Es geht nicht um arm und reich

Lazarus und der reiche Mann.
Was will uns Jesus mit dieser Geschichte sagen?
Oberflächlich betrachtet ist es eine Geschichte der ausgleichenden Gerechtigkeit:
Wem es in diesem Leben schlecht geht, wer ein armer Schlucker ist, vom Unglück verfolgt, von Krankheit geplagt – dem wird es einmal gut gehen.
Und wer in diesem Leben auf der Sonnenseite lebt, dem wird es dafür einmal dreckig gehen.
Die Armen werden reich, die Reichen sind arm dran.
Wegen solcher Geschichten sagte Karl Marx: Religion ist Opium für das Volk. Ein Narkosemittel für die Amen. Vertröstung auf das Jenseits. Nach dem Tod geht es euch gut, also haltet jetzt still und seid geduldig.
Aber das ist sehr oberflächlich betrachtet.
Und es ist falsch.
Das sieht man daran:
Nirgendwo in der Geschichte wird gesagt, dass Lazarus bei Abraham ist, weil er arm war, und nirgends wird behauptet, dass der reiche Mann in der Unterwelt ist, weil er reich war.
Jesus geht es in dieser Geschichte um etwas ganz anderes.
Es geht ihm um Fragen wie:
Was kommt nach dem Tod?
Wie hilft Gott?
Warum spricht Gott nicht durch Zeichen und Wunder zu uns Menschen?
Warum ist Wohlstand so gefährlich? Direkt vor dieser Geschichte kommen das Gleichnis vom ungerechten Haushalter, die Warnung, dass niemand Gott und dem Mammon dienen kann und es werden Menschen erwähnt, die sehr am Geld hingen und sich über Jesus lustig machten.
Schauen wir einmal genauer auf diese Geschichte.
Da ist ein reicher Mann.
Er war sehr reich.
Und er zeigte seinen Reichtum.
Jeden Tag zog er purpurfarbene Kleider an. Das war damals das allerteuerste vom teuersten.
Und damit jeder Bescheid weiß: Auch seine Unterwäsche war vom allerfeinsten.
Das größte Haus weit und breit.
Ein vergoldeter Mercedes.
Ein vier-Sterne-Koch für ihn privat.
Er war also nicht nur reich, sondern hat es auch gerne gezeigt.
Jeder soll sehen, wie reich ich bin.
Jeder soll mich beneiden.
Und er feiert jeden Tag.
Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag.
Und dann wieder von vorne.
Jeden Tag.
Also auch am Sabbat.
Jesus sagt damit: Der Reiche war ein Mann, dem das, was Gott sagt und will, völlig egal ist. Es geht ihm am Arsch vorbei. Und das darf und soll jeder mitbekommen.
Auch am Sabbat müssen seine Diener arbeiten.
Und in die Synagoge geht er auch nicht.
Er hat ja keine Zeit. Er muss feiern. Er muss es sich gut gehen lassen.
Und vor seiner Tür liegt ein Bettler.
Genau gesagt: der Bettler wurde hingelegt. Denn er konnte nicht selber laufen, und so tragen ihn seine Freunde, Nachbarn, seine Familie jeden Tag dorthin.
Zum Tor des Reichen.
Dorthin, wo ihm geholfen werden könnte.
Das ist alles, was sie für ihn tun können. Und das tun sie.
Er hat einen Namen: Lazarus. Das heißt auf Deutsch: Einer, dem Gott hilft.
Komische Hilfe, denkt man da.
Lazarus war krank, hungrig und von Geschwüren bedeckt.
Aber sein größtes Leid war:
Er bekam jeden Tag mit, wie hinter dem Tor gefeiert wird. Wie da ganz groß aufgetischt wird. Alle Lieferungen der Feinkostläden fuhren direkt an ihm vorbei. Alle Gäste gingen an ihm vorbei.
Er bekommt das jeden Tag mit.
Und niemand beachtet ihn.
Niemand nimmt Anteil an seinem Schicksal.
Niemand hilft ihm.
Außer den Hunden.
Die helfen ihm, indem sie seine Geschwüre lecken.
Hunde lecken, um Mitgefühl zu zeigen, und wie man heute weiß: In ihrem Speichel ist eine Art natürliches Antibiotikum. Hundespeichel fördert die Wundheilung.
Die Hunde helfen Lazarus.
Und Gott hilft Lazarus, drunter zu bleiben.
Er wird nicht bitter, nicht zornig, nicht verzweifelt.
Er ist ein Mann voller Frieden. Freundlich. Sanft.
Die Hunde spüren das.
Das waren keine zahmen Schoßhunde, sondern halbwilde Wachhunde.
Sie spüren das, was von Lazarus ausgeht. Und sie helfen ihm.
Lazarus ist ein Mann, der Frieden hat. Trotz allem Leid.
