Eintritt frei!

Freier Eintritt ins Heiligtum! Ist das nicht klasse? Ist das nicht sensationell?

Ich seh’s an Euren Gesichtern, wie Euch das irgendwie kalt lässt. Freier Eintritt ins Kino oder ins Schwimmbad wäre den meisten von uns lieber – oder?

Ich glaube, das liegt einfach daran, dass wir gerade fremde Post lesen. Einen Brief, der geschrieben worden ist an ganz andere Leute als wir es sind. Nämlich an Hebräer. An Judenchristen. An Menschen, die Zeit ihres Lebens Juden waren und die deshalb – als sie diese Worte gelesen haben – sofort den Tempel in Jerusalem vor Augen hatten.

Ein riesiges Bauwerk. Wenn man da hingekommen ist, war da zuerst der Vorhof der Heiden. Platz für zehntausende Menschen. Durch ein Tor kam man in den nächsten Vorhof, den Vorhof der Frauen. Auf der Schwelle des Tores stand: Eintritt für Nicht-Juden bei Todesstrafe verboten. Nach dem Vorhof der Frauen kam – richtig geraten: Der Vorhof der Männer. Und danach der Vorhof der Priester. Den nur noch die Priester betreten durften. Dort war zum Beispiel der Brandopferaltar, dort wurden jeden Tag die im Alten Testament vorgeschriebenen Opfer gebracht. Von den Priestern. Für das Volk. Und mitten in diesem Vorhof stand riesengroß das eigentliche Tempelgebäude. Etwa 50 Meter hoch, also noch 5 Meter höher als der Leipheimer Kirchturm, und außen ganz mit Goldplatten bedeckt. Eine große, hohe Halle, die durch einen Vorhang in zwei Teile geteilt worden ist: Die Tempelhalle und das Heiligtum. Im Heiligtum stand die Bundeslade, ein Kasten, in dem die Steintafeln mit den 10 Geboten waren. Im Heiligtum thront Gott – unsichtbar – auf einem Gnadenthron auf dieser Bundeslade. Im Heiligtum ist der heilige Gott gegenwärtig. Und ein einziges Mal im Jahr, am großen Versöhnungstag, dem Yom Kippur, dem höchsten Feiertag der Juden, an diesem einzigen Tag durfte ein einziges Mal ein einziger Mensch durch den Vorhang in das Heiligtum gehen: Der Hohepriester. Nur der Hohepriester – der sich vorher auch reinigen und entsühnen muss – nur er darf es wagen, Gott vor die Augen zu treten. Nur er darf es einmal im Jahr wagen, Gott ganz nahe zu kommen. Und an diesem Versöhnungstag geht der Hohepriester in das Heiligtum und entsühnt Israel von allen Verschuldungen und Übertretungen – indem er den Gnadenthron mit dem Blut der Opfertiere besprengt.

Das alles haben die Ursprünglichen Adressaten des Hebräerbriefes vor Augen. Und jetzt schreibt der Schreiber des Hebräerbriefes: Wir haben durch das Blut Jesu die Freiheit zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und wir haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes.

Mit anderen Worten: Jesus Christus war selber der höchste Hohepriester. Und er war gleichzeitig das höchste vorstellbare Opfer. Und er hat sich selbst geopfert. Und jetzt ist die vollkommene Versöhnung da. Durch sein Blut.

An dieser Stelle regt sich bei vielen ein großes Unbehagen: Muss denn das sein – immer dieses Gerede von Opfer und von Blut? Kann das nicht auch erledigt werden mit einem freundlichen „Schwamm drüber?“

Anscheinend nicht. Mir fallen dazu zwei Bemerkungen ein: Die erste: Wenn der unvorstellbar große Gott, der Himmel und Erde und das ganze Universum geschaffen hat, wenn der sagt: Damit vollkommene Versöhnung geschehen kann, ist es unvermeidbar, dass Blut fließt – wie kann dann ein Mensch sagen: Tut mir leid, lieber Gott, das siehst Du ganz falsch, das geht auch anders! Größenwahnsinnig fällt mir dazu ein und: Völlige Idiotie. Und die zweite Bemerkung: Schaut doch selber, wie gut das bei uns Menschen klappt mit der Versöhnung nach dem Motto: Na ja, Schwamm drüber und wir reden auch nicht groß drüber und jetzt tun wir halt so, als ob nie was gewesen wäre. Haut nicht so richtig hin, oder? Da bleibt immer so ein bitterer Nachgeschmack.

Zurück zum Hebräerbrief: Durch Jesus Christus, durch sein Opfer, durch seinen Tod ist vollkommene Versöhnung da. Und jetzt kann jeder Mensch durch ihn vollkommene Gemeinschaft mit Gott haben. Der Eintritt ins Heiligtum – das was die größte Sehnsucht der Juden war – der ist jetzt möglich. Nicht nur für den Hohepriester, sondern für mich und für dich. Ich darf, so wie ich bin, zu Gott kommen. Nichts kann uns mehr von der Liebe Gottes trennen. Nichts. Der Vorhang ist zerrissen. Ein für alle Mal. Der Vorhang im Tempel, der Gott und Mensch getrennt hat. Denn Gott ist gekommen, nicht um zu richten, sondern um zu versöhnen.

