Der spinnt doch!

Wenn jemand etwas Außergewöhnliches macht, dann sagen wir schnell:
Der spinnt. Was ist denn das für ein Spinner.
Das war so, als Christo den Reichstag eingepackt hat.
Und als Otto Lilienthal angefangen hat, sich Flügel zu bauen und von Hügeln herunterzuhopsen, da haben die Leute auch gesagt: Der spinnt.
Heute wird er als Pionier der Luftfahrt verehrt.
Erfindern geht es oft so.
Erst werden sie verspottet, dann bekämpft und dann gefeiert.
Im Bereich der Religion gibt es das auch.
Zum Beispiel, wenn sich ein junger Mensch entscheidet, in ein Kloster zu gehen oder sich einer Kommunität anzuschließen (das gibt es auch im evangelischen Bereich), dann sagen manche:
Der oder die spinnt. Armut, kein Sex, keine freie Entfaltung.
Franz von Assisi ist es auch so gegangen, als er seinem reichen Vater gesagt hat:
Ich will dein Geld nicht, ich brauche es nicht, ich will arm sein.
Du spinnst, hat ihm sein Vater gesagt.
Und in der Bibel lesen wir:
Jesus ist es auch so gegangen.
Im Markus-Evangelium steht:

Jesus ging nach Hause, und wieder strömten so viele Menschen bei ihm zusammen, dass er mit seinen Jüngern nicht einmal zum Essen kam. Als seine Angehörigen das erfuhren, machten sie sich auf, um ihn mit Gewalt zurückzuholen, denn sie sagten: „Er muss den Verstand verloren haben.“

Er muss den Verstand verloren haben. Er spinnt.
Ich kann die Sicht der Familie nachvollziehen.
Der Vater, das Familienoberhaupt ist offensichtlich schon gestorben, und dann ist es ganz klar die Aufgabe des ältesten Sohnes, seine Rolle zu übernehmen, die Leitung des Familienbetriebs zu übernehmen, eine passende Frau zu heiraten, die mitschaffen kann und Kinder zu bekommen, damit auch eine Altersversorgung garantiert ist – Rente gab es ja damals noch nicht.
Und was macht Jesus: Treibt sich stattdessen mit einem Haufen zwielichtiger Typen in der Gegend herum, zum Teil Leute aus der Terrorismusszene, zum Teil Leute, die mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiten, macht auf Kommunismus mit gemeinsamer Kasse und lebt von dem, was ihm geschenkt wird, legt sich mit den Autoritäten an, verursacht Menschenaufläufe und Skandale.
Ich kann die Familie verstehen. Der muss den Verstand verloren haben.
Ich kenne einige junge Menschen, für die war genau diese Bibelstelle ein großer Trost.
Die haben erlebt: Glaube, Jesus, Gott, ist mir wichtig. Das gibt mir ganz viel. Und darum sind sie in die Jugendgruppe gegangen und jeden Sonntag in den Gottesdienst und den Eltern war das unheimlich. Sie hielten das auch für übertrieben und eine Spinnerei und haben das auch immer wieder gesagt.
Für die Jugendlichen war das ein großer Trost zu lesen: Jesus ist es auch so gegangen.
Ich hab gerade gesagt: Ich kann die Familie verstehen.
Aber eigentlich kann ich sie auch nicht verstehen, besonders Maria nicht, die Mutter von Jesus.
Was hat sie nicht schon alles mit ihm erlebt.
Ein Engel kam zu ihr und hat ihr gesagt, dass er was Besonderes ist.
Als er geboren wurde, kam auf einmal ein Haufen Hirten und sagten das gleiche.
Und dann im Tempel, der greise Simeon. Und dann als Jesus 12 Jahre alt war, diese Geschichte wieder in Jerusalem im Tempel.
Und immer wieder heißt es: Und Maria bewahrte diese Worte in ihrem Herzen, und Maria bewegte diese Worte in ihrem Herzen.
Mir scheint, auch Maria hatte ein Problem, das auch viele Christen haben.
Wir hören etwas, wir lesen etwas in der Bibel, aber das, was ich da lese und lerne auf mein Leben zu beziehen und die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, das gelingt nicht so richtig.
Ich finde es tröstlich zu hören, dass es sogar Maria so ging.
Und so machten sie sich auf den Weg, um den Spinner zurückzuholen. Das war gar nicht so einfach, denn es war ein Riesengedränge um Jesus herum.
In der Bibel heißt es dann:
Seine Mutter und seine Brüder kamen zu dem Haus, in dem Jesus lehrte. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand zu ihm, um ihn zu rufen. Viele Menschen saßen dicht gedrängt um Jesus herum, als ihm ausgerichtet wurde: »Deine Mutter und deine Brüder und Schwestern6 stehen draußen und fragen nach dir.« Da erwiderte Jesus: »Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?« Dann sah er die an, die rings um ihn herum saßen, und sagte: »Diese Leute hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.«

