Unsinn oder nicht?

1. Kor 1,18-25 – 5. nach Trinitatis – Predigtreihe 2
11.07.2004

Es gibt Abschnitte aus der Bibel, die gehen uns ganz glatt ein.
Und es gibt Abschnitte, an denen haben wir schwer zu kauen und zu schlucken.
Der heutige Predigttext gehört eindeutig zur zweiten Sorte.
Ich lese aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth:

Das Wort vom Kreuz halten die, die verloren gehen, für Unsinn; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Denn nach der Schrift sagt Gott: »Das kluge Geschwätz der Weisen will ich ersticken, und die vernünftige Rede der sogenannten Vernünftigen will ich null und nichtig machen.« / Wo sind sie denn geblieben, die Weisen, die Bibelfesten, die Diskussionsredner dieser Welt? Gott hat allen Tiefsinn der Welt als Unsinn entlarvt. / Denn als die Menschen in der Welt die Weisheit, die Gott ihnen geschenkt hatte, nicht dazu nutzten, um etwas von Gott wahrzunehmen, beschloss Gott, das Heil denen zu schenken, die auf dem Weg über den Unsinn der Kreuzesbotschaft den Weg zum Glauben finden. / Juden fordern Wunderzeichen, um glauben zu können. Griechen fragen nach Argumenten. / Wir Apostel aber verkündigen den gekreuzigten Messias. Das ist für Juden ein Stein des Anstoßes, Heiden halten es für Unsinn. / Für die Christen aber, die Gott berufen hat, Juden- und Heidenchristen, verkündigen wir den Messias als den, an dem Gott seine Macht und seine Weisheit erwiesen hat. / Denn Gottes »Unsinn« ist weiser als die Menschen, und Gottes »Schwäche« ist stärker, als Menschen überhaupt sein können. / (Übersetzung: Klaus Berger)

Ich glaube, es gibt drei schwer verdauliche Brocken in diesen Worten:

Der erste Brocken ist die Aussage:
Nicht alle Menschen kommen in den Himmel. Es gibt „Verlorene“ und „Gerettete“. Es wird einmal „Heulen und Zähneknirschen“ geben, wie es Jesus mehrmals ausgedrückt hat.
Der zweite Brocken: Das Entscheidende für „verloren sein“ oder „gerettet werden“ ist das „Wort vom Kreuz“. Ein brutales Folterinstrument als Instrument des Heils.
Und der dritte Brocken: Klugheit, Vernunft und Verstand sind für uns Menschen von größtem Wert – aber auf dem Weg zum Glauben sind sie eher hinderlich.

Fangen wir mal mit dem ersten an:
Es gibt verlorene – für viele ist das ein unerträglicher Gedanke.
Wie kann ein Gott der Liebe das zulassen? Dass Menschen verloren gehen, im Finstern bleiben? Wo bleibt da die alles umfassende Liebe Gottes?
So fragen viele.
Und andere sagen:
Wie kann ich mich im Himmel überhaupt freuen, wenn ich gleichzeitig weiß: Da draußen, in der Finsternis da sind Menschen, die mir vielleicht sehr nahe stehen?
Im Magazin BUNTE habe ich eine Interview mit Sepp Blatter gelesen, dem FIFA-Präsidenten: Er sagt, dass er ein gläubiger Mensch ist und dass ihm sein Glauben Halt gibt. Und Sepp Blatter sagt: In einem Punkt ist er anderer Meinung als der Papst. Herr Blatter ist nämlich davon überzeugt: Es gibt keine Hölle. Und für korrupt hält er sich übrigens auch nicht.
(http://www.bunte.de/wirtschaft/sepp-blatter-ich-bin-nicht-korrupt-123726.html
Vor einigen Jahren (1996) hat die Anglikanischen Kirche diese Spannung etwas abgemildert, indem sie in einem Synodenbeschluss die Hölle abgeschafft hat; es gebe lediglich die Alternative zwischen ewiger Seligkeit und völligem Ausgelöscht werden.
(http://www.zeit.de/1996/11/IN_DER_HOeLLE_BRENNT_KEIN_FEUER_MEHR)
Ich weiß nicht, ob sich die Wirklichkeit nach diesem Synodenbeschluß richten wird, und wenn ich es richtig sehe, bleibt die Spannung ja trotzdem bestehen:
Es gibt Gerettete, Erlöste und es gibt Verlorene, Ausgelöschte.
Die Frage bleibt:
Wie kann ein Gott der Liebe das zulassen, dass Menschen sich endgültig von ihm abwenden?

Ich sage: Gerade weil Gott der Gott der Liebe ist, muss er das zulassen.
Denn das Wesen der Liebe ist Freiwilligkeit.
Liebe kann nur freiwillig sein, niemals erzwungen.
Und darum muss Gott, der uns Menschen liebt, und der uns Menschen geschaffen hat, damit wir uns mit seiner Liebe beschenken lassen und diese Liebe erwidern, uns Menschen Freiheit geben.
Die Freiheit, uns in diese Liebesbeziehung mit Gott hineinzubegeben.
Und auch die Freiheit, dass sich ein Mensch von Gott abwendet und sich gegen ihn verschließt.
Das mag hart klingen, aber es ist unausweichlich.
Liebe kann es nicht geben ohne Freiheit, und Freiheit schließt immer die Möglichkeit ein, dass jemand „Nein“ sagt statt „Ja“.

