sie aufs Podium hüpfen, ganz lässig und locker. Dann jemand fixieren und ihm zuwinken und ihm oder ihr signalisieren: Toll das du da bist! Für dich bin ich gekommen. Und jeder fühlt sich angesprochen. Aber das ist nur geschicktes Auftreten. Sie meinen niemand bestimmtes.
Jesus sieht den Einzelnen. Den Bettler im Straßengraben. Den Zöllner im Gebüsch. Den Aussätzigen hinter der Sicherheitsschranke. Den Schächer am Kreuz neben sich. Obwohl er selbst kaum noch atmen oder einen klaren Gedanken fassen kann. Und gibt ihnen allen das Brot des Lebens.
Die Speisung der 5000 wird in den Evangelien unterschiedlich erzählt. Die kürzere Version ist bei Matthäus, Lukas und Markus. Jesus lässt das wenige was da ist, sammeln. Er gibt den Jüngern Anweisungen. Das Volk soll sich lagern. Dann verteilen die Jünger das Vorhandene so gut es geht.

Es war in der ökumenischen Bibelwoche. Abschlussveranstaltung. Die Verantwortlichen waren bemüht, den Bericht von der Brotvermehrung nachvollziehbar zu erklären. So wörtlich, an Zauberei grenzend, dürfe man das natürlich nicht auffassen. Das müsse man sich so vorstellen: Jesus hat die Leute aufgefordert, ihre Taschen zu leeren. Sie sollten auspacken, was sie hatten, und es untereinander teilen. Das reichte für alle. So gab Jesus ein Beispiel für die Zukunft.

Meine Frau und ich wollten lieber beim alten, wörtlichen Verständnis blei ben. In jenen Tagen wurde für eine junge evangelische Kirche in Indien gesammelt. Die war vor kurzem erst gegründet worden durch einen Regierungsbeamten, der sich bekehrt hatte und von der Großstadt in den Dschungel gegangen war mit nichts als seiner Bibel. Einzelne Stammesleute fanden zum Glauben an Jesus. Dann ganze Dörfer. Schulen wurden gegründet. Noch kaum ausgestattet. Wir warben bei Firmen um Sachspenden. Für die Kinder in diesen Schulen. Dann kamen die Pakete. Der Bischof holte sie ab. Wir zählten noch schnell die Utensilien in den Paketen. Es waren über 5000.

Wie viele Familien, die sich entschlossen haben, in die Mission zu gehen, haben ihr Visum beantragt, die Reise gebucht, noch bevor die nötige monatliche Grundversorgung zusammen war von Gemeinde oder Freundeskreis. Und haben erlebt, wie Gott sie versorgt hat über Bitten und Verstehen.

„Es ist ein Kind hier, das hat 5 Gerstenbrote und 2 Fische. Aber was ist das für so viele?“ Jesus benutzt die Hilfsbereitschaft, den Glauben dieses Kindes. Das sich nicht ausrechnen konnte, wie bald seine Brote und Fische verbraucht sein würden.

Ich muss an jene Stelltafel denken, es war so eine Art Staffelei. Der Diakon meiner Gemeinde in Bremen hatte sie gebaut. Jeden Sonntag morgen hielt er Kindergottesdienst. Einst hatte er im Johannesstift Berlin den Umgang mit Bibel und Trompete gelernt. Nun wollte er den Kindern im Johannesstift Gutes tun. Mit seiner Person stand er gerade dafür, dass jede Mark, jeder Pfennig ankommt, wenn er zu den Jahrestreffen nach Berlin fuhr. Auf dieser Staffelei war ein Thermometer gemalt. Alle Vierteljahre wurden Kassensturz gemalt. Die Kinder zählten, die Kinder malten die Säule höher. Alle waren stolz und konnten sehen: Das haben wir gesammelt. Und das wird anderen Kindern Freude und Segen bringen.

Aber ist das denn genug? Sagt Philippus hier nicht mit Recht, als er die große Aufgabe nachmisst: Selbst wenn wir das Geld hätten, was wir nicht haben. Wir schaffen es nicht, sie alle satt zu bekommen.
Ja, das ist so. Selbst wenn das Spendenaufkommen von Brot für die Welt sich verdoppelte Jahr für Jahr. Es gibt so viele hausgemachte und übergreifende Probleme in den Hunger und Bürgerkriegsgebieten. Wir kriegen die nicht in den Griff. Die Aufgabe, die Welt zu verbessern, ist eigentlich unlösbar. Und Jesus weiß das, hat er doch selbst gelehrt: „Von innen aus dem Herzen der Menschen, geht das Böse hervor. Nicht aus den Umständen.“

Aber Jesus glaubt dagegen an. Sein Vertrauen zu Gott ist größer. Hat Vorrang vor all diesen Richtigkeiten. Im Glauben wagt er das unerhörte: „Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten. Desgleichen von den Fischen. Soviel sie wollten.“
So viel sie wollten. So ist Gott zu dir. Er füllt deinen Mangel aus. Er gibt dir nicht nur was du brauchst. Er gibt dir sogar, wonach sich dein Herz sehnt. Psalm 37,4 „Habe deine Lust am Herrn. Der wird dir geben, was dein Herz wünschet.“

Am Schluss sind 12 volle Körbe übrig. Das ist die göttliche Mathematik. Das ist das göttliche Wachstum. Das wirklich nötige. In einer Welt, wo immer gepredigt wird, Hauptsache das Bruttosozialprodukt wächst. Die Exporte. Der Umsatz. Der Dax. Das stellt Jesus auf den Kopf.

Wer gibt, hat übrig. Daran erinnert die Liebestat von dem, der alles gegeben hat. Sich selbst verschenkt. Sein Leben hingegeben. Damit wir empfangen können von Gottes Güte. Überfließend. Tag für Tag. Und es reicht noch für andere.

Lasst uns beten:

„Herr Jesus Christus! Du siehst unseren Mangel. Unseren Hunger. Unsere Bedürfnisse. Du kannst sie stillen. Bei dir finden wir alles, was wir brauchen. Du gibst reichlich und wunderbar über Bitten und Verstehen.
Lass uns darauf vertrauen. Und hilf uns, dass wir bei dir bleiben und bei dir all das suchen, was wir nötig haben."

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