Harter Stoff

Harter Stoff, diese Geschichte, die Jesus erzählt. Da geht es um Leben und Tod, liebe Schwestern und Brüder. – Wobei: Um Leben und Tod geht es ja sowieso in der Bibel.

Um das Leben: Dass Gott mit seiner ganzen Schöpfung den Menschen erschafft und, in der Folge, Sie und mich.
Und um den Tod: Dass Jesus sich das antut, antun lässt. Ungerecht zum Tode verurteilt trägt er das Kreuz nach Golgatha, lässt sich von Menschenwillkür festnageln und stirbt – stirbt den Tod der Sünder, den – damals wie heute – Menschen verdient haben, Menschen wie Sie und ich.
Und dann wieder das Leben, der dritte Tag: Auferstehung, Entsetzen, Staunen, Freude – Er lebt und, so Jesus: Wir sollen auch leben. als Teil der neuen Schöpfung, für die Leben mehr ist als kommen und gehen, werden und vergehen, leben und sterben – als Menschen, die von Gott kommen und durchs Sterben hindurch ins Leben gehen, zum Vater, weil sie um Jesu willen Kinder des Allerhöchsten sind: Sie und ich.

Doch nun zuerst Lazarus. Er. Und der andere, der – ist Ihnen das aufgefallen -, nicht einmal einen Namen hat. Der …, naja: der reiche Mann eben.
Lazarus, der arme Schlucker, der sich durchs Leben bettelt. Wie ist er in diese Lage geraten? Keine Ahnung.

Heute bei uns: Schulden, Trennung, Schei­dung, noch mehr Schulden, Zwangsräumung, Obdach­los, ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung: ein Teufelskreis … aber immer noch ein soziales Netz. Für die Meisten jedenfalls.

Anderswo: Bürgerkrieg, willkürliche Ein­schüchterung, Gewalt, Zwangsrekrutierung auch von Kindern in den Kriegen der Mächti­gen, die nicht nach Recht oder Unrecht fragen, bei denen ein Menschen­leben nicht zählt, zwei oder drei oder hundert auch nicht, bei denen Würde und Respekt Worte sind, die erst noch erfunden werden muss, … und dann Ver­folgung, Mord und Flucht. Die geringen Lebens­grundlagen, oft Teile der Familie, die Heimat zurück lassen.

Lange Wege – wenn’s gut geht (aber ist das wirklich so gut?) ein Flüchtlingscamp im Libanon, wo jeder Dritte im Land Asylant ist, ach was: Flüchtling. Oder in Kenia. Oder anderswo. Oder ein Boot übers Mittelmeer. Und dann? – Willkommen in einem lybischen Gefängnis. Oder versklavt. Oder in Lampedu­sa. Oder in einem griechischen oder unga­risch­en Ge­fängnis. Oder hier, im Land der Willkom­mens­kultur, in dem Asylbewerber­unterkünfte brennen – nicht alle, aber viele; viel zu viele. Und immer wieder.

Aber ich komme vom Thema ab.
Lazarus also. Und der hat dss ganze irdi­sche Elend, Krankheit und Armut, das ständige auf Andere Angewiesensein hinter sich. Er sitzt in Abrahams Schoss.
"Abrahams Schoss. "Klingt fremd, wird Ihnen aber gleich vertraut:
Erinnern Sie sich an Ihre Kinderzeit und sie rennen über den Hof oder die Strasse runter, sie stürzen, schürfen sich ganz eklig das Knie auf, Blut fliesst, Schmerz, Weinen, Hilflosig­keit.
Und dann finden Sie sich verpflastert und getröstet im Schoß der Oma oder der Mutter wieder, kuscheln sich ganz eng an, spüren die Nähe, die Wärme, ein letztes Schluchzen und dann ist wieder alles gut. So nah, so gebor­gen, so heil nun der im Leben so elend geplag­te Lazarus.
Alles ist gut. Ja: Für Lazarus ist nun alles gut.

Dann aber der namenlose Reiche. Auch er stirbt. Und nichts ist gut, gar nichts! Überhaupt nichts.
Im Gegenteil. Er kommt mit dem an Leben – ja: Leben jenseits vom Sterben und nicht nur ein­fach ab in die Grube und gut; In Jesu Vorstel­lungs­welt ist das so – und hat nun mehr Ah­nung vom Leben: Er oder ich? – also: Er kommt mit dem an Leben, was er hat, ganz schön ins Schwitzen. Von Feuerflammen ist die Rede – ob die katholische Lehre vom Fege­feuer hier ent­standen ist?

Also: Wie beim Lazarus ist sein Tod nicht ein Absturz in ein namenloses Nichts. Da, jenseits des Sterbens, geht es ganz schön leben­dig zu.