Und wie ist das mit der Freude? Kann im Himmel Freude sein, wenn draußen im Dunkeln Jammer und Verzweiflung ist und ich – im Himmel – darum weiß?
Ich glaube wir alle kennen die Macht, die Spielverderber haben, die anderen die Freude verderben, indem sie sich selber ausschließen, indem sie sich schmollend zurückziehen und allen ein schlechtes Gewissen vermitteln, mit der unterschwelligen Botschaft: Ihr seid schuld, dass ich mich nicht mit euch freuen kann.
Aber ich bin der festen Überzeugung: Genau diese Bindung wird einmal zerrissen sein und wird ihre Macht verlieren.
Denn niemand, der in der Freude ist, hat auch nur im geringsten Schuld daran, dass jemand draußen bleibt.
Und niemand, der draußen bleibt, wird von etwas anderem daran gehindert, in die Freude zu gehen, als von sich selber.
Darum glaube ich, dass diese beiden Einwände keine Kraft haben.

Man kann noch viel darüber sagen, zum Beispiel auf die Tatsache hinweisen, dass in der Bibel niemand so viel vom „Verloren gehen“ gesprochen hat wie Jesus, der sich damit eigentlich auskennen sollte, aber ich will zum zweiten Brocken kommen: Dem Wort vom Kreuz.

Was ist denn eigentlich das Wort vom Kreuz?

Ich glaube, es gibt viele „Worte vom Kreuz“

Das Kreuz ist die Solidaritätserklärung Gottes. Gott zeigt sich solidarisch mit uns Menschen. Solidarisch mit denen, die am Boden zerstört sind. Er distanziert sich nicht vom Leid der Welt, vom Leid der Menschen. Im Kreuz Jesu hat sich Gott mit uns Menschen solidarisch erklärt. Und sagt: woran immer du leidest, was es auch ist, ich bin da.

Ein anderes Wort vom Kreuz: Das Leiden wird überwunden nicht durch Abwehr, durch Ausweichen, sondern indem man es annimmt und geduldig trägt.

Und noch ein anderes: Das Böse wird nicht durch Kampf und Widerstand gebrochen und überwunden, sondern durch das Gute.

Und am Kreuz zeigt sich die totale Umwertung aller menschlichen Werte durch Gott:
Was wir Menschen für Stärke halten, ist für Gott Schwäche.
Was wir Menschen verachten, ist bei Gott angesehen.
Was wir Menschen für wichtig halten, ist für Gott belanglos.
Was wir Menschen achtlos übersehen, ist für Gott von entscheidender Bedeutung.

Ich glaube: Das alles sind richtige Worte vom Kreuz, aber nicht DAS Wort vom Kreuz.
Denn: Sie sind alle mit dem Verstand einsichtig. Irgendwie sind sie früher oder später einleuchtend.

Ich glaube, DAS Wort vom Kreuz, das Paulus hier meint, ist etwas anderes:
Es ist, dass Christus für uns getötet wurde, dass sein Tod unsere Sünde weggewaschen hat und den Tod selbst zunichte gemacht hat.
DAS Wort vom Kreuz: Jesus starb am Kreuz stellvertretend für uns, um uns reinzuwaschen von der Sünde, und um uns loszukaufen, um uns zu befreien von der Macht des Bösen.
Das ist die Formel. Das ist die Mitte des christlichen Glaubens.

Und das erregt Anstoß und trifft auf Widerstand.

„Das ist doch primitive Sühnopfertheologie“ sagen die einen.
„Ich kann mit einem blutrünstigen Gott nichts anfangen“ sagen die anderen.
„Wegen mir hätte Jesus nicht sterben brauchen“ habe ich einmal wo gelesen.

Es stimmt auch heute noch: Der gekreuzigte Jesus ist den einen ein Ärgernis, für die anderen dummes Zeug.
Weil es nicht einzusehen ist, dass Gott Erlösung schaffen muss, indem er selber in Jesus Christus Mensch wird und sich grausam abschlachten lässt.
Das hätte sich doch sicher auch noch anders bewerkstelligen lassen.
Ich verstehe nicht, warum das so sein musste.
So sagen viele.

