O nein – zurück kann einer doch!

Liebe Gemeinde,
wieder einmal ist uns heute eine Erzählung aus dem Evangelium gegeben, die so bekannt ist, wie der Donner beim Gewitter. Ihre Überschrift, die sich über Jahrhunderte gehalten hat lautet „Der verlorene Sohn“. Sie ist längst zur fest etablierten Formel geworden. Zur Redensart, die unsere Sprache bereichert und nach wie vor kräftig im Gebrauch ist. Ich habe einmal nachgeschaut, wie und wo vom „verlorenen Sohn“ zurzeit speziell in den Medien die Rede ist. Dabei habe ich herausgefunden, dass besonders die Sportreporter mit Vorliebe von verlorenen Söhnen schreiben. Meistens von Fußballern, die Jahre nach ihrem Weggang wieder zurückkehren zu ihrem Heimatverein oder zu dem Verein, in dem ihre Karriere einst begonnen hat. Das hat sich eingebürgert, ist zur allseits bekannten und gebrauchten Redensart in unserer Sprache geworden und wird von allen gebraucht, von Katholiken und Protestanten, von Gläubigen und von Ungläubigen. Der verlorene Sohn – das steht zwar so in der Bibel – jedenfalls bei Luther –, aber nicht im biblischen Text. Es ist eine redaktionelle Ergänzung und ich vermute, dass diese Bezeichnung die nächste Bibelrevision nicht überstehen wird. In vielen neueren Übersetzungen heißt es dementsprechend auch schon z. B. „Vom Vater und seinen zwei Söhnen“. Denn es geht weiß Gott nicht nur um den einen Sohn. Und selbst wenn, dann ist es ja auch nicht so, dass dieser eine Sohn nur und endgültig verloren ist. Die ganze Geschichte ist wichtig und nicht nur eine einzelne Figur daraus. Und natürlich die Dynamik, die in der Geschichte steckt. Die Bewegung, die Entwicklung, die Emotionen/Gefühle, das Eingreifen, Rettungs-, Heilungs-, Erklärungsversuche. Ich möchte im Folgenden auf drei Grunderfahrungen eingehen, denen wir in der Erzählung begegnen und auf eine, wie ich finde, sehr schöne und interessante Bezugnahme auf Jesu Gleichnis in der Literatur.
Die erste Grunderfahrung ist die Konkurrenz bzw. Eifersucht. Wer kennt das nicht? Der Blick zum Nachbarn, Kollegen, Kumpel, Klassenkameraden oder Vereinsmitglied? Das neue Auto, der teure Urlaub, die wohlgeratenen, strebsamen, erfolgreichen Kinder, die makellose, steile Karriere, das scheinbare Gelingen jedes Handgriffes… Die beiden Brüder in unserer Erzählung sind ja ziemlich unterschiedlich. Und das Thema Neid, Eifersucht, Konkurrenz wird auch ausdrücklich angesprochen. Der ältere tut es: Er wirft dem Vater vor, dass der nicht einmal eine magere Ziege herausgerückt hat in all den Jahren. Er, der Sohn hat funktioniert und gehorcht, gemacht, was angesagt war, am selben Strick gezogen – und er hat nichts bekommen, keine Belohnung, keine Naturalien, um wenigstens zwischendurch einmal ein kleines Fest zu feiern. Nichts, niente, nada! Ich gebe gerne zu, dass so etwas mich selbst auch recht leicht auf die Palme bringt. Ich wäre ebenfalls stocksauer gewesen. Doch, liebe Gemeinde, diese Geschichte will nicht irgendein gängiges oder bürgerliches Familienleben abbilden. Sie will uns etwas über Gott sagen. Gott – das wissen wir seit Kindertagen – Gott soll im Vater in der Geschichte entdeckt werden. Und diese Geschichte sagt uns: Gott ist keine Krämerseele. Gott tickt nicht wie eine deutsche Bausparkasse, nicht wie eine Rentenversicherung oder Lebensversicherung. Denn da geht es ja immer darum, dass man dann am Ende etwas kriegt, wenn man am Anfang – von Anfang an regelmäßig etwas gebracht – sprich einbezahlt hat. Gott ist nicht der Erbsenzähler, sondern der, der Liebe verschenkt, der gnädig ist, der sich ohne Ende freut, wenn jemand freiwillig, aus Einsicht oder auch aus einer Not heraus die Kurve kriegt und sich an ihn erinnert und wendet.
