Mit einem Lächeln im Gesicht

Es war wieder einmal passiert. Eben hatte ich den Schlüssel noch in der Hand, ich wollte ihn dort hinlegen, wo er immer liegt, um ihn schnell zu finden. Unterwegs fällt mein Blick aber noch auf all das, was schnell weggeräumt werden muss und kaum ist dies erledigt – ist er verschwunden, der Schlüssel. Er liegt natürlich nicht dort, wo er immer liegt, das wäre ja auch zu schön und zu einfach. Selbstzweifel machen sich breit. Ob ich mir bereits Sorgen machen muss, dass dies immer wieder passiert? Was empfehlen die freundlichen Menschen aus dem Werbefernsehen oder in der Kirchenzeitung doch gleich für ein Pflanzenpräparat? Ich habe gerade keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn ich wollte ja längst aufgebrochen sein. Also schnell suchen…aber je schneller der Blick hin und herfliegt, je verzweifelte ich an jeden nur möglichen Ort schaue, in Gedanken alles noch einmal ablaufe, desto mehr macht sich Ärger,Verzweiflung und Unruhe breit… obwohl ich weiß, irgendwann werde ich ihn finden, fast dort, wo er immer liegt und dort, wo ich auch beim Suchen einige Male nachgeschaut habe. Aber ich muss los, es ist höchste Zeit. Ich komme nicht gerne im letzten Augenblick zum Gottesdienst. Außerdem bin ich heute Gastprediger, will noch einmal den Ablauf durchsprechen, mir die Situation vor Ort anschauen und einige der Besuches dieses Festes begrüßen, das wie jedes Jahr beinahe wie ein kleiner Kreiskirchentag mit einem Gottesdienst beginnt. Also nehme ich den Zweitschlüssel
Die Posaunen fangen an zu blasen, die Gemeinde hat überwiegend im Schatten Platz genommen, aber am Rande ist ganz schön Gewusel wahrzunehmen. Familien mit Kindern an der Hand oder im Kinderwagen kommen, bleiben einen Augenblick stehen, gehen dann weiter, man kann Musik im Hintergrund von einzelnen Ständen hören, die doch eigentlich erst in einer Stunden aufmachen sollten, Willkomensrufe, Freudenschreie und lautes Stimmgemurmel sind zu hören, vielleicht ein bisschen wie am Strand an einem Sommersonnentag. Ich schaue dabei in hier und da verärgerte Gesichter, schließlich wird doch hier Gottesdienst gefeiert und das ist eine ernste Angelegenheit, die nicht zuviel Spaß versteht.
Aber es ist halt auch ein großes, fröhliches Sommerfest und da sind die Menschen unterwegs, in erwartungsvoller und in ausgelassener Stimmung – und das sieht und hört man.
Heute liegt also alles ganz nah beieinander: Verzweiflung mit einem Hauch Panik am Anfang, Hektik und Aufregung, Anspannung und Ernst, leichter Unmut in einigen Gesichtern, den ich ein bisschen vergnügt wahrnehme und ausgelassene Sommerfeststimmung. Die ganze Palette und das ganze Leben und das alles an einem einzigen Sonntagvormittag.
Ich habe übrigens am Nachmittag den Schlüssel ganz schnell gefunden und die für das Fest Verantwortlichen versicherten mir, dass sich alle Mühe gelohnt habe und der Tag ein voller Erfolg war.
Wenn ich das Drehbuch für diesen Tag hätte schreiben können, dann hätte ich dafür gesorgt, dass es im Gottesdienst bei diesem Fest wie am heutigen Sonntag um die Freude geht, die groß ist, wenn einmal liebgewordenes, was zuvor verlorengegangen ist, wiedergefunden wird und hätte heimlich, aber herzlich in mich hineingelächelt… Mitten aus dem Leben, so waren und so sind sie, die Geschichten, die Jesus den Menschen anbietet. Und dann kommt gleich dieses gute Gefühl: genau, wie bei mir – das kenne ich.
Nun konnte ich das Drehbuch für diesen Sonntag damals nicht schreiben,aber heute darf ich meiner Phantasie ja freien Lauf lassen und so entdecke ich mich mit einem Mal in einer Kirchenvorstandsitzung, in der es wieder einmal um gewichtige Fragen der Gemeindeentwicklung und um Positionen in unserer Landeskirche. Und falls es Ähnlichkeiten gibt, sind sie bestimmt und natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt!
Da hat die Kirchenmitgliedschaftsstudie ergeben, dass Gemeinden wie die unsrige geprägt sind durch Geselligkeit und Nachbarschaftskontakte im Lebensstil des Harmoniemilieus. Wunderbar beschrieben, nicht wahr? Man ist gerne gesellig und unter sich, denn man kennt sich und das soll nach Möglichkeit auch so bleiben. Es geht familiär zu und in einer Familie ist ja auch nicht ständig ein Kommen und Gehen, sondern da herrscht Kontinuität und Beständigkeit. Und dennoch bemüht sich das Presbyterium darum neue Zielgruppe zu definieren und Menschen zu erreichen, die mit Kirche bisher nicht so viel zu tun hatten.
