Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe ? (Erprobung Reihe V)

„Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe“
Mit eindrucksvoller Stimme rezitierte die Großmutter wie so oft Max und Moritz und mit weit aufgerissenen Augen und staunendem Mund lauschte ihre Enkeltochter wieder einmal den Geschichten der beiden Lausbuben, die der Witwe Bolte das Federvieh raubten, den Meister Böck neckten mit „Meck, meck, meck, der Ziegen Böck“ oder dem Lehrer Lämpel die Pfeife stopften.
Am Ende nahm es in der Mühle des Müllers und bei seinem Federvieh ein schlimmes Ende… und selbst wenn der erhobene Zeigefinger in den Versen Wilhelms Busch und damit seine schwarze Pädagogik eigentlich nicht zu überhören waren, staunen und lauschen Kinder bis heute….
Meldet sich da Max und Moritz in uns zu Wort, vielleicht nicht ganz so arg – nur mit einem Klingelstreich oder Zahnpasta an der Türklinke?
Können Kinder, können wir oder das Kind in uns unserer neckischen Phantasie freien Lauf lassen in den Geschichten der Lausbuben, ohne Strafe fürchten zu müssen wie Max und Moritz?
Ist es die Faszination des Bösen, die es unbestreitbar gibt?
Das Leben und die Moral wünscht sich, ein Ende, das die Gerechtigkeit wieder herstellt: darum eben: wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe… Denn das muss ja schlimm enden!
Aber manchmal sind wir am Ende und verstehen die Welt nicht mehr. Wir sind am Ende und hoffen, dass alles endlich ein Ende findet…
Ich kann nicht mehr, ich möchte mich am liebsten verstecken und vergraben. Aber es kommt immer mehr, es gibt keine Wende zum Guten. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen, es scheint ungerecht im Leben zuzugehen, sonst wären die Lasten anders verteilt. Leben könnte doch auch einmal gradlinig verlaufen, meine Hoffnungen, Träume und Pläne in Erfüllung gehen, nicht alles nur Kampf, manches doch auch einmal Kür sein, die Freude größer als die Sorge, der Sieg einmal süßer als die vielen Niederlagen im Alltag.
Was bleibt am Ende?
Das Leben nur Mühe und Plage, Last und Arbeit, ausgehalten bis zum Schluss und das Trachten des menschlichen Herzens nur böse von Jugend an…?
Der nicht ganz verzweifelte und in Depression versunkene Realist rettet sich vielleicht noch mit der Einsicht: es kann (nur) noch besser werden.
Der Pessimist hat längst aufgegeben und resigniert: das nimmt ein schlimmes Ende.
Unterwegs übersehe ich vor mit oft nur ein kurzes Stück meines Weges, hinter der Biegung ist das nächste Stück noch verborgen, das Auf und Ab der Hügel vor mir, der sich windende Weg drum herum und nicht einfach gerade zu, lassen mich zweifeln, ob ich je ans Ziel komme. Ich müsste doch einfach drauf los laufen können und dann schneller ankommen?
Aber so ist das Leben nicht und bin ich am Abend endlich ans Ziel gelangt und schaue mich um und sehe vom Ende aus auf den Weg, dann …
Jetzt mag jeder einen Augenblick innehalten: denn Lebensbilanz kann jeder nur für sich ziehen, den Weg, den er gegangen ist überschauen, abwägen, ob denn der gerade Weg der kürzere, bessere und sichere Weg zum Ziel gewesen wäre oder ob nicht manche Umleitung, manche Anstrengung und auch manche Last einen Weg erst gangbar gemacht hat. Ich bin froh nicht immer mit dem Kopf durch die Wand und geradwewegs ins Leben gelaufen zu sein, sondern entdecke, dass mancher Umweg der leichtere und manches Schicksal eine Wachstumsaufgabe waren, ohne die ich nicht geworden wäre, was ich bin und manches Unglück sich im Nachhinein auch als eine Chance herausgestellt hat.
Es ist zu einfach immer nur mit Ach und Weh auf das Ende zu sehen.
Josefs Brüder haben sicher allen Grund dazu: Neid, Eifersucht und Missgunst haben sie alle Bruderliebe vergessen lassen, als sie ihren Bruder in die Sklaverei verkauft und den Vater in ein tiefes Tal der Tränen und der Trauer gestürzt haben. Über die Abgründe menschlicher Gedanken und Motive kann man in dieser Geschichte viel lernen und wie bei Wilhelm Busch halte sich auch hier nicht jeder gleich für etwas besseres.
Es war nie gut gemeint und die Brüder waren auch nie nur die Opfer einer höheren Macht, die letztlich tun mussten, was geschehen sollte, sondern sie haben aus ihrem Herzen eben doch eine Mördergrube gemacht, das Böse nicht nur gedacht, sondern getan. So sind Menschen eben auch, nicht nur Opfer ihrer Verhältnisse, so verständlich Eifersucht unter Geschwistern sein mag und bis heute vorkommt, sie waren Täter der bösen Gedanken ihres Herzens, nicht weil Gott das wollte, sondern weil sie sich so entschieden haben. Nicht Gott hat unbegreiflich schlimmes zugelassen, Brüder haben in freier Entscheidung Bedenken des Gewissens, also moralisches Empfinden in sich zum verstummen gebracht. Alle Fragen nach dem Warum und Wieso verlaufen letztlich irgendwo im nirgendwo.
Wieso ich?
Warum mir?
Was habe ich getan, folgt denn die Strafe immer einer bösen Tat?
Bei Max und Moritz ist das so und dann ist die Welt wieder in Ordnung, alle Rachebedürfnisse befriedigt – auch wenn wir lieber von ausgleichender Gerechtigkeit reden.
Im Leben sind die Antworten schwerer zu finden und die Verhältnisse wesentlich komplizierter. Wobei die Einsichten Josephs etwas zutiefst tröstliches und beruhigendes haben: ihr gedachtet es böse, aber Gott gedachte es gut mit mir zu machen.

