Der unsichtbare Arme

Liebe Gemeinde, eine rabbinische Geschichte:
„Rebbe, ich versteh das nicht: Kommt man zu einem Armen, ist der freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht Einen nicht einmal an. Was ist das bloß mit dem Geld?“

Da sagt der Rabbi: „Tritt ans Fenster! Was siehst Du?“ – „Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt.“ – „Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel! Was siehst Du?“ – „Nu, Rebbe, was werde ich sehen? Mich selber!“ – „Nun erkennst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht. Und der Spiegel ist auch aus Glas gemacht. Man braucht nur ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst.“

Ehrlich gesagt stelle ich fest, diese Geschichte betrifft mich etwas. Wie oft lass ich mir den Blick verstellen vom Wunsch nach mehr. Dabei ist es keinesfalls so, als wäre ich maßlos gierig. Aber ein bisschen mehr hier, oder ein bisschen besser dort, wäre doch schon wünschenswert.

Leider übersehe ich dabei, wie gut es mir wirklich geht. Ich übersehe, wofür ich alles dankbar sein könnte und müsste. Und ich übersehe wie diese Dankbarkeit fehlt, in meinem Leben und dem Leben meiner Mitmenschen.

Im Lukasevangelium ist es überliefert. Jesus will uns vor dieser Gedankenlosigkeit warnen. Dabei greift er auf ein ägyptisches Märchen zurück. Hier wird die Unterwelt bilderreich dargestellt. Wir sollten aus diesen Bildern keine falschen Schlüsse ziehen. Sie sind unwichtig. Denn, als die Menschen diesen Bildern glaubten, war für sie die Erde noch eine Scheibe.

Der Sinn dieser Geschichte ist tiefer, als uns Angst vor einem Hades altgriechischer Bauart zu machen. Lassen sie uns mehr auf die Personen achten!

Hören wir nochmals das Evangelium, das heute auch Predigttext ist.

Es gibt Unterschiede im sozialen Bereich, die schreien zum Himmel. Und das Jenseits wird gerne missbraucht, um die Menschen über ihre unzureichende Gegenwart zu vertrösten. Das ist Missbrauch! Missbrauch der leidenden Menschen. Missbrauch der biblisch begründeten Jenseitserwartung.

Vertröstung ist hier die falsche Überschrift. Thema des Gleichnisses ist der reiche Mann. Er ist ohne Namen dargestellt. Hingegen wird der Arme mit dem Namen Lazarus oder Eleasar genannt. Diese Namen bedeuten: „Gott hilft“. Auch bleibt unerwähnt, am welchem Ort und unter welcher Gegebenheit die Szene spielt.

Interessant ist, dass die Figur des Lazarus blass bleibt. Er ist nur ein Vehikel. Hingegen, der namenlose Reiche wird als Mensch deutlich. Als Mensch, dem es zu aller erst um Linderung des eigenen Schicksals geht. Erst, als dies unmöglich erscheint erwägt er das Heil seiner Brüder. Er redet mit Gott, einfach über Lazarus Kopf hinweg. Dieser erholt sich in diesem Moment des Hilfeersuchens von seinen Leiden in Abrahams Schoß.

Es ist schon dreist. Mit welcher Verwunderung der Reiche zur Kenntnis nimmt, dass sein Reichtum endlich ist. Und was muss er dann noch sehen? Da ist dieser arme Deibel, der vor seiner Tür gelegen hat. Der ihm ständig im Weg lag und mit seinen Geschwüren die Stufen beschmutzt hatte. Es geht ihm gut. Er ist geborgen, beschützt und von der Sonne beschienen. Er, der Reiche, muss leiden!

„Reichtum macht schamlos!“. Dies ist eine alte Erkenntnis. Nur ist dies eine andere Erkenntnis, als im Gleichnis gemeint.

Der dargestellte Hades, die Hölle, ist ein Ort, an dem die Umkehr keinen Sinn mehr macht. Jetzt wo es zu spät ist, denkt der Reiche plötzlich an seine Brüder. Vielleicht auch an seine Schwestern.

Reiche werden von ihrem Reichtum besessen. Da genügen Verstand, Wissen und Glaube allein nicht mehr. Die Reichen sind nicht nur die Wiedekinds, Piechs, Zumwinckels oder Ackermanns. Es ist ja immer ganz praktisch auf die zu schauen, die noch reicher sind.

Jesus allerdings, geht es um jeden Menschen. Jeden einzelnen der Gottes Wort hört und doch ungeprüft seinen Lebensstil beibehält. Jesus klagt weniger an, vielmehr will er Mut machen. Mut zu einem Leben in Gemeinschaft und Solidarität. Mut zu einem Leben in Gottes- und Bruderliebe.

In unserer Gesellschaft leben wir meistens sehr anonym. Die Armen und Behinderten werden zur Kenntnis genommen. Berichte benennen 16% der Bevölkerung als „arm“. Diese leben meist auch unter dem Harz IV-Satz. Aber 90% der Bevölkerung geben an niemanden zu kennen, der arm ist. Das kommt wohl daher, dass sich zum einen die Armen verstecken. Zum anderen die Bessergestellten sie nicht sehen oder nicht sehen wollen.

Jesus möchte unseren Blick auf die Armen lenken, die nicht unbedingt vor unserer Tür liegen. Trotzdem aber da sind. Wir begegnen diesen Armen an den unterschiedlichsten Stellen. Armut ist oft weiblich und allein erziehend. Beim Elternabend traut sie sich nicht zu sagen, dass die Klassenfahrt für sie zu teuer ist. Armut steht an, bei der Tafel in Werder und Potsdam. Armut hofft im Durchgangslager Ferch auf Besserung der Situation im eigenen Land.

Armut versteckt sich, weil sie immer noch als Schande gilt. Arme Menschen statten ihre Kinder oft besonders gut aus, weil keiner merken soll, dass sie arm sind.

Es gibt Menschen, die Armut grundsätzlich als selbstverschuldet ansehen. Bei etlichen mag das stimmen. Frei nach dem Tenor: „Sozialamt füttre mich mal durch“. Aber, was ist mit denen, die durch die Unwägbarkeiten des Lebens in Schieflage geraten sind? Eine uralte Theorie sagt: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ Ergo: Wem es schlecht ergeht, der muss einen schlechten Kern haben. Solch eine pauschale Aburteilung kann auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Jesus schenkt uns an seinem Tisch mehr als ein paar Brosamen. Er lädt uns ein sein Brot zu teilen. Er lädt uns ein zu teilen, einen jeden wie es ihm möglich ist. Damit alle Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle haben. Er lädt uns ein auf unsere Situation zu schauen. Er lädt uns ein auf die Situation der Menschen zu schauen, die um uns leben. Er lädt uns ein, Leben lebenswert zu gestalten.

Zum Abschluss eine weitere rabbinische Geschichte:
Ein Rabbi bat Gott darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elija als Führer mit.

Elija führte ihn in einen großen Raum. In dessen Mitte, auf einem Feuer, stand ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Drum herum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Die Stiele ihrer Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht zum Munde bringen konnten.

Als die Beiden wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.

Dann führte Elija den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In dessen Mitte, auf einem Feuer, stand auch ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Leute saßen drum herum, auch mit langen Löffeln in der Hand. Sie allerdings waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Diese Menschen versuchten nicht, sich selbst zu füttern. Sie nutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu versorgen.
Dieser Raum war der Himmel.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne vor der Blindheit gegenüber unseren leidenden Geschwistern. Hilf, durch unseren Bruder Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Michael Schäfer, Spiesen-Elversberg.)

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