Das zeigt: Lazarus ist ein Gerechter. Ein Mensch, der in Verbindung mit Gott lebt.
Einer, dem Gott hilft.
Lazarus stirbt, für eine Beerdigung ist kein Geld da, aber Engel Gottes kümmern sich um ihn – und jetzt sitzt er bei Abraham bei einem Festmahl.
Nicht weil er arm und krank war, als Ausgleich, als Wiedergutmachung.
Sondern weil er schon vorher ein Mensch war, der mit und unter Gott gelebt hat.
Das setzt sich jetzt fort.
Und genauso der reiche Mann.
Er war vor seinem Tod gottlos und ist es nachher genauso.
Er war vor seinem Tod selbstbezogen und ist es nachher genauso.
Nicht sein Reichtum war das Problem, sondern seine Gottlosigkeit.
Dass er dem Mammon gedient hat und sich nur um sich und um sein Geld gedreht hat. Was anderes gab es nicht.
Das ist die Gefahr des Reichtums.
Es gibt dazu eine schöne jüdische Geschichte, wo ein Mann seinen Rabbi fragt:
„Rabbi, ich versteh das nicht: Kommt man zu einem Armen, ist der freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht Einen nicht einmal an. Was ist das bloß mit dem Geld?“
Da sagt der Rabbi: „Tritt ans Fenster! Was siehst Du?“ – „Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt.“ – „Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel! Was siehst Du?“ – „Nu, Rabbi, was werde ich sehen? Mich selber!“ – „Nun erkennst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht. Und der Spiegel ist auch aus Glas gemacht. Man braucht nur ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst.“
Er sieht nur sich selbst.
Das ist das Problem des reichen Mannes.
Wen sehen wir?
Wen beachten wir?
Und wo schauen wir weg oder machen die Augen fest zu?
Das ist die Frage an uns.
Der reiche Mann sieht nur sich selber.
Und das ändert sich nicht.
Er sieht Lazarus bei Abraham.
Und er erkennt ihn wieder.
Er kennt sogar seinen Namen.
Er hat also genau gewusst, wer da tagein, tagaus vor seinem Haus liegt.
Und darauf wartet, dass er ihm hilft.
Aber Lazarus war ihm egal.
Und er ist ihm jetzt noch egal.
Kein Wort der Entschuldigung. Kein tut mir leid. Kein: Ich habe unrecht gehandelt.
Nein. Nichts.
Stattdessen kommen Forderungen.
„Vater Abraham“ sagt er.
Er sagt damit: Ich gehöre doch zu deinem Clan. Also musst du mir helfen.
Und er fordert: Dieser Arme, der steht weit unter mir. Der hat mir zu dienen.
Ich bin mir zwar zu fein, um mit ihm zu reden, aber wie gesagt:
Du bist mein Vater Abraham.
Schick ihn mir.
Jetzt.
Flott. Zack Zack.
Denn ich bin es nicht gewohnt, dass es mir schlecht geht.
Mir steht es zu, dass es mir gut geht.
Das ist mein angeborenes Recht.
Ich sehe zwar, dass dieser Lazarus jetzt dein Ehrengast ist, aber das ist mir egal.
Alles ist mir egal.
Außer ich und wie es mir geht.
Alles hat für mich da zu sein. Auch dieser Lazarus.
Genau so hat der reiche Mann gelebt.
Nach dem Tod ändert sich anscheinend nichts mehr.
Da ist offensichtlich keine Veränderung von Einstellungen mehr möglich. Keine Bekehrung.
Es gibt offenbar ein „zu spät“.
Das erstaunliche dabei ist:
Lazarus sagt nichts dazu.
Die Menschen, die Jesus damals zugehört haben, die haben wohl eher einen Wutausbruch erwartet, so nach dem Schema:
Du Abschaum der Erde! Du kennst meinen Namen, du hast gesehen, wie es mir ging und hast mir einen Dreck geholfen. Und jetzt willst du von mir bedient werden! Abraham! Lass diesen Dreckskerl in der Hölle brennen bis ihm das Fleisch von den Knochen fällt. Das hat er verdient!
Lazarus sagt nichts dergleichen.
Er hat keinen Zorn. Er hat keine Wut. Er hat keine Rachegedanken.
Er hat Frieden.
Abraham antwortet.
Er sagt: Mein liebes Kind.
Ja, das bist du.
Aber es nützt dir nichts.
Gott hat dir viel Gutes gegeben. Wohlstand. Gesundheit. Freunde.
Es hat dich nicht zur Dankbarkeit gebracht, sondern zur Selbstsucht.
Es hat dich nicht zum Wohltäter gemacht, sondern zum Egomanen.
Darauf kommt es an – nicht auf deine Abstammung.
Und auch deine gläubige Großmutter hilft dir in diesem Zusammenhang nichts.
Du hast Gutes bekommen, hast dich als unwürdig erwiesen, jetzt wird es dir weggenommen.
