Ich packe meinen Koffer

Bald beginnen die großen Ferien und ich packe meinen Koffer. Und in den Koffer hinein packe ich meine Zweifel. Weil ich die auch nicht so einfach loswerde. Schließlich gehört der Zweifel zum Christentum wie die Ferien zur Schulzeit oder wie der Kaffee zur Kirche.

Der Evangelist Matthäus verschweigt es auch nicht. Ich vermute, weil er ganz genau weiß mit wem er es zu tun hat. Mit Menschen. Die sind schwer zu überzeugen, um nicht zu sagen träge in ihren Meinungen und nur schwer umzustimmen.

Man denke nur daran, wie schwer es war, die Leute davon zu überzeugen, dass die Kernenergie nicht die bestmögliche aller Lösungen zur Energiegewinnung ist und das ein kleineres Auto, dass weniger Sprit verbraucht, auf lange Sicht die nachhaltigere Lösung ist. Oder man erinnere sich an die unzähligen Situationen zuhause, in denen man stunden- und tagelang versucht hat die Eltern davon zu überzeugen, dass man ganz bestimmt und unbedingt auf diese Party gehen müsse. Alle anderen gehen schließlich auch dahin.

Menschen vom Richtigen zu überzeugen ist schwer und ein langwieriges Geschäft.
Und genau das und diese Menschen hat Matthäus vor Augen, als er sein Evangelium schreibt. Keineswegs richtet er seine gute Nachricht an die Generation, die Jesus noch selber erlebt hat. Das hier geht an die Nachgeborenen. So wie wir. Die anderen sind ja schon überzeugt. Jetzt geht es darum die nächsten Jahrgänge zu gewinnen.
Und Matthäus vermutet schon richtig, dass da eine Distanz zwischen den Leuten und der von ihm aufgeschriebenen Geschichte ist.

Ob er darum die folgende Szene auf einem Berg beginnen lässt? Nicht auf der Erde, wo man ja immerzu ist. Auf einem Berg hat man bessere Sicht, kann sehr weit schauen und ist vielleicht doch näher dran an dem Heiligen. Da möchte er ja hinführen. Vielleicht kann man so hoch oben auch die Distanz einfach besser aushalten?!

Aber mit auf den Berg ziehen nicht nur die Jüngerinnen und Jünger. Auch der Zweifel ist dort oben. Den haben die Menschen dorthin mitgebracht. Wenigstens einige. Nicht in Koffern, aber in ihren Köpfen. Matthäus verschweigt das nicht. Und damit beschreibt er einen wichtigen Wesenszug des Glaubens: Dieser vollzieht sich nämlich fast immer auch „zwischen Anbetung und Zweifel.“ (Vgl.: W. Grundmann, Das Evangelium nach Matthäus, Berlin 1968, S. 576).

Der Zweifel ist sinnbildlich für die Nicht-Mehr-Augenzeugen-Generation, die nun da oben auf dem Berg versammelt ist. Sie haben Jesus nicht gesehen und stehen nun vor seinem Wort. Wie klug Matthäus sein Evangelium angelegt hat ist spätestens hier deutlich sichtbar: Er hat sich Gedanken gemacht über all die Menschen, die nach Jesu Wirken geboren sind und noch geboren werden und diesen Mann noch nicht kennen. Und er hat den Mut, diesen Menschen den Glauben nicht bloß zu verordnen. Friss oder stirb, das weiß er, bringt nichts. Er nimmt die Menschen lieber ernst und erwähnt auch die Zweifel.

Das ist ein feiner Zug von ihm, denn damit hält er fest, dass der Zweifel erstmal nichts grundlegend Negatives ist. Das ist gut, denn viele Zweifeln und diese Zweifel haben Raum verdient. Erst recht, weil diese Gemütsregung oftmals mit schwerwiegenden persönlichen Eindrücken verbunden ist, in der die betroffenen Menschen keine Bewahrung, keine Hoffnung, keine Hilfe gespürt haben.
Die Grundfesten sind erschüttert und da ist er der Zweifel. Wer will diese Menschen dafür verurteilen? Besser keiner. Besser wäre es, die Zweifel ernst zu nehmen. Bloß nicht kleinreden. Diese Erfahrungen beschrieb auch Dietrich Bonhoeffer, während er im Gefängnis saß, seinen Eltern im Mai 1943: „Allerdings ist mir nie so deutlich geworden wie hier, was die Bibel und Luther unter „Anfechtung“ verstehen. Ganz ohne jeden erkennbaren physischen und psychischen Grund rüttelt es plötzlich an dem Frieden und an der Gelassenheit, die einen trug, und das Herz wird […] das trotzige und verzagte Ding, das man nicht ergründen kann; man empfindet das wirklich als einen Einbruch von außen, als böse Mächte, die einem das Entscheidende rauben wollen.“ (D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Gütersloh 1998, S.70).