Und um ehrlich zu sein: Ich verstehe es auch nicht.
Wahrscheinlich ist es auch gar nicht zu verstehen.
Aber deshalb muss ich es noch lange nicht beiseite legen oder ablehnen oder für dummes Zeug halten.
Ich verstehe nicht, wie mein Computer funktioniert – aber ich habe trotzdem die Predigt auf ihm geschrieben.
Ich verstehe nicht, warum Uhu klebt – aber ich verwende ihn trotzdem.
Ich verstehe nicht einmal meine Gehaltsabrechnung – aber ich habe trotzdem Geld auf dem Konto, jeden Monat neu.
Wer bin ich, dass ich mit meinem Micky-Maus-Verstand den Anspruch habe, das Geheimnis Gottes zu verstehen. Ich verstehe nicht einmal meine Gehaltsabrechnung, aber ich will verstehen, was das Universum im tiefsten Inneren zusammenhält? Bin ich größenwahnsinnig?

Ich glaube, der Zugang zum Wort vom Kreuz geht nicht übers Verstehen wollen, sondern übers Begreifen.
Nicht über die Gedanken, sondern übers Erleben.
Nicht über die Theorie, sondern über die Praxis.

F. v. Bodelschwingh hat das einmal so auf den Punkt gebracht:
„Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu fassen, der nichts von eigener Schuld weiß.“

Ich möchte das an einem wahren Beispiel verdeutlichen:
Ein Ehepaar hat eine achtjährige Tochter. Immer wieder hat diese Tochter Kopfschmerzen. Die Eltern geben ihr Schmerztabletten, und die Kopfschmerzen vergehen. Aber sie kommen immer wieder, ganz hartnäckig. Und die Eltern spüren: Dem müsste man mal nachgehen. Aber sie haben keine Zeit dafür, denn sie sind privat und beruflich viel zu eingespannt. Als nach längerer Zeit die Kopfschmerzen immer häufiger werden, gehen sie schließlich doch zum Arzt, und nach längeren Untersuchungen sagt der Arzt: Es tut mir leid, aber ich muss ihnen leider sagen, dass ihre Tochter einen Hirntumor hat. Wenn sie vor einem halben Jahr gekommen wären, dann hätten wir ihn operieren können, aber jetzt ist es leider schon zu spät. Und nicht lange danach ist die Tochter tot. Ich glaube, die Gedanken und Gefühle der Eltern kann sich jeder gut vorstellen. Diese Zentnerlast: Hätte ich doch nur… An dieser Last zerbricht auch beinahe ihre Beziehung. Gespräche, Therapien, nichts nimmt die Last weg. Bis der Mann eines Tages in der Kirche beim Abendmahl hört: Das ist mein Blut des neuen Testamentes, vergossen zur Vergebung der Sünde. Und das Wort trifft ihn mitten ins Herz. Und er erlebt, wie eine tonnenschwere Last von ihm abfällt. Und er erlebt: Durch seine Wunden sind wir geheilt. Und er findet Frieden.

„Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu fassen, der nichts von eigener Schuld weiß.“ Sagt Zinzendorf.

Aber wer ist schon schuldig?
Ja, der Mann da, in der Geschichte, klar, dass der mit Schuld zu kämpfen hat.
Aber ich doch nicht.
Ich glaube, dass viele von uns so denken hängt mit unserer Blindheit für uns selber zusammen. Und mit unserer mangelnden Ehrlichkeit über uns selber.
Wir sind einfach gut darin, uns was vorzumachen, uns selber in die Tasche lügen.
Und es hängt damit zusammen, dass wir andere Menschen nach ihren Taten beurteilen, uns selber nach unseren Idealen, unseren guten Vorsätzen.

Ich will jetzt niemanden dazu überreden, zu erkennen, dass auch du Schuld mit dir herumschleppst.
Das will ich nicht und ich kann es auch nicht.
Das kann nur Gott, mit die Augen dafür öffnen, wer ich in Wahrheit bin und wie sehr ich auf das Kreuz angewiesen bin.

Denn das geht nur so, wie es Petrus im Evangelium erlebt hat.
Petrus, der hat in der Begegnung mit Jesus auf einmal erkannt:
Du und ich – wir passen nicht zusammen.
Du bist voller Liebe – und ich bin lieblos.
Du bist voller Vergebung – und ich bin nachtragend.
Du bist selbstlos – und ich denke immer zuerst an mich.
Du bist frei – und ich bin gebunden an so vieles.
Du bist voller Wahrheit – und ich bin voller Notlügen und Ausflüchte.
Das geht nicht mit uns.
Und er sagt: Geh weg.

Und es stimmt. Aber trotzdem macht es nichts, denn all dieses Trennende und Bindende hat Jesus auf sich genommen, an sich genommen und mitgenommen ans Kreuz. Und dort ist es alles mit ihm gestorben – all das Trennende und Bindende und Zerstörende und Niederhaltende.
Und Petrus hat die Kraft Gottes erlebt.

Und ich glaube, dass es darum geht:

Nicht dass wir Gott verstehen, denn das können wir gar nicht, sondern dass wir ihm vertrauen.
Nicht dass wir Gott mit dem Verstand erfassen, sondern ihn dass wir ihn erleben.
Die befreiende, heilende Kraft Gottes erleben.

Denn das Wort vom Kreuz halten die, die verloren gehen, für Unsinn; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.

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