Joseph konnte nie wirklich ahnen, dass sein Weg in die Sklaverei, in das Haus Potiphars, in den Kerker des Pharaos, am Ende ein Weg war, der ihn neben dem Pharao an die Spitze des Staates führte und ihm erst möglich machte, seine Sippe vor dem Hungertod zu retten und Gottes Verheißung eines großen Volkes real werden zu lassen.
Hinter her war ihm das deutlich und dann ein leichtes den Brüdern zu verzeihen, aber mittendrin: wie oft wird er geflucht, gehasst oder einfach nur gezweifelt haben.
Der Blick vom Ende aus kann etwas befreiendes haben und mein Glaube und mein Vertrauen leben fast ausschließlich von der Erwartung eines guten Ausgangs, nicht erst im Himmel als Vergeltung für eine irdische Hölle, sondern am Ende eines Weges, dessen Ziel mir verborgen bleiben musste, dass aber Gott für mich immer im Blick hatte.
In der Erwartung eines guten Ziels und Ausgangs lohnt sich nämlich alles Engagement, alles Durchhalten, alle Leidenschaft, Leben mit jedem Atemzug und jedem Schlagen meines Herzens.
Es lohnt sich der Einsatz für jeden Menschen, der mir begegnet, egal wie hoffnungslos er gilt.
Es lohnt sich jeder Einsatz für Gottes bunte und vielfältige Welt, weil Gott das Ergebnis seiner schöpferischen und liebevollen Phantasie nicht einfach preisgeben wird.
Es lohnt sich jede Erfahrung von Liebe unter Menschen, weil sie nicht verdampfen, sondern Frucht und Segen bringen wird.
Es lohnt sich jeder gute Gedanke und jeder gute Wunsch, weil er nicht leer zurückkehren wird.
Von allem Guten kann nichts verloren gehen, selbst wenn es einen Augenblick verborgen zu sein scheint.
Nur eins verbietet: sich an die Stelle Gottes zu setzen und Urteile zu fällen. Joseph weiß das: stehe ich denn an Gottes statt?
Nein Joseph, keiner steht an Gottes Stelle und deshalb sollten wir uns immer und überall davor hüten, göttliche Urteile sprechen zu wollen – weder über unser Leben noch – über das anderer. Welche Anmaßung und welcher Frevel wäre das. Aber Gott die Ehre zu geben darüber, dass er aus Bösem, Leidvollem, Unvollkommenen etwas Gutes werden lassen kann, ist uns immer möglich und das allein ist Ausdruck lebendigen Glaubens, nicht die moralische Überheblichkeit.
Und so fürchte ich dann kein Ende, sondern vertraue auch mit und Blick auf das vermeintliche Ende auf das, was Gott daraus Neues und Gutes wachsen und entstehen lassen kann und will: Leben in Fülle und Ewigkeit.

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