Fühlen und sehen ist da: Er fühlt seine schlim­me Lage und er sieht Lazarus. Und Abraham. Kommu­ni­kation, sprechen und hören ist da: Er kann sich äußern, der arme, namenlose Rei­che: "Vater Abraham: Schick doch mal den Lazarus rum …"

Doch da enden die Parallelen zu unserem gelebten Leben auch schon – oder doch nicht? Denn aus dem geäußerten Wunsch, aus der Vorstellung, sich bedienen zu lassen, so, wie er’s das ganze Leben lang schon gewohnt war: Daraus wird nichts. Aber auch so was von überhaupt nichts. Denn da ist der Abgrund. Im Grunde wie damals, vor dem Sterben, in die­sem Leben, wie wirs heute leben zwischen ihm und Lazarus.

Abraham: Da kommst Du nicht rüber. Da ist eine Grenze. Wie damals, als Du nicht zum Lazarus kamst, kommen wolltest. Nur: Nun kann die Grenze nicht mehr überschritten werden. Nicht einmal von Lazarus.
Und noch eine zweite Grenze: Der Wunsch, dass Lazarus doch bitte, bitte, seinen Brüdern erscheint, damit die sich ändern, der bleibt unerfüllt.
Wiederum Abraham: Die haben alles an der Hand, haben selbst in der Hand, sich und ihr Leben ändern: Die Schrift – für uns Gottes Wort in der Bibel und da das Gebot Gott und den Nächsten lieben wie sich selbst – das steht schon im Alten Testament. Sollen sie sich doch bitte daran halten, sie können’s doch wissen, wenn sie nur wollen: Der Hokuspokus einer Geister­erscheinung hilft im Vergleich dazu wenig, nichts.
Heißt doch: Die Bibel – damals das Gesetz, die Profeten – zählen ungleich höher als irgend­wel­che okkulten Erscheinungen. Wissen wir ja. Wissen wirs? Wozu dann der Hang dahin bei Vielen? Eben mal der Blick ins Horoskop …

Heißt aber noch etwas Anderes – und das ist jetzt wichtig; auch für Euch und mich: Die Weiche, die die Richtung stellt, wohin ein Mensch, Lazarus, der Reiche, Sie, ich, irgend­wer irgend­wann einmal jenseits unseres Ster­bens lan­den, die ist hier, in diesem Leben.

Der Reiche hat’s vermasselt. Vielleicht, ver­mutlich nicht einmal aus Böswilligkeit. Er ist ja mit großer Wahrscheinlichkeit in seinen Reich­tum hineingeboren worden so, wie viele hier damals in den Sozialismus oder in den alten Ländern in kapitalistischen Egoismus und Hedonismus.
Aber das Eine wie das Andere: Das Gesetz, die Profeten stehen ihm, stehen uns mit jedem Gang am Sabbat zur Synagoge, am Sonntag in die Kirche offen – Er hat versäumt, die richtigen Schlüsse zu ziehen, die richtigen Wege einzuschlagen.
Wie wird das für die Vielen bei uns aussehen? Hier. Anderswo. –
Aber dann auch für Sie und mich: Wenn wir nicht weitersagen, vorleben, zeigen, was zum Leben führt, dann kann diese Einsicht zu einem grausamen Eigentor werden. Weil doch Gott will, dass allen Menschen geholfen wird – auch den Reichen. Und, überlegen Sie mit: Ob die Protestierer gegen den G7 Gipfel in Elmau gegen die – manchmal möchte man meinen – Weltbesitzer und Konzerne da nicht auch wichtig sind?
Aber auch so:
Der Reiche ist blind über die Weiche hinweg aus seinem Wohlergehen ohne Umsicht ins Elend gestürzt. Keine Häme. Ich finde das traurig. Für den Reichen – und auch für den einen Lazarus und die vielen Lazarusse, die beide zu wenig vom Leben ab bekommen haben, immer noch abbekommen.

Das hätte nicht so kommen müssen und das muss nicht so bleiben – nein: Muss es nicht.

Jesus erzählt diese Geschichte. Lange her. Was hat sie uns zu sagen.
Wo sind bei Ihnen, bei mir im Leben die Weichen, auf die ich acht geben muss? Wo kann ich als vielleicht nicht namenloser Reicher (aber dann doch relativ Wohlhaben­der) dem Laza­rus und den viel zu vielen Lazarussen zum Leben verhelfen, bevor deren Leben vergeht? Und meines mit?

Das könnte Gesprächsthema sein, unter uns in der neuen Woche: Wo lebt Lazarus heute? Was braucht er. Wo werde ich gebraucht? Was ist heute dran? Und morgen?

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