Abschied mit Himmelsgaben

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,
ich erinnere mich an eine Szene meiner Kindheit. Meine Eltern, Geschwister und ich stehen am Bahnhof. Mit lautem Zischen und Getöse rollt ein Personenzug der Deutschen Reichsbahn auf dem Gleis ein. Wir hatten zum Wochenende Besuch. Nun gilt es Abschied zu nehmen. Wir fallen uns in die Arme und drücken uns. Dann steigen unsere Gäste die steilen Treppen in den Wagen und suchen sich auf den harten Sitzen einen Fensterplatz. Die oberen 20 Zentimeter Schiebefenster des Waggons werden heruntergelassen. Köpfe und je eine Hand mit Taschentuch schieben sich heraus. Ein Pfiff, die Schaffnerkelle geht hoch und mit lautem Stönen zieht die Lok an. Langsam entfernt sich der Zug. Tränchen rollen hier und da, Taschentücher werden beiderseits geschwenkt. Die Köpfe im Fenster und die Taschentücher werden kleiner.
Das war ein Ritual. Der Weg zum Bahnhof war mehr als ein Kilometer je Strecke. Aber den Besuch brachten wir immer zum Bahnhof.
Die Gefühle waren echt. Wir hatten keine Autos und wußten nicht, wann wir uns wiedersehen.

Als Kind lernte ich bald, dass Abschied nehmen zum Leben dazu gehört. Da sind Lebensschwellen. Wenn wir sie überschreiten, dann geht eine Zeit zu Ende. Wir müssen uns von unserer Kindheit verabschieden. Das erleben gerade auch unsere Konfirmanden und viele Jugendliche. So vertraut das Elternhaus auch ist und so wichtig die Sicherheit, die es uns schenkt – es ist kein Zuhause für immer.
Mit 18 Jahren kam ich zum Wehrdienst. Der Wechsel in die fremde Atmosphäre und der rauhe Umgangston signalisierten mir deutlich: Deine behütete Kindheit und Jugend ist vorbei. Du stehst jetzt auf eigenen Beinen und musst da durch.

Abschiede gibt es viele im Leben. Irgendwann ist die Ausbildungszeit vorbei, dann die Zeit der Ungebundenheit, in der ich nur für mich verantwortlich war. Und immer wieder gilt es Abschied zu nehmen.
Von der Jugend,
von dem Gefühl, dass die Welt mir zu Füßen liegt,
von dem Liebreiz einer Familie, in der die Kindern sehr klein sind und uns mit ihrem ungeteilten Vertrauen bezaubern.
Abschied vom Glauben,
alles zu schaffen, bewegen zu können
hin zur Einsicht, dass zu tun, was wichtig und notwendig ist.

Dies alles ist Teil unseres Lebens. Wir erfahren solche Übergänge auch nicht nur als Katastrophe, sondern sie sind einfach da. Selbst mit dem Verlust von körperlichen Fähigkeiten kommen Menschen ganz gut zurecht.
Naürlich gibt es Abschiede, die Schmerzen und bleibende Spuren hinterlassen.

In der Bibel wird uns vom Abschied der Jünger von Jesus berichtet. Es ist eine entgültige Trennung. Ihrem Lehrer und Vorbild Jesus werden sie nicht mehr auf der Erde begegnen. Wir dürfen getrost alle Bilder vergessen, die sich Maler und Filmemacher ausgedacht haben, um den Abschied vorstellbar zu machen.
Ich habe Ihnen mal eines mitgebracht, um zu illustrieren, wie es nicht war. Jesus hat nicht vor Otto Lilienthal das Fliegen erfunden und Gott setzt auch in keinem Falle die Schwerkraft außer Kraft. Und trotzdem und immer wieder geistern diese irrealen Bilder in den Köpfen der Menschen. Und weil heute nun mal Tag des Abschiedes ist, können wir hier ein für alle Mal diesem Mißverständnis "Ade" sagen. Nein, der Himmel ist auch nicht dort oben. Er ist an keinem Ort, sondern ein Geschehen unter uns. Dort wo Gottes Liebe lebendig ist, da ist es himmlisch und zugleich Himmel.

Doch zurück zum Abschied der Jünger. Wenn es nicht so war, wie war es dann? Wir müssen uns eingestehen, dass wir nichts wissen außer das, was uns der Evangelist Lukas aus einem zeitlichen Abstand von 60 – 70 Jahren berichtet. Und das sind keine dokumentarischen Erzählungen und Berichte. Lukas erzählt seiner Gemeinde, was für ihn beim Abschied von Jesus und seinen Jüngern wichtig war.