Die zweite Grunderfahrung steckt in dem Motiv verloren gehen und wieder finden. In unserem Predigttext sind ja 7 Verse ausgespart, 4-10, das sind zwei kurze Gleichnisse: vom verlorenen Schaf und von der verlorenen (wörtlich) „Drachme“. Das ist keine Anspielung auf Griechenland. Das würde auch schlecht passen, denn dort ist unendlich viel mehr verloren gegangen als nur eine Drachme. Das ganze 15. Kapitel bei Lukas handelt vom Verlieren und vom wieder finden. Und auch das kennen wir bestens aus unserem Leben: Immer wieder verlieren wir etwas – und oft genug finden wir es nicht mehr: Geld oder Geduld, Gesundheit oder Gefühle, Schlüssel oder Schlampermäppchen, Kontrolle oder Contenance. Jede Woche verlieren wir sieben Tage unserer Lebenszeit. Und jede und jeder von uns verliert auch dadurch Lebenszeit, dass er oder sie – ähnlich wie der jüngere Sohn im Gleichnis – falsche Entscheidungen getroffen hat. Entscheidungen, bei denen Angehörige, Eltern oder Freunde nur den Kopf geschüttelt haben – und wir haben es nicht verstanden oder auch nicht verstehen wollen, weil wir nicht so weit waren oder eben das berühmte Brett vor dem Kopf hatten. Wer von uns kennt das nicht? Ich will nicht verleugnen, dass wir auch etwas dazu gewinnen: Erfahrungen, Erlebnisse, vielleicht auch Geld und Gut. Und trotzdem wird alles immer weniger – und das letzte Hemd, das wissen wir auch ganz genau, das letzte Hemd hat keine Taschen – nicht mal eine einzige kleine. Darum will uns Jesu Erzählung auch sagen, dass das Leben im Glauben kein Weg ist, in dem wir uns Tag für Tag mehr verlieren, kein unumkehrbarer biologischer Abbau, kein Weg auf ein totes Abstellgleis. Unser Weg ist ein Weg zu Gott. Ein Weg zum großen Abschluss, ein Weg in die Arme und ins Reich Gottes, ein Weg in die Erlösung und in die Freude. Ein Ankommen daheim. Ein deutscher Fußballverein, dessen Name ich so schlecht aussprechen kann, hat 2012 vom „Finale dahoam“ gesprochen. Das Championsleague Finale im eigenen Stadion. Doch sie haben es verloren. Es ist zum Trauma dahoam geworden. Der jüngere, heimkehrende Sohn hat so etwas wohl befürchtet, Der ältere, immer daheim gebliebene Sohn hat es womöglich erhofft: Zoff und Unverständnis beim Vater, Schimpf und Schande über den Heimkehrer, ein Drama, das zum Trauma wird. Doch es ist ganz, ganz anders gekommen. Wir wissen es. Und heute hören wir es und hoffentlich behalten wir es.
Die dritte Grunderfahrung, die der Text anspricht, ist die existentielle Not des jüngeren Sohnes am Ende in der Fremde. Es herrscht Hungersnot. Er hat nichts mehr. Schon mit dem Schweinefutter wäre er zufrieden gewesen. Doch selbst das ist tabu. Er ging wohl auf das Verhungern zu. So wie heute nach 2000 Jahren immer noch Millionen Menschen. Dabei wäre das Hungerproblem auf der Welt ein leicht zu lösendes. Denn auf der Erde haben wir kein Problem des Mangels an Lebensmitteln, sondern ein Verteilungsproblem. Die Menge an weggeworfenen Nahrungsmitteln würde locker und lässig ausreichen, um alle Menschen auf der Erde satt zu bekommen. Gerade vor drei Tagen hat der WWF eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass allein in Deutschland im Jahr 18 Mio. Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Fast ein Drittel des Gesamtbedarfs. Jede Sekunde sind das 313 kg. Das, liebe Gemeinde, sind keine guten Zahlen. Keine Zahlen, über die der liebe Gott sich freut.
Ich habe anfangs noch einen literarischen Bezug angekündigt. Der kommt jetzt. Zum Abschluss. Ich denke, der Name Heidi sagt uns allen etwas. Die Schweizer Autorin Johanna Spyri hat 1880/81 zwei Bücher über die kleine Heidi geschrieben. Sie gehören zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt. Am Ende des ersten Teils wird das Buch richtig theologisch. Heidi unterhält sich mit dem Großvater, dem schrulligen, bärbeißigen Einsiedler, der völlig isoliert und von Gott und der Welt getrennt, oben auf seiner Alm wohnt. In seiner Jugend hat er einst sein Erbe schnell und sinnlos durchgebracht(!). In dem Gespräch bittet Heidi den Großvater, Geld, das eigentlich für die Anschaffung eines vernünftigen Bettes für sie gedacht ist, dazu zu verwenden, Gutes zu tun und armen Menschen eine Freude zu machen. Als sie ihn schließlich erweicht hat, flippt sie fast aus vor Freude. Vor allem aber interpretiert sie es als Gebetserhörung und erklärt dem Großvater mit äußerster Überzeugung, dass ein Leben mit Gott, im Vertrauen und im Gehorsam gegen Gott sich über alle Maßen lohnt. Dass aber auch umgekehrt Gott sich von denen abkehrt, die sich von ihm verabschiedet haben. Darauf sagt der Großvater (Zitat): „Und wenn’s einmal so ist, dann ist’s so; zurück kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat er vergessen.“ – Darauf antwortet die kleine Heidi dann entrüstet: „O nein, Großvater, zurück kann einer doch, das weiß ich auch von der Großmama, und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem Buch…“ – Das Buch, liebe Gemeinde, ist dann eine illustrierte Kinderbibel und die Geschichte ist die Geschichte vom verlorenen Sohn. Mit Feuereifer liest Heidi dem Großvater die Geschichte vor und zeigt ihm die Bilder und ist begeistert. – Ganz große Theologie aus dem kleinen Kindermund im Kinderbuch von vor 135 Jahren. Das Ergebnis ist, dass der Großvater in derselben Nacht und unter Tränen wörtlich zu Gott betet: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen!“ Ich gebe gerne zu, dass mir die couragierte und glaubensfeste Art der kleinen Heidi sehr imponiert. Und kann man es schöner ausdrücken: „O nein… zurück kann einer doch…“ Der jüngere und der ältere Sohn im Gleichnis; der Großvater im Kinderbuch; Sie und ich, jede und jeder – jederzeit. AMEN.

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