Wie im Himmel so auf Erden (Erprobung Reihe V)

Es sind nicht nur Spötter, die immer wieder betonen, dass Jesus das nahe Reich Gottes gepredigt habe, aber am Ende die Kirche gekommen sei. Nun sind wir uns sicher sehr einig darin, dass in der Tat die Kirche noch lange nicht das Reich Gottes ist und mit ihr nun wahrlich nicht alle Träume und Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind
Keiner kann sich verstecken, rausreden oder leugnen, dass auch die Geschichte der Kirche und damit der Sache Jesu in Zeit und Raum eine mehr oder weniger schmerzhafte Angelegenheit und Erinnerung ist. Gerade weil sie die Sehnsucht nach und die Erinnerung an das Reich Gottes mehr oder weniger lebendig gehalten hat, fällt uns doch der qualitative Unterschied so deutlich auf. Die Kirche ist (noch) nicht der Himmel auf Erden, aber sie macht hoffentlich Lust und Appetit auf mehr, auf himmlisches, fröhliches, kräftiges, getröstetes Leben in der Zeit als Verheißung einer anderen, besseren Welt nach Gottes Geschmack, Wunsch und Willen.
Aber es sind und bleiben vor allem Spötter die mit einem Blick nach oben feststellen: schaut doch, der Himmel ist leer.
Leer ist er aber nur für den, der nichts mehr erwartet, der nicht mehr träumt, der alles, was er sieht, hört, schmeckt und versteht schon für die ganze und die einzige Wirklichkeit hält.
Wer das Schönste aber nur für