Wie sehr Jesus seine Familie damit vor den Kopf gestoßen hat, das können wir glaube ich gar nicht richtig nachfühlen.
Denn im Süden, und besonders im Nahen Osten, da ist die Familie das Wichtigste überhaupt.
Und dann sagt Jesus: Diese traditionelle familiäre Bindung ist unwichtig. Meine wahre, neue Familie, die sitzt hier.
Und wer sitzt denn da? Wir wissen es nicht genau, aber wenn wir in die Evangelien schauen, dann habe ich den Eindruck, dass es besonders eine Sorte von Menschen war, die sich angezogen gefühlt haben.
Die, die unzufrieden waren mit ihrem Leben.
Die, die in ihrem Leben einen Mangel spüren, unter einer Last leiden, die einen Schmerz in sich haben.
Ich stell mir vor, da sitzt der reiche Kaufmann, der merkt: Mein Reichtum macht mich gar nicht glücklich, er macht viel Arbeit und viele Sorgen.
Und eine junge Frau, die ihr Kind beerdigt hat, und die nicht darüber wegkommt.
Und ein Arbeitsloser, dem immer wieder gesagt wird: Wir brauchen dich nicht.
Und jemand, der so gerne anders sein möchte als er ist, der sich anstrengt, ein guter Mensch zu sein und dann gelingt es ihm doch immer wieder nicht und er macht Dinge, die ihm dann leid tun, aber er kann nicht raus aus seiner Haut.
Die alle kommen zu Jesus.
Menschen mit Sorgen, mit Fragen, mit Zweifeln, mit Not, mit Schmerzen.
Und sie suchen seine Nähe und haben die Hoffnung, die Erwartung:
Du wirst da etwas verändern. Du wirst da etwas heil machen, ganz machen.
Das ist Kirche.
Menschen, die mit ihrer Not, mit ihrem Leid, mit ihrem Schmerz zu Jesus kommen und hoffen und bitten:
Mach was. Du kannst das. Bitte.
Das ist Kirche.
Und Jesus sagt:
Das sind meine Schwestern und Brüder und meine Mutter.
So eng verbindet er sich mit diesen Menschen. Und mit uns.
Wir gehören zusammen. Ich gehöre zu euch.
Und dann sagt er noch:
Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Wer den Willen Gottes tut.
Es geht nicht um die Theorie, es geht um die Praxis.
Im Christsein geht es nicht darum, bestimmte Wahrheiten und dogmatische Aussagen zu glauben, für wahr und richtig zu halten, sondern es geht um einen Lebensstil.
Es geht darum zu versuchen, Jesusgemäß zu leben.
Es geht darum zu versuchen, den Willen Gottes in die Tat umzusetzen.
Was will denn Gott?
Wir haben gerade im Evangelium ein Beispiel gehört:
Da ist einer unter die Räuber gefallen. Und jetzt liegt er da und schreit vor Schmerzen. Und zwei gehen vorbei und lassen ihn liegen. Geht mich nichts an. Ich kann ja auch nix dafür, dass es ihm so geht. Ich bin nicht zuständig. Und der sprichwörtliche barmherzige Samariter hilft.
Er unterbricht seinen Tagesablauf, ändert seine Pläne. Er sieht die Not des anderen, nimmt sie sich zu Herzen und hilft. Auf eigene Kosten übrigens.
Menschen sehen, die Hilfe brauchen, es sich zu Herzen nehmen und dann anpacken unter Einsatz von Zeit und Geld – das ist Gottes Wille.
