Keine Kompromisse

Die Armen und die Flüchtlinge schreien zu Gott – und wir beten ‚Dein Reich komme‘. Hat das was miteinander zu tun? Oder sind es einfach nur unterschiedliche Gebetsformen und – Inhalte?

Wie sieht das eigentlich aus, dieses Reich Gottes, um das wir im Vaterunser so gerne beten? Ist es die Erfüllung unserer Träume oder eine Wirklichkeit, die uns böse zusetzen wird.

Ich denke, es täte mir gut, über meine Rolle im Angesicht des kommenden Reiches Gottes nachzudenken. Zu überlegen, welche Rolle ich dabei spielen könnte. Dazu erzählt Jesus folgendes:

[TEXT]

Der reiche Mann ist weder ein Angeber noch ein Verschwender. Er ist einfach ein vermögender Mann, der sich verhält, wie es Reiche damals taten. Und wie es viele Reiche heute noch tun. Er hat sein Leben genossen. Gut gekleidet, gut zu essen. Alles nicht übertrieben, denn die Einnahmen stimmen.

Ihm werden deswegen auch keine Vorwürfe gemacht. Das scheint normal zu sein, dass es solchen Reichtum gibt, der provoziert. Es wird zumindest so geschildert.
Und es ist auch heute noch eine Tatsache, die provoziert, dass es Menschen gibt, die reich sind und diesen Reichtum auch ungeniert zur Schau stellen. Die alles haben und verschwenderisch leben.

Aber ich sollte mir nicht einbilden, dass ich mich grundsätzlich anders verhalten würde. Würde ich es nicht vielleicht auch genießen, reich zu sein? Und das ist doch eigentlich auch nichts Schlechtes.

Der Reiche ist kein Sünder und Lazarus kein Heiliger. Beide sind Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation. Im ersten Teil seiner Geschichte schildert Jesus Lebensbedingungen, die jeder seiner ZuhörerInnen kennt.

Der Unterschied beginnt erst mit dem Tod der Beiden. Was dann passiert hat immer schon Träume von einer ausgleichenden Gerechtigkeit genährt und zu Recht dem christlichen Glauben den Vorwurf eingebracht, Religion sei Opium fürs Volk.

Jesus geht es aber überhaupt nicht um Vorstellungen, dass Menschen nur deshalb, weil es ihnen auf der Erde schlecht geht, in der Ewigkeit besser behandelt werden als solche, denen es auf Erden gut geht, die in Saus und Braus leben.

Er will etwas ganz Anderes illustrieren. Aber das ist auch nicht populär. Aber es bedeutet, Gott ernst zu nehmen. Und auch die Rede vom Gericht ernst zu nehmen.

Diese eigenartige Geschichte verstehe ich vom Ende her richtig: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Es geht um mich, ob ich bereit bin, den Willen Gottes zu hören. Angebote gibt es genug und eigentlich weiß auch jeder Christenmensch, was Gottes Wille ist. Und wenn er den nicht tut, ist das seine Entscheidung.

Da kommt natürlich auch die ausgleichende Gerechtigkeit ins Spiel, aber anders. Reiche haben mehr und tragen darum auch mehr Verantwortung. Sie sind näher dran an der Versuchung nur sich selbst zu leben. Aber deswegen sind sie weder besser noch schlechter. Und deswegen sagt allein der Besitzstand noch nichts über einen Menschen aus. Sondern allein die Frage: Wie gehst du um mit deinen Möglichkeiten, mit deinen Fähigkeiten, mit deinem Besitz?

Es geht wirklich nicht um den Traum von einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Der ist nur aufgesetzt. Es gibt den Traum von einem Leben auf Erden, das allen hilft, in Würde zu leben. Und darum geht es auch Jesus, dass wir das Unsere tun, dass alle Menschen in Würde leben und satt werden, dass es diese Form von Armut nicht mehr gibt.

Vielleicht ist das wirklich nur ein Traum, solche Gerechtigkeit. Vielleicht kann es aber mit Gottes Hilfe gelingen, dass wir arbeiten an einer Welt, in der Gerechtigkeit und Würde wachsen und gedeihen. Es wäre es wert, damit einmal anzufangen.

Kein Mensch kann sagen, er hätte Gottes Willen nicht gekannt.

Aber es ist wie zwischen Lazarus und dem reichen Mann: Zwischen Liebe und Nichtliebe gähnt ein Abgrund, der nicht zu überwinden ist. es gibt da keine Kompromisse.

Der Reichtum an sich wird nicht angeklagt, aber die Existenz dieses armen Lazarus ist ein Vorwurf. Ich muss meinen armen Lazarus finden, den Menschen, der meine Solidarität braucht. Erst wenn ich spüre, wer den Preis dafür bezahlt, dass es mir gut geht, kann ich recht handeln.

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