Alle sind eingeladen

Schwestern und Brüder!
Alle sind ein­geladen. Mein Haus soll voll werden.
Wir haben einen über alles Vorstellungs­vermögen reichen, menschen-, nein: nicht nur Menschen, lebensfreundlichen Gott. Er lädt zu einem Fest ein – nicht irgendein Fest: Sein Fest.
Und das nicht erst in irgend einer dunk­len Zukunft, weit weg von hier, sondern heu­te. Atemberaubend das!

Das ist das eine, das gesagt werden muss – gesagt und gemerkt. Ihnen, hier, heute: In Neuenmörbitz, in Flemmingen.

Und das, haben Sies gemerkt? Christsein und dann das Reich Gottes besteht nicht so sehr aus einem "Tu das!" und "Das lass besser!", sondern aus einem ein­fachen "Kommt her … kommt her, Ihr seid geladen, der Heiland rufet Euch … kommt her, die Ihr mühselig und beladen seid: Ich will Euer Herz frisch machen."

Aber dazu gehört noch ein dritter Satz: "Wer nicht will der hat schon." Der hat sein eigenes Haus, seinen Besitz, seine kleine und gehegte und gepflegte Liebe, die – allesamt, so Jesus – ein Nichts sind gemessen an der Einladung, dem Fest.
Klingt hart? Ja, das ist auch für mich im­mer wieder erschreckend. Gott ist eben nicht nur der "liebe Gott" – Er ist Gott. Er hat das erste und das letzte Wort. Und mit Seinem Wort leben wir.

Oder – siehe die Ein­ladung – eben nicht. Denn es ist ja so verführerisch leicht und einfach, vor und neben dem Reich Gottes so sein eigenes kleines Reich zu bauen. Die Kinder mit Bausteinen, Duplo, Lego und wir eben mit unseren Mitteln: Haus, Besitz, Status. Eben "Mein Reich kom­me" – und "Ich bin der Herr, mein Gott. Ich will keine anderen Götter neben mir haben." Und schon gar nicht, wenn sie meine Lebensabläufe stören.
Ein Fest? Da kann ja jeder kommen. Ich hab heute Abend schon was vor, sorry: Ein andermal vielleicht?
Mit so einer Einladung ist schon Jesus am Kreuz geendet – beinahe, wäre da nicht Gott gewesen … und Ostern.

Im Grunde ist damit alles gesagt. Amen.
Aber drei Minuten für eine Predigt? Vielleicht doch etwas wenig. Besser, wir werfen noch einmal einen weiteren Blick auf den Bibelabschnitt.

Erste Beobachtung: Jesus erzählt das. So – und noch einmal ganz ähnlich – kommt diese Geschichte zwei Mal in der Bibel vor. Mir klingt da wieder meine Mutter im Ohr: "Muss ich Dir denn alles zweimal sagen?" Offensichtlich ja – sonst wird da nichts draus … Manchmal sogar dreimal und mehr …
Zweite Beobachtung: Die, die da bei­spielhaft für die Vielen genannt werden, die vielen, die Eingeladenen, die ha­ben ja nichts Böses getan: Es ist nicht schlimm einen Acker oder fünf Joch Ochsen zu kaufen. Und gewiss nicht verwerflich, verbindlich Leben zu wagen, zu heiraten.

Bei ihrer Grabrede könnte man anerken­nend sagen: "Er war ein ordentlicher Mensch … mehr noch." – Und doch: Die drei haben vielleicht ein gutes Leben gehabt, aber das Ziel ihres Lebens ver­fehlt. Ob da einmal auf ihrem Grabstein stehen darf: "Hier ruht in Gott", so, wie ich es hier auf vielen Kirchhöfen auf Grabsteinen finde? – Urteilen Sie selbst.

Martin Luther: "Es wird das Stündlein kommen, wenn sie ihre Ochsen, Äcker und Häuser verlassen müssen, dass sie dann gern wollten auch etwas von mei­nem Abendmahl schmecken. Aber es soll dann auch heissen: Lieber, ich bin jetzt nicht daheim, ich kann der Gäste nicht warten, gehet hin auf Eure Äcker, zu Euren Ochsen, in Eure Häuser, die werden Euch wohl ein besseres Abend­mahl geben, …" (WA 41, 291, 20ff)

Luther schreibt verletzend deutlich, woher die Misere von Menschen kommt, nämlich nicht von Gott: Der lädt doch zu sich ein. Der will uns eine Zeit bereiten, die wir unser Leben lang nicht vergessen werden. Der meint es gut – nur gut. Und jedes Abendmahl ein Abglanz des großen Fests mitten in unserem Heute, wenn wir erkennen, wer und was dahinter steht und was Er sich das hat kosten lassen: Für Sie. Für mich. Für die Vielen.

Die Misere liegt bei Menschen – auch bei uns hier? Bei Menschen, die sich’s selbst schwer machen: "Tu das und das noch" und "Das lass bleiben".
Anständige, im landläufigen Sinn from­me Menschen. Menschen, die sich das Leben selber schwer machen, statt dem "Kommt her zu mir, alle …" zu folgen.

Bei Menschen, deren Augen Gottes Weite, Liebe, Freundlichkeit, Seine Einladung vor lauter alltäglichen Wichtigkeiten nicht erkennen können, vielleicht sogar wollen. Weil Gott so anders ist?
Bei Menschen, die in ihrer ganzen bürgerlichen Wohlanständigkeit am Ende vor die Hunde oder zum Teufel gehen; eins so fatal wie das Andere. Und Gottes Ruf eine Provokation für unsere Art zu leben? Eine Zumutung und keine Freude.

Dritte und letzte Beobachtung. Eigentlich zunächst eine Frage: An was hat Gott Freude? Das ganze Bilderbuch der Gleichnisse Jesu geht mir durch den Kopf: An dem einen Sünder mehr als an den 99 Gerechten. An dem einen dummen Schaf, dass Er leidenschaftlich sucht, bis Ers – wie den verlorenen Groschen – findet. Daran hat Er Freude. Darauf verwendet Er Seine Leidenschaft.

Ach Gott: In Jesu Namen – Such uns und die Vielen, lehr uns wichtig und wesent­lich unterscheiden, damit keine, keiner draußen vor der Tür bleibt, keine, keiner verloren geht, damit wir schmecken und sehen, wie freundlich Du bist, wie viel an Lasten wir bei Dir abladen können.
Und damit wir – wann und wo Du willst – entlastet vom ganzen Ballast unserer Existenzen dann wieder hinaus gehen, uns Deiner Welt zuwenden, mit Deiner Freundlichkeit, Liebe, Barmherzigkeit reich beschenkt: Als Boten an die Hecken und Zäune unserer Zeit. Amen.

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