Im Anfang war…das Missverständnis (Erprobung Reihe V)

Im Anfang war das Wort – und damit begann auch schon das Missverständnis, zugegeben ein verführerisches Missverständnis: man müsste nicht nur die Zeit anhalten, sondern die Uhr auch noch einmal richtig zurückstellen können. Was würden wir alles anders und besser machen:
mit 80 Jahren noch einmal 10 Jahre zurück mit der Chance besser aufeinander aufzupassen, wo uns doch nicht mehr soviel Zeit miteinander geschenkt ist.
Mit 70 Jahren eine ganze Dekade noch einmal wiederholen zu können; körperlich frischer und vitaler die Chance zu nutzen, um von der Welt noch etwas zu sehen, wo ich doch jetzt die Zeit und wenn ich es mir sinnvoll einteile und nicht nur für die Kinder lebe, auch die materiellen Möglichkeiten habe.
Noch einmal 50 Jahre alt sein, mitten im Leben, erwachsene Kinder neben und eine ordentliche Handvoll Leben vor mir, frei, zu tun und zu lassen, was ich will, nicht mehr nur nach dem Willen anderer zu funktionieren… Heute wüsste ich, wie das geht.
Oder gar dreißig Jahre alt beizeiten die Weichen im Beruf anders stellen und der Familie und den Freunden den Stellenwert geben, der ihnen wirklich zukommt, weil die Zeit miteinander so kostbar oder die Kinder so schnell groß sind.
Noch mal zur Schule gehen und das nicht nur als notwendiges Übel begreifen, sondern als Baustelle meiner Zukunft – was würde ich alles anders machen.
Noch einmal Kind sein….?

