Von den verlorenen Vätern und Müttern

(0) Der verlorene Sohn. Oder eigentlich: Die verlorenen Söhne, beide doch weit vom Vater entfernt. Der eine unterwegs, bis er sein Leben vor die Wand fährt, der andere jeden Abend zu Hause und hat keine Ahnung davon, wie gut, wie freundlich sein Vater ist.
Der verlorene Sohn also. – Und irgendwo, ich glaube im Jahr mit der Bibel 2003, fand ich auch einen Comic von der verlorenen Tochter.

Aber dann – Sohn, Tochter, einerlei, das gibt’s ja beides: Wie oft haben Sie diese Geschichte gehört? Wie oft wurde sie ausgelegt? Soll ich’s auch machen, noch mal, mittlerweile zum vierten oder fünf­ten Mal, und am Ende sagen Sie: „Na und? Was solls. Nichts Neues!“
(1) Mir schwebte über die Woche eine Weile vor, Ihnen die Geschichte vom verlorenen Vater zu erzählten – das könnte natürlich auch eine Mutter sein. Vom Vater, von der Mutter, die umgekehrt auch verloren haben: Den Kontakt zum Kind, zu den Kindern. –
Weil was dazwisch­en trat, zwischen Eltern und Kindern – einfach nur die Pubertät und das Abna­beln ging zu heftig von Statten, hat Verletzun­gen hinterlassen. Oder Schuld, erkannte und mindestens ebenso uner­kannte.
Und der Vater, die Mutter, die stehen mit bei­den Händen voll Liebe da – und keiner will sie haben.
Die Tragik erlebt der Vater. Die Tragik erleben auch Eltern quer durch die Geschichte wo­mög­lich bis zu uns, in die Gottesdienstge­meinde hinein.

Manchmal sind da auch nur ganz subtil Sät­ze, die ich von Älteren öfter höre: „Unsere Kinder kommen in den letzten Jahren nicht mehr so oft wie früher. Die haben keine Zeit, so viel zu tun … ich seh’ sie kaum noch.“
Verständnis höre ich, ein die Kinder in Schutz nehmen – schließlich sind’s ja meine Kinder –, weil ich sehe, dass ihr Verhalten vielleicht nicht gerade rücksichtslos ist, aber eben auch nicht richtig. „So geht man doch nicht mit­einander um.“ – das und Trauer, Trauer und Schmerz. Ich möchte nicht wissen, wie viele Tränen da heimlich geweint werden: „Sie fehlen mir … sie fehlen uns. Frü­her, da war’s anders, schöner.“
Als Vater von drei Söhnen kann ich mitreden: Wir in Kehl, unsere drei in Tübingen, Mün­chen, Luzern, eben nicht um die Ecke (und selbst das kann manchmal unendlich weit weg sein), sondern Autostunden entfernt. Ist schon manchmal schwer …
Kennen Sie so was?

(2) „Früher war das anders.“ Klar war das früher anders. Trotzdem: Wenn Kontakt ge­stört ist, abbricht, dann wurden im „Früher“ die Weichen für das „Später“, heute, gestellt.
Da gibt’s einige Weichen: Missglückte Kom­mu­­nikation – wir re­den zu wenig miteinander. Und wenn, dann oft nur über Sachen, ganz oben an der Oberfläche: „Wie geht’s? Was macht die Arbeit? Wie geht’s den Kindern?“ –
Wobei hier ich schon ein Fragezeichen setze: Was passiert da eigentlich? Worüber spreche ich, wenn die Arbeit vor den Kindern, den En­keln, erfragt wird? Und über was, das mir wirk­lich am Herzen liegt, spreche ich eben nicht.

(3) Von Emotionen ist da viel zu wenig die Rede – wo sind sie? Wo dürfen sie an die Oberfläche? Wo werden sie einander mitge­teilt?
Weil: Was ich nicht sage, was ich nicht zum Ausdruck bringe, das wird und das braucht die, der Andere nicht wissen.
Das gilt für jede Freundschaft, für jede Part­nerschaft, für jede Ehe, das gilt für das Mitein­ander der Gene­rationen, auch für Eltern und Kinder.

In der Regel funktioniert man eben von Tag zu Tag vor sich hin: Der Hof ist da, die Arbeit muss erledigt werden, „Du machst das und ich das“. So war’s schon immer, so machen wir’s heute und morgen wieder. Warum etwas ändern, wenn’s doch klappt?
Und die Rollen sind verteilt, manchmal wie in Stein gemeißelt. – so, wie beim Älteren der beiden Brüder, dem, der zu Hause bleibt. Der ist ganz nah und doch emotional unendlich weit weg. „Da geht’s lang. Das muss gemacht werden. Alles andere … gibt’s denn noch was Anderes?“
Und ebenso der Jüngere, bevor er seine Rolle innerlich aufkündigt und dann äußerlich auf­bricht.