Die Suppe hast du dir selber eingebrockt.
Was der Mensch sät, wird er auch ernten.
Lazarus hat viel Schlechtes bekommen. Aber das hat ihn nicht weg von Gott gebracht, sondern hat ihn in Verbindung mit Gott gebracht.
Genauso gibt es Reiche, die voller Dankbarkeit sind und die Nähe Gottes suchen und Arme, die verbittert sind und voller Hass.
Noch einmal: Nicht arm und reich ist das Thema, sondern wie wir Menschen darauf reagieren.
Es kommt nicht darauf an, was uns im Leben passiert, unter welchen Umständen wir leben, sondern was wir daraus machen.
Und dann sagt Abraham noch:
Außerdem geht es gar nicht, was du da willst.
Über den großen Graben, der zwischen uns ist, kommt niemand drüber.
Es gibt also anscheinend ein zu spät. Einen Point of no return.
Warum erwähnt Abraham überhaupt, dass es nicht geht?
Anscheinend hat er einen Freiwilligen, der das gerne getan hätte.
Lazarus.
Liebt eure Feinde, tut gutes denen, die euch hassen.
Anscheinden will Lazarus das tun.
Darum sagt Abraham: Es geht nicht. Jetzt geht es nicht mehr.
Der reiche Mann will weiter über Lazarus verfügen:
Schick ihn zu meinem Vater und zu meinen 5 Brüdern, damit sie gewarnt werden und es ihnen nicht so geht wie mir.
Wenn Lazarus nicht als Kellner gebraucht werden kann, dann sicher als Botenjunge.
Als Bote nicht zu allen Menschen.
Sondern nur zu den Menschen, die zählen: Mein Vater, meine Brüder.
Die sind auch so reich und wichtig wie ich.
Die zählen.
Die Armen zählen sowieso nicht.
Und wer nicht das Privileg hat, mit mir verwandt zu sein, zählt auch nicht.
Auch diese Bitte lehnt Abraham ab.
Gott redet nicht durch Zombies, Gott redet nicht durch Wunder und Zauber.
Gott redet durch die Propheten und durch sein Wort.
Das genügt. Darauf sollen sie hören.
Sie können jeden Sabbat in der Synagoge hören, was Gott ihnen sagt.
In der Thora, in der Bibel erfahren sie alles, was nötig ist.
Aber sie feiern ja lieber.
Sie haben keine Zeit für so was.
Dann ist das halt so.
So wie auch heute die meisten Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören, was anderes vorhaben, als zu hören, was Gott ihnen sagt.
Fragt die, die nicht in den Gottesdienst gehen, doch einmal diese Frage:
Wann informierst Du dich eigentlich darüber, was Gott von dir will?
Wann und wie machst du das?
Denn wer das nicht tut, der sagt damit: Das, was Gott sagt, das, was Gott von mir will – das interessiert mich einen Dreck. Das ist mir wurst-egal.
So, wie es dem reichen Mann wurst-egal war.
Aber wer hört schon auf das, was in der Bibel steht?
Wer hört schon darauf, was so ein Pfarrer sagt?
Wer hört schon darauf, was in der Kirche gesagt wird?
Niemand!
Aber wenn jemand von den Toten aufersteht, dann hören die Menschen.
Das muss Gott doch tun!
Nein, sagt Abraham in der Geschichte.
Das muss Gott nicht tun.
Denn wer nicht auf die Bibel hört, hört auch nicht auf einen, der von den Toten wiederkehrt, sagt Abraham und damit Jesus.
Der reiche Mann ist dafür ein wunderbares Beispiel.
Er sieht Lazarus, einen, der gestorben ist. Und offenbar lebendig ist.
Aber es berührt ihn nicht.
Nichts verändert sich bei ihm.
Der Name Lazarus kommt im Neuen Testament noch einmal vor.
So heißt der Freund von Jesus, der krank war und starb und beerdigt worden ist.
Der schon angefangen hat zu verwesen.
Der schon gestunken hat.
Und den Jesus aus seinem Grab herausgerufen hat.
Und viele, viele haben dabei zugesehen.
Die Hohepriester hatten klare Beweise dafür, dass Jesus einen Toten wieder lebendig gemacht hat.
Es hat sie nicht zur Umkehr gebracht.
Sondern es hat ihren Hass verstärkt und ihren Entschluss bekräftigt:
Dieser Jesus muss weg.
Durch Zeichen und Wunder ändert sich niemand.
Durch Zeichen und Wunder kommt niemand zum Glauben.
Hören auf das, was Gott sagt.
Es tun, und Gottes Macht und Güte erleben.
Das ist der Weg zum Glauben.
Es beginnt mit dem Hören.

Wichtige Einsichten in dieses Gleichnis verdanke ich Kenneth E. Bailey, Jesus through Middle Eastern Eyes – Cultural studies in the gospels, S. 378-395

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