Gottes Wille – da fällt mir ein, wie wir mit Leuten umgehen, die was falsch machen.
Wenn ein Politiker einen Fehler macht, dann sind sofort die Geier da und fordern, dass er die Verantwortung übernimmt – sprich: Zurücktritt.
Ein Fehler, und weg bist du.
Jesus sagt: 7 mal siebzigmal vergeben, das ist der Wille Gottes. So wie ich euch auch immer wieder einen neuen Anfang möglich mache, so sollt ihr es auch halten.
Das wünsche ich mir.
Und noch was ist Gottes Wille: Bleib bei der Wahrheit. Die Welt ist so voller Lüge, da braucht es Wahrheit. Und Ehrlichkeit.
Jesus nachfolgen, versuchen, den Willen Gottes zu tun, das ist nicht einfach.
Das ist oft anstrengend.
Weil es oft so ganz gegen unsere menschliche Natur geht.
Wir müssen dabei oft über unseren Schatten springen.
Das ist schwierig – aber heilsam.
Und unsere Welt wäre viel besser, wenn es weniger Leviten und Pharisäer, aber dafür mehr Samariter geben würde.
Es kommt aufs tun drauf an, auf die Praxis, nicht auf die Theorie.
Vielleicht denkt sich jetzt mancher:
Aber ist das nicht Werkgerechtigkeit? Wo bleibt denn da die evangelische Rechtfertigung allein aus Gnaden, allein aus Glauben?
Und vielleicht spürt jetzt mancher in sich so einen Druck:
Ich muss Gottes Willen tun, und nur dann gehöre ich zur Familie Gottes.
Und wenn ich es nicht schaffe, dann fliege ich raus.
Dann werde ich von Jesus verstoßen.
Nein, so ist es nicht.
Absolut nicht.
Gnade, das ist die offene Tür in dem Haus, in dem Jesus sitzt. Es gibt keine Einlasskontrolle und keinen Eintrittspreis. Jeder darf kommen. Das ist die Gnade.
Und Glaube, das ist nicht das für-wahr-halten irgendwelcher Glaubensaussagen, sondern das ist das Vertrauen und die Hoffnung, das Jesus mein Leben verändern kann und will und wird. Dass er mir einen neuen Lebensstil zeigt und beibringt und mich auf eine neue Spur bringt.
Es kommt nicht auf Fehlerlosigkeit und Erfolgsbilanzen an, sondern auf den Willen, in der richtigen Richtung unterwegs sein zu wollen.
Es kommt darauf an, dass wir es versuchen.
Dabei werden wir oft scheitern.
Macht nichts.
Wichtig ist es, dass wir es neu versuchen, und dass wir auch anderen einen neuen Versuch erlauben. Immer wieder neu.
Das ist der Wille Gottes.
So soll es zugehen in der neuen Familie von Jesus.
Und wer so lebt, dem kann es passieren, dass die anderen ihn nicht verstehen und sagen: So ein Spinner.
So, wie es die Mutter und die Geschwister von Jesus auch gemacht haben.
Übrigens: In der Bibel lesen wir auch, dass es nicht so geblieben ist. Später war Maria wieder ganz auf der Seite von Jesus, und sein Bruder Jakobus wurde einer der ersten Leiter der Gemeinde in Jerusalem.
Manche Dinge brauchen halt einfach ihre Zeit…
Und der Friede Gottes….

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