(4) Was können verlorene Väter, Mütter, von diesem einen Vater aus dem Gleichnis Jesu in der Bibel lernen? Viel.

(4.1) Sein lassen, nicht festhalten, klammern – die, den Andern auch gehen lassen im Ver­trauen: „Wir verlieren beide nichts. Bliebe sie, bliebe er – wir würden beide verlieren.“ Nicht im Sinne von „Reisende soll man ziehen lassen …“ – keine Resignation also, Hoffnung vielmehr: Erobere Dir und erlebe Leben, viel Leben: Du sollst leben und ich will mich mitfreuen.

(4.2) Liebe ist offen für Veränderung, Liebe sucht das Gute des Andern – seine Freiheit, sein Leben.
Töchter oder Söhne sind nicht mein Eigen­tum. Sie sind mir anvertraut. Und sie sollen wachsen, sollen immer mehr erwachsen wer­den können: auch in der Ferne. Auch im Schei­tern. Zu Hause geht das nicht – oder nur sehr schwer.
(4.3) Sein lassen heißt aber auch: Im Gebet mitgehen auf den bekannten und noch viel öfter unbekannten Wegen, die sie einschla­gen. Sein lassen bedeutet in Gedanken Anteil nehmen und das alles ins Gebet bringen: Für sie danken, für sie bitten. Sie segnen. Jesus: „Segnet und flucht nicht.“ Segen und segnen ist Elternrecht und –pflicht.

(4.4) Nichts muss so bleiben, wie es ist. Und wenn’s dann mal nicht so richtig gut oder richtig schief geht: Offen bleiben für Verän­derung. Es muss nicht so bleiben. Es muss nichts so bleiben. Im Leben bleibt alles im Fluss. Erst der Tod ist Stillstand- und selbst da habe ich meine Zweifel.
Ich brauche Dich nicht auf eine Rolle festlegen. Veränderung ist möglich. Auch Veränderung der ach so fest zugeschriebe­nen Rollen und Funktionen ist möglich.
Nicht nur Funktionen: „Du machst das. Das hast Du schon immer gemacht. Das hier kannst Du sowieso nicht.“ (Ach: Sowieso nicht? Ist das so sicher? Bloß weil’s zweimal nicht geklappt hat?)
Auch der Rollen. Niemand ist verurteilt, der ewige Schussel, der ewige Verlierer oder was weiß ich was zu bleiben. Ich habe so ein Urteil noch nie gesehen, wüsste auch nicht, wer das in welcher Autorität aussprechen dürfte. Alles kann anders werden.

(4.5) Entgegen gehen. Eins bewundere ich an dem Vater in der Geschichte. So möchte ich auch gerne sein. Da hat der ja auf dem Hof genug zu tun – aber er hat immer ein halbes oder ein ganzes Auge auf die Strasse: Es könn­te ja sein, dass mein Kind wieder kommt. Und so bleibt es tage-, wochen-, monate-, viel­leicht jahrelang. Und immer mit einem Auge auf die Strasse.

Und als er den lumpigen Kerl dann kommen sieht, ist er im Nu auf den Beinen, lässt alles stehen und liegen, läuft ihm entgegen: Muss man sich mal vorstellen – so ein alter orienta­lischer Patriarch, der sich blitzartig auf die Socken macht.
Das müsste doch eigentlich anders sein: Dass der Sohn so groß mit Hut auf den Knien zu ihm rutscht.

Aber nein – nichts davon: Das ist Vaterliebe, die schon über den Schatten springt, bevor sie ihn überhaupt wahr genommen hat. „Da. Der da hinten. Das isser – hin, nichts wie los …“ Und vergisst, was üblich ist, was man so macht, springt los wie ein junger Hirsch.

(4.6 – noch in Arbeit -) Bereit zur Versöhnung. Ja. Das ist das ultimative Mittel des verlorenen Vater – und auch jeder verlorenen Mutter: Versöhnung. Das bedeutet nicht. „Vergiss die Verletzun­gen, Schwamm drüber, alles i.O.“
Vielmehr, um nachhaltig zu wirken: Schuld, soweit sie auf beiden Seiten vorhanden ist, wird benannt – auch wenn’s irre peinlich ist – und dann vergeben.
Und dann ein neuer Anfang:
Ein neues Kleid, ein Siegelring, Zeichen der Vollmacht, Schule, Zeichen der Freien – und ein Fest.

Bliebe noch der andere Sohn. Und auch da wieder Versöhnung. Auch da benennen und vergeben von Schuld. Auch da wiederherstel­len der Verhältnisse so, wie sie angemessen und gesund sind.

Ob es beim Älteren und dem Vater dazu kommt? Das Ende ist offen.
Da. Auch bei uns.

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