Das kennen wir auch. Wenn wir Sohn oder Tochter verabschieden, dann sagen wir noch schnell das, was wir für das Wichtigste halten. "Paß gut auf dich auf!" – "Laß dich nicht unterkriegen!" – "Bleib gesund und fröhlich!" – "Streitet euch nicht!" – "Vergiß nicht den Hund zu füttern!" – "Mach keine Dummheiten!" …

Auch Jesus macht so etwas. Vor seinem Einzug in den Wirkungsbereich Gottes sagt er den Jüngern noch einmal das Wichtigste:

Seid sicher, dass ich auferstanden bin, wie es die Schriften berichten.
Sagt in Jerusalem und zu allen Völkern, dass Gott denen vergibt, die zu ihm umkehren.
Ihr seid meine Zeugen.
Danach segnet er sie und sie nehmen ihn dann nicht mehr körperlich wahr.

Liebe Gemeinde,
es ist ein Satz, der mich berührte: "Danach kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück."

Voller Freude. Es gibt Bibelwissenschaftler, die annehmen, dass der Bericht von Ereignissen erzählt, die eigentlich nur am Ostertag, am Tag der Auferstehung, passiert sein können. Dass Himmelfahrt 40 Tage vor Pfingsten gefeiert wird, wurde von der Kirche erst sehr viel später festgelegt. Früher wurde die Himmelfahrt Christi zu Ostern gefeiert.

Erinnern wir uns, als wir von einem lieben Verstorbenen Abschied genommen haben? Wann konnten wir wieder von uns sagen, dass wir voller Freude nach Hause gegangen sind. Solch ein Prozeß dauert oft Jahre, manchmal noch viel länger. Oft prägt die Trauer über den Verlust des Lieben das ganze weitere Leben.

Doch hier heißt es: "Sie gingen voller Freude nach Jerusalem." Einiges haben wir in unseren Abschieden mit dem der Jünger gemeinsam: Wir müssen lernen loszulassen.
Eine Bekannte hat nach dem frühen Tod ihres Ehemannes überall in der Wohnung Bilder ihres Verstorbenen aufgestellt. Er war ihr sehr präsent und nahe. Sie konnte seinen Tod über lange Zeit nicht fassen. Das Geschehen war unbegreiflich. Der plötzliche Tod durch einen Unfall. Die Bilder in der Wohnung erinnerten sie ununterbrochen an ihn. Sie haben es ihr schwer gemacht, den unvermeidlichen Weg des Loslassens zu gehen.

Hatten das Jünger in der Begegnung mit dem Auferstandenen nun begriffen? Die Zeit mit dem irdischen Jesus hat ein Ende gefunden. Er ist nun bei Gott. Sie kommen nicht darum, sich neu zu orientieren.
Sie können ihn nicht mehr fragen.
Sie können nicht mehr von ihm lernen.
Nicht mehr mit ihm zusammensein.

Aber es ist etwas passiert, was sie froh stimmt. Jesus hat zwei Dinge getan, die ihr Leben maßgeblich mitbestimmen werden.
Jesus segnet sie, in dem er ihnen eine Aufgabe überträgt. Sie sollen das, was sie gehört, gesehen und erlebt haben, weiter sagen. Erst in Jerusalem, dann unter allen Völkern. Das tun sie mit ganzer Hingabe. Aber sie erleben nicht mehr, wie diese Botschaft der Vergebung und der Liebe Gottes die Welt umrundet und auch unter uns Platz gefunden hat. Die Botschaft Jesu hat in einzigartiger Weise unsere Welt verändert. Im Grundgesetz werden allen Menschen gleiche Rechte zugesichert. Das ist nichts weiter als die verfassungsgemäße Umsetzung des Glaubenssatzes, dass wir alle Gottes geliebte Kinder sind.

Ein Weiteres gibt Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg. "Ich werde euch den Heiligen Geist geben, den mein Vater euch versprochen hat."

Das ist ein unglaublich wertvolles Geschenk. Ich muss da wieder an unsere Abschiede denken. Da kommt Sohnemann nach Hause und sagt: "Ich habe morgen Prüfung zum Abitur. Ich habe eine riesigen Bammel davor. Wie schaffe ich das nur?" Was sagen da die klugen Eltern? Etwas Göttliches. "Ich bin im Gedanken bei Dir. Ich drücke Dir die Daumen. Du schaffst es."
Das ist geistig-geistlicher Rückenwind – Heiliger Geist. Der hat die Menschen über die Jahrhunderte in Schwung gehalten.

Himmelfahrt – Mutmachfest für Abschiede. Wenn Altes nicht mehr festzuhalten ist, hält Gott für uns neue Wege bereit. Neue Aufgaben lassen neue Kräfte und Hoffnung wachsen. Da ist Gott mit ihm Spiel. Ihm sei Dank.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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