Wolle und andere Schafe

<i>Einleitung und Schluss sind frei nach:
McDonough, Andrew: Wolle & Freunde, Teil 1: Wolle, das verlorene Schaf, Holzgerlingen 2007.</i>

Es war einmal ein Mann der hatte Tiere und zwar Schafe.
Viele, viele Schafe.
99 Schafe…
…und Wolle!

Eines Tages lag Wolle an einen Stein gelehnt und träumte vor sich hin:
„Immer das gleiche: Morgens aufwachen, Gras fressen, Wasser trinken, Gras fressen und wieder Wasser trinken… Das ist mir zu langweilig. Ich will mehr.
Ich könnte mit einer Band durch’s Land ziehen und Musik machen. Ich könnte durchbrennen. Ich könnte mich auf den Weg machen…
…zu den Bergen!
Ja, zu den Bergen!“

Wolle schaute nach links. Wolle schaute nach rechts.
Keiner guckte. Und schupps, über den Fels. Dann vorsichtig auf Zehenspitzen über die Wiese und dann nichts wie ab zu den Bergen. Ja, zu den Bergen.

Wolle flitzte durch das Land und erreichte ganz schnell die Berge und er kletterte in den Bergen immer höher und immer höher. Es war sehr aufregend. Wolle kletterte an einer steilen Felswand entlang und dann ging es plötzlich nicht mehr vorwärts.
Und rückwärts ging es auch nicht mehr. Gar nichts ging mehr. Wolle steckte fest.

Was nun? Was würde der Schäfer bloß tun, wenn er ihn hier fand? Er würde ihn bestimmt an den Hammelbeinen packen und den Berg herunter schleifen. Und er würde ihn bestimmt mit dem Hirtenstab hauen und dann würde er ihn bestimmt sofort schlafen schicken.
Ohne Abendbrot.

Währenddessen zählte der Schäfer zuhause seine Schafe: Mathilda: 1; Friederike: 2; Ernst: 3; Egon: 4; …Kunigunde:97; Ottokar: 98; und Edelgunde: 99.
99?!?
Eins fehlt! Wo ist Wolle???

Der Schäfer schaute nach links. Der Schäfer schaute nach rechts. Und dann sah er spuren an einem Felsen. Und als er um den Felsen herum ging sah er weitere Spuren und die führten…
zu den Bergen. Ja, zu den Bergen!

Also machte sich der Schäfer auf zu den Bergen. Und er suchte und suchte, aber nirgends war eine weitere Spur von Wolle zu sehen und Wolle selbst auch nicht. Aber der Schäfer gab nicht auf. Er suchte und suchte und so langsam neigte sich der Tag und der Schäfer wollte gerade für heute aufgeben da hörte er vor ferne ein ganz zaghaftes „Mäh“.
Er schaute sich um und da sah er Wolle hoch oben auf einem Felsvorsprung.

[TEXT]

Wolle ist weg und der Schäfer geht und sucht es, bis er es gefunden hat.

Wir haben vorhin das Lied „Nun danket alle Gott gesungen“. Gerhard Schöne ist ein Liedermacher, der in der DDR groß geworden ist und viele schöne Lieder geschrieben hat. Er hat auch etliche alte Choräle mit neuen Texten versehen und so auch „Nun danket alle Gott“.
Sein neuer Text ist eine perfekte Antwort oder vielleicht auch Weiterführung dieses Gleichnisses vom verlorenen Schaf:

Gott gibt keinen Menschen auf! Niemals!
Selbst wenn ein Mensch Gott aufgibt, gibt Gott diesen Menschen niemals auf.

Und es gibt wenig Dinge in unserem Glauben, die so tröstlich sind wie diese Wahrheit. Gott gibt keinen Menschen auf. Mich nicht und Euch nicht und auch die Menschen, die wir lieb haben nicht.

Und wer von Gott weglaufen will, dem läuft Gott hinterher. Aber nicht wütend oder voller Häme und Schadenvorfreude.

Und Gott ist da wie eine Mutter, die ihr Kind natürlich laufen lässt und sagt: „Wenn du das alleine probieren willst, dann probiere es. Ich helfe dir gerne, aber nur wenn du willst.“ Da Kind will aber nicht, denn es will groß und erwachsen sein. Also lässt die Mutter es loslaufen. Aber sie wird immer in der Nähe sein und wenn das Kind dann doch fällt, ist sie schnell da und tröstet es – wenn es sich denn trösten lassen will.

Bei Gerhard Schöne klingt das noch viel schöner und zwar so:

Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen,
die uns so liebevoll beschenkt an allen Enden.
Die zärtlich uns umhüllt, uns birgt in ihrem Schoß,
wenn uns so elend ist, so weh und heimatlos.

Oh Gott, mein großes Glück, dein Lieben hat kein Ende.
Du hältst mich nicht zurück, wenn ich mich von dir wende.
Doch wenn ich ausgebrannt, verzweifelt schrei nach dir,
kommst du mir nachgerannt und heilst die Wunden mir.

Mein Gott, ich freu mich so, wenn ich dich bei mir spüre.
Und werde nicht mehr froh, dann, wenn ich dich verliere.
Bleib in mir, wertes Licht, laß lachen meinen Mund,
erhelle mein Gesicht und küß mein Herz gesund.
<i>Schöne, Gerhard: Nun danket alle Gott, erschienen auf: Ich bin ein Gast auf Erden, 1991.</i>

Für mich und für euch bedeutet das ein Gefühl von Geborgenheit bei Gott und das sichere Wissen, dass wir eine Heimat haben, ein zuhause bei einem, der immer da ist.

Für mich und für euch bedeutet das aber auch, dass wir immer wieder und sehr sehr nachdrücklich zumindest versuchen müssen, genauso auch zu sein und zu handeln.

Jesus erzählt Gleichnisse um die Menschen zu trösten.
UND: um sie aufzurütteln.
Lassen wir uns aufrütteln, denn es ist nötig.
Wir dürfen auch keinen Menschen aufgeben, was manchmal wirklich nicht einfach zu sein scheint.

Ich denke, wir alle haben, wenn wir uns nur etwas in unserem Leben umschauen, nur etwas zurückblicken, Menschen vor Augen, bei denen Hopfen und Malz verloren sind – jedenfalls denken wir das.
Und es ist ja manchmal auch so bequem und nett mit anderen in ein Klage- oder gar ein Spottlied einzustimmen, das andere über jemanden singen. Singen wir besser nicht mit.
Kein Mensch darf aufgegeben werden. Nicht unser ärgster Feind, nicht der nervige Nachbar, nicht der Flüchtling und nicht der, der uns offenbar aufgegeben hat. Das ist ein schwerer Weg.

Also machte sich der Schäfer auf zu den Bergen, ja zu den Bergen. Und er suchte und suchte und suchte und da plötzlich hörte er vor ferne ein ganz zaghaftes „Mäh“.
Er schaute sich um und da sah er Wolle hoch oben auf einem Felsvorsprung.

Und was tag der Schäfer bloß, als er Wolle dort gefunden hatte? Packte er ihn an den Hammelbeinen und schleifte den Berg herunter? Haute er ihn mit dem Hirtenstab hauen und schickte ihn sofort schlafen?
Ohne Abendbrot?

Nein, er nahm Wolle auf seine Schultern und trug ihn nach Hause zu den anderen 99 Schafen und sie feierten ein fröhliches und wildes Fest und sie gingen alle sehr spät schlafen in dieser Nacht.

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