Halt!
Eigentlich will ich das alles nicht wirklich!
Ich habe sicher manches im Leben auf Risiko hin gewagt, bin an manchen Stellen gescheitert und erst später klüger geworden, aber noch einmal in den Ausgangsmodus zurückschalten, auf meine Erfahrungen verzichten, vieles neu entscheiden, verantworten und erkämpfen zu müssen?
Es ist unbestritten schön, Kind zu sein, es ist wunderbar Kinder in das Leben hineinbegleiten zu dürfen, es ist ein Geschenk Enkelkinder verwöhnen zu können und es ist gut, auf ein erfülltes, manchmal auch kampferprobtes Leben zurückblicken zu können egal ob mit Kindern oder ohne Kinder – und zwar im Lichte der gemachten Erfahrungen und eines im Leben bewährten Glaubens.
Wer gibt mir die Garantie, dass ich beim nächsten Mal alles nicht nur anders, sondern auch besser mache?
Das Wagnis und das Risiko bleiben groß…
Egal, wie ich es im Leben anstelle, je nach meinem Blickwinkel und Erfahrungen, frage ich dann am Ende wieder: soll das alles gewesen sein? Und dann noch einmal anfangen, wieder mit dem Versuch, es alles anders , vor allem besser zu machen, wieder und immer wieder?
Je mehr ich alle meine Hoffnungen und Erwartungen wiederkehrend auf die mehr oder weniger zahlreichen Jahre meines Lebens setze, um so häufiger werde ich wieder und wieder aufwachen und entdecken, dass einmalige Chancen eben nicht ein zweites Mal kommen. Wie mühsam wird da der Kampf um ein erfülltes Leben.
Das Lebensgefühl unserer Tage hat ein Theologe und Soziologe einmal so beschreiben: Vor wenigen Jahrhunderten hatten die Menschen ein kurzes Leben von vielleicht vierzig oder fünfzig Jahren im Durchschnitt und dann hofften sie nach frühem Tod auf die Ewigkeit, heute haben sie achtzig Jahre oder neunzig Jahre und dann befürchten sie, dass danach nichts mehr kommt. Also muss das Leben für alles, auch für die Ewigkeit herhalten.
Aber darüber, was das mit uns macht, lässt sich so schlecht reden. Was denken und fühlen meine Großeltern, die auf der letzten Lebensetappe unterwegs sind, meine Kollegen, die sich keine Schwäche erlauben wollen aus Angst, ausgemustert zu werden, wenn sie nicht mehr weiter können, meine Freunde, die sich zurückziehen, weil sie das Mitleid und die Hilflosigkeit der Umwelt ihrer Krankheit gegenüber nicht mehr ertragen, nicht immer nur mit Samthandschuhen angefasst werden wollen? Solche Fragen und Gedanken eignen sich wohl vor allem für Nachtgespräche… Im Schutz der Dunkelheit und der Anonymität, sieht nicht jeder gleich meine Unsicherheit und Schwäche und es gibt immer genügend Rückzugsmöglichkeiten: da ist die nächtliche WDR Talkshow von Jürgen Domian und ein fiktives Interview mit dem wohl ungewöhnlichstem Gesprächspartner nach zwanzigtausend Interviews – dem Tod; da ist Nikodemus, der zwar nicht mit Jesus zusammen gesehen werden will, aber dennoch genau so ein Nachtgespräch führen möchte: du bist ein Lehrer von Gott…
Deutlicher kann man ja die Erwartung nicht ausdrücken: ich suche Rat und Hilfe – im Leben und für das Leben und habe dennoch niemanden, mit dem ich darüber reden kann.
Der Glaube, also die Frage nach Gott, hat den Menschen immer auch eine Perspektive über die Zeit hinaus in die Ewigkeit hinein ermöglicht, aber er hat eben vor allem auch immer im Heute, Hier und Jetzt Leben begleitet, getragen, beraten und geholfen. Ein Kind zur Taufe zu tragen, ist ein Bekenntnisakt in der Öffentlichkeit, und es ist Ausdruck der Hoffnung und der Sehnsucht, dass der Glaube, dass Gott selbst im Leben hilft und begleitet, seine schützende und bergende Hand nicht von unseren Kindern und von uns nimmt. Es ist immer die Hoffnung auf eine gute und gelingende Zukunft, es ist der Wunsch nach einem glücklichen Leben und es ist Ausdruck der Freude am Leben, die man buchstäblich in den Händen hält und von Generation zu Generation weitergibt. Die Verantwortung, die wir übernehmen und die wir tragen, soll uns nicht zu schwer werden, deswegen wünschen wir uns Entlastung und Unterstützung, unseren Schwächen und Defiziten möchten wir gerade um unserer Kinder willen nicht allein ausgeliefert sein. Denn noch sind wir und unsere Verhältnisse ganz schön irdisch, menschlich und unvollkommen. Reich Gottes, eine vollkommene Welt, Frieden auf Erden, Gerechtigkeit und Unversehrtheit, Leben ohne wenn und aber, Versöhnung und Gleichberechtigung, Toleranz und Verständnis,Leben ohne Leid und ohne Schuld – all das ist eher Wunsch und Sehnsucht als Selbstverständlichkeit oder Realität.
Manche halten deshalb Glaube und Hoffnung für eine unmögliche Möglichkeit und irgendwie scheint das auch Nikodemus so zu gehen.
Was Jesus das sagt, klingt schön, aber unrealistisch…
es ist wie am Anfang schon vermutet ein nur für kurze Zeit sympathisches Missverständnis.
Leben bleibt, einmalig, unverwechselbar und unwiederholbar und beginnt dennoch Tag für Tag neu mit allen Chancen und Möglichkeiten. Jeder Tag ist wie eine Geburt, jeder neue Tag wie ein Neuanfang ohne dass ich die Uhr zurückdrehe. Und genau das macht auch seinen Wert und seine Besonderheit aus. Jeder Mensch ist einzigartig und gehört deshalb Zeit seines Lebens auch so behandelt – ohne wenn und aber, vom ersten bis zum letzten Atemzug.
Jeder Mensch ist einzigartig mit allem Potential, das er in sich trägt, genauso wie mit all den Handicaps, die er womöglich mitbekommt auf seinen Weg durchs Leben.
Aber in jedem Menschen steckt viel mehr als die Allgemeinheit oder die Öffentlichkeit in ihm sieht und vermutet.
In jedem Menschen liegt ein Stück Reich Gottes, etwas von der Herrlichkeit Gottes und damit ein Vorgeschmack vom Paradies verborgen. Und dies gilt es zu entdecken, diesen Schatz zu heben und zur Welt zu bringen!
Gott und sein Reich, der Himmel auf Erden wollen in jedem von uns, und das heißt mit jedem von uns zur Welt kommen. Sie schmecken nach Menschlichkeit, Fürsorglichkeit, Zärtlichkeit und Neugierde, nach Offenheit und Vielfalt.
Wer zum ersten Mal ein Kind in den Armen hält, das eigene Kind oder das Enkelkind, das Kind aus der Nachbarschaft oder der Flüchtlingsfamilie, die endlich Zuflucht gefunden hat, der spürt das, wie er Gott gerade in diesem Augenblick auf frischer Tat ertappt hat. Und diese Gabe lernen wir zwar im Laufe des Lebens gut zu verbergen, aber sie verwächst sich nicht. In jedem Menschen kann sie ein ganzes Leben lang immer wieder aufleuchten und zu neuem Leben erweckt werden. Dafür ist keiner jemals zu alt.
Denn das ist das vielleicht dümmste Missverständnis, als könnte es im Leben ein „zu spät“ und ein „niemals“ geben.
Keiner ist zu alt, um sich neu zu entdecken, zu verändern, etwas neues anzufangen, dem Leben noch etwas abzugewinnen. Keiner ist festgelegt auf ein: so warst du schon immer – so wirst du auch immer bleiben.
Und schon gar nicht gilt: ach das lohnt sich für mich nicht mehr.
Für wen denn sonst, wenn nicht für dich und für mich und für jeden von uns. Alles was es dazu braucht, ist die Bereitschaft, sich beschenken zu lassen, die Hände auszustrecken, nicht immer alles allein managen zu wollen. Gott, sein Geist, seine Sehnsucht nach uns und seine Träume über uns, seine Lebenskraft, können das alles in uns wecken.
Also auf: aus dem Dunkel des Nachtgespräches in das Licht dieses Tages, des Sonntages. Es heißt aufzustehen und anzufangen mit dem Leben, wie es Gott vor seinem inneren Auge längst schon sieht!
Und es schmeckt nach Ewigkeit!

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