Woran erkennt man also eine gute Christin und einen guten Christen? Sicher nicht nur daran, dass er oder sie immer nur fest im Glauben steht. Es ist doch mehr als sympathisch, dass Matthäus genau das sagt. Jede und jeder ist auf dem Berg der Gotteserfahrung willkommen. Niemand ist ausgeschlossen.

Aber nicht nur Matthäus weiß um den Zweifel. Legendär ist die Geschichte von Thomas, der erst glaubt, als er den Auferstandenen, als er Jesus sieht. Und hätte dieser Thomas nicht einen schöneren Beinamen verdient? Thomas, der Zweifler klingt nicht wirklich sympathisch. Und Jesus? Der schickt ihn auch nicht in die Wüste. Ganz im Gegenteil. Der würdigt den Zweifel sogar in einer Eins-zu-Eins-Gesprächssituation.

Nicht zu vergessen ist hier auch der sinkende Petrus. Sein Glaube ist einfach zu klein, stellt Jesus fest, als Petrus nicht weit kommt als Wasserläufer. Schlichtweg weil ihn Zweifel plagen. So bezweifelt er nicht nur ob das Wasser trägt; sondern auch ob dieser Jesus wirklich die Macht hat.

Wenn also etwas schon in der Bibel überliefert ist, selbst Jesus an bekannter Stelle Zweifel äußert, und Matthäus den Zweifel für so wichtig erachtet, dass er ihn noch im Schluss seines Evangeliums, also an einer sehr prominenten Stelle, unterbringen muss, wer will dann einen Zweifler verurteilen? Nicht wenige behaupten ja gerne, der Zweifel liege an zu geringem Glauben. Von wegen! Eher verstärkt sich doch der Eindruck, dass Glauben immer auch eine Unternehmung ist, die gewissen Unwägbarkeiten ausgesetzt ist. Matthäus bringt es auf den Punkt: Der Zweifel gehört zum Glauben.

Menschen erleben in einem Leben immer wieder Zeiten, in denen ihr Glaube erschüttert wird. Immer wieder, wenn ich mit anderen über ihre Zweifel ins Gespräch komme, höre ich, dass viele Menschen schon so viel schweres erlebt haben und schon so oft enttäuscht wurden und nicht mehr so richtig glauben können und das dann der Zweifel kommt und nagt.

Und Zweifel sind schwer zu ertragen. Was Menschen suchen sind Gewissheiten. Und auch wenn Marius Müller-Westernhagen schon gesungen hat, dass dir keiner für irgendwas eine Garantie gibt, die Welt sucht dennoch nach Eindeutigkeiten.

Aber wie geht man mit dem Zweifel um? Als Martin Luther einst an seiner Glaubensfestigkeit zweifelte soll er mit Kreide die Worte "Ich bin getauft!" auf einen Tisch geschrieben haben. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hat er auch einfach ein Tintenfass gegen eine Wand geworfen.

Nun, Martin Luther hat gezweifelt, nicht nur in Glaubensdingen, sondern auch an seiner Kirche. Das wird deutlich. Aber eigentlich sah er im Zweifel eher einen Feind des Glaubens. Immerhin hatte er die Formel „allein durch Glaube“ (wird der Mensch gerechtfertigt) geprägt. Von Zweifel ist da keine Rede.

Und trotzdem zeigen die Beispiele, dass Glauben und Zweifel ihren festen Platz haben – in der Bibel und vor Gott. Matthäus hat richtig aufgeschrieben, dass Jesus seine Menschen so sehr liebt, dass er auch den Zweifel ernst nimmt.
Eine Kirche, die ihrem Auftrag gemäß Menschen gewinnen, ja, sogar taufen soll und will, ist also gut damit beraten, die Zweifler aufzunehmen. So eine Kirche hat ihre Türen für die zu öffnen, die auf schwierigem Weg sind. Eine Kirche, die überzeugend sein will, muss diesen Menschen entgegengehen und ihre Zweifel hören und ernst nehmen. Der Zweifel hat einen Platz, erst recht bei Gott, und es liegt an uns, also der Kirche, Menschen davon zu erzählen, wie wir selber mit unseren Zweifeln umgehen, aus welchem Bottich wir Kraft schöpfen und wo die Quelle entspringt, die diesen Bottich auffüllt.

Wenn Kirche so ist, und ein Ohr hat für die grundsätzlich „an Gott, am Leben, am Glauben“ an der Hoffnung und an der Liebe zweifelnden Menschen, dann erfüllt sie so auch den ihr gegeben Auftrag. (N. Schneider, Die Kraft des Zweifels. Warum evangelische Freiheit einer Gesellschaft gut tut.“ – Vortrag zum Reformationstag 2011).

Also, ich packe meinen Koffer. Und in den Koffer hinein packe ich meine Zweifel. Und dazu packe ich, fein säuberlich, und in ordentlichster Handschrift geschrieben, den Satz der mir hilft, meine Zweifel zu tragen: Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Amen.

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