Ein Willkommensbrief soll an Zugezogene geschrieben werden und zunächst einmal im Jahr will man ein Willkommensfest feiern. Dem Brief soll eine Antwortkarte beigefügt werden, mit der jeder/jede signalisieren kann, ob Besuch vom Pfarrer/von der Pfarrerin gewünscht ist.
Es wird überlegt, ob man nicht auf dem Wochenmarkt regelmäßig mit einem Infostand präsent sein kann und über das Erscheinungsbild des Gemeindebriefes will man nachdenken in der Hoffnung, Menschen anzusprechen, vielleicht sogar wiedergewinnen zu können.
Der Kirchenchor plant einen Schnuppermitsingetag, aus dem nicht gleich eine jahrelange Mitgliedschaft werden muss und auch die potentiellen Konfirmanden sollen erst mal sondieren dürfen ehe sie verbindlich angemeldet werden müssen. Ja man gibt sich alle erdenkliche Mühe auf der Suche nach neuen engagierten Gemeindegliedern, egal ob sie schon eingetragene Mitglieder sind oder nicht.
Die Diskussion im Presbyterium, das bei uns Gemeindekirchenrat heißt war fröhlich, engagiert und richtig gut.
Aber dann kommen die heiklen Tagesordnungspunkte, die ein bisschen auf die Stimmung schlagen und bei einigen die Angst wächsen lässt, dass es Streit geben könnte.
Die Willkommensinitiative für Flüchtlinge möchte Gemeinderäume für Sprachkurse und Begegnungsabende nutzen. Sofort sind alle Bedenken und Ängste präsent, die es überall in der Gesellschaft gibt. Die einen freuen sich auf Menschen aus anderen Kulturen und möchten sie kennenlernen, die anderen machen sich Sorgen um die Sauberkeit und Unversehrtheit der Räume, fragen, wer die Verantwortung und trägt und auf den Lärm achtet, wenn nicht pünktlich um 22.00 Uhr Schluss ist. Ganz zu schweigen davon, dass es ja zu Streit kommen kann, wenn verschiedene Nationalitäten und Kulturen zusammenkommen…
Man vertagt sich, weil die Entscheidung verständlicherweise zu grundsätzlich ist, um aus dem Bauch heraus getroffen zu werden und weil auf der Tagesordnung noch ein anderer brisanter Punkt zu besprechen ist:
ein junges Männerpaar hat angefragt, ob es eine Segnung feiern kann aus Anlass der Eintragung ihrer Lebenspartnerschaft… sie sagen es nicht ganz so kompliziert, sie fragen, ob sie in der Gemeinde kirchlich heiraten können. Die einen freuen sich auch hier, dass sich dieses junge Paar seiner Kirche und dem Glauben so verbunden fühlt, dass sie um Gottes Segen bitten, die anderen sehen sofort grundsätzlich nicht nur Schrift und Bekenntnis, sondern vor allem die Moral in Gefahr, nur dass eben die Anfrage jetzt auf dem Tisch liegt und man um diese Frage nicht länger herumkommt, zumal die Landeskirche ( da spreche ich jetzt für die EKBO) plant ab 2016 Segnungen und Trauungen gleichzustellen.
Das eine Mal möchte man Menschen neu gewinnen und motivieren, mitzumachen und mitzuleben, mitzugestalten und mitzufeiern.
Dann sind mit einem Mal Menschen da, an die man zunächst gar nicht gedacht hat, die aber vor Krieg, Hunger und Verfolgung geflohen sind und zum Teil ihre Leben riskiert haben und nun hoffen willkommen zu sein.
Und dann sind da jung und glücklich verliebte Menschen, die ein gemeinsames Leben nicht ohne Segen wagen wollen, nur dass sie eben nicht Mann und Frau, sondern Mann und Mann sind.
Was für eine Sitzung im Presbyterium !
Und über allem und vor allem standen wie eine Ouvertüre die Gleichnisse Jesu von der Freude über das Gefundene.
Ich weiß, dass Jesus von der Freude über die Sünder spricht, die Buße tun. Aber ich weiß auch, dass er das ja nicht exklusive meint, als gelte das immer nur für die anderen, die da bisher außen vor Gebliebenen Er meint das ja inklusive: der Himmel freut sich über uns alle gleichermaßen, ohne Unterschied, und er freut sich darüber, dass seine Liebe uns gefunden hat, frei von aller falschen Moral, eher mit freundlichem Lächeln darüber , wie es denn mit unserer Freude bestellt ist über die, die sich finden lassen, auf die wir stoßen oder gestoßen werden oder die einfach an die Tür klopfen. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass uns Freude als Grundhaltung und Grundstimmung sehr gut zu Gesichte steht und dem Himmel erst recht ein Lächeln ins Gesicht zaubert!

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