Den Menschen mit Gott, die Menschen mit sich selbst und die Menschen untereinander. Versöhnung hat immer diese drei Dimensionen: Gott – Ich – mein Nächster. (Dreieck!)

Menschen mit Gott versöhnen. Alles ins Reine bringen, was mich von Gott trennt. Weil es wahr ist: Ich bin nicht so und ich lebe nicht so, wie Gott es sich wünscht und sich von mir zu Recht erwartet und es auch verlangt. Das ist die erste Dimension.

Und die zweite: Gott ist gekommen, um Menschen mit sich selber zu versöhnen. Ich kenne so viele Menschen, die klagen sich selber ständig an. Die sind mit sich selber zerrissen, uneins. Unzufrieden. Leben in Unfrieden mit sich selber. Möchten gerne raus aus ihrer Haut und es geht nicht. Möchten am liebsten die Vergangenheit streichen und neu anfangen. Sind zerrissen mit ihrem Charakter, mit ihrer Herkunft, mit ihrem Aussehen, mit ihren Fähigkeiten. Sind unzufrieden und voller Haß auf das, was sie getan haben. Gott kommt, um Menschen mit sich selber zu versöhnen. Das ist die zweite Dimension.

Und die dritte: Gott kommt, um Menschen miteinander zu versöhnen. Um zerbrochene Gemeinschaft wieder herzustellen. Um tiefen Frieden zu stiften zwischen uns Menschen, die wir uns so oft verletzten und weh tun und enttäuschen.

In dieser Reihenfolge: Versöhnung mit Gott – Versöhnung mit mir selbst – und dann geht auch die Versöhnung mit anderen. Das ist, was Gott will, das ist, wozu Gott kommt. Und darum: lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, gereinigt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

Wir sollen ehrlich sein – über uns selber – über das, was wir verpfuscht haben – und hinzutreten.

Das „hinzutreten“ ist wichtig. Das ist der Schritt von der Theorie zur Praxis. Ganz viel theoretisches Wissen über Gott und über Versöhnung nützt uns allen einen Dreck, wenn wir in der Theorie stecken bleiben und nicht zur Praxis übergehen. Und hinzutreten. Die Wahrheit Wahrheit sein lassen und die Versöhnung in Anspruch nehmen.

Wir sind übrigens schon lange bei der Gegenwart von: Gott ist auf dem Weg zu uns. Auf dem Weg zu uns. In unseren Alltag. In unsere Gemeinschaft.

In unsere Familien. In unsere Gemeinden.

Und da, wo Menschen hinzutreten und sich versöhnen lassen, da ist dann auch ein veränderter Umgang miteinander möglich: Da können wir festhalten an der Hoffnung. Das Gegenteil von Hoffnung ist Resignation. Dieses Gefühl: Es hat ja doch alles keinen Zweck. Es ändert sich ja doch nichts. Das schaffen wir nie.

Aber Gott ist treu, der uns verspricht: Bei mir gibt es kein „unmöglich“. Und auf dieser Basis können und sollen wir aufeinander Acht geben – nicht um dann noch viel genauer den Finger auf die Fehler der Anderen zu legen und uns noch erhabener und besser ihnen gegenüber zu fühlen, sondern um zu schauen: Was braucht der Andere?

Was würde ihm jetzt gut tun? Wir sollen aufeinander Acht geben – damit niemand vergessen wird und alleine und unbeachtet untergeht. Damit niemand einsam bleibt und in Not ist – und alle anderen gehen achtlos an ihm vorbei.

Und wir sollen einander anregen zur Liebe und zu guten Werken. Preisfrage: Wie geht denn das?Garantiert nicht, indem wir es von den anderen erwarten und fordern und einklagen, sondern: Indem wir es selber tun. Eine wichtige sportliche Übung in diesem Zusammenhang ist: Sich an der eigenen Nase fassen …

Und wir sollen einander nicht aus dem Weg gehen – unseren Zusammenkünften fern bleiben, heißt es im Brief – wie es viele tun. Und sich damit ihre Welt klein machen. Durch diese Straße gehe ich nicht mehr, denn da wohnt der Herr soundso, und in dem Laden kauf ich auch nicht mehr ein, denn da begegne ich wahrscheinlich der Frau sowieso. Zu einem versöhnten Umgang miteinander gehört, dass man sich nicht aus dem Weg geht, sondern sich der Auseinandersetzung stellt. Auch das gehört zum „wahrhaftigen Herzen“.

Und dann heißt es: Wir sollen einander ermutigen. Das gefällt mir gut. Wie sehr brauchen wir das, und wie sehr hilft uns das, wenn wir jemanden haben, der uns ermutigt. Das alles ist Gegenwart. Gott ist auf dem Weg zu uns in der Gegenwart.

Und er ist auf dem Weg zu uns in der Zukunft. Er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Er wird kommen, um die Toten aufzuwecken. Er wird kommen, um seine neue Welt zu schaffen. Seine Welt des Friedens, der Liebe, und der vollkommenen Gemeinschaft. Seine Welt, in der der Tod keinen Platz mehr hat. In der alle Tränen abgewischt werden. In der es kein Leid, keinen Schmerz und kein Geschrei mehr geben wird. Freuen wir uns darauf. Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt. Und der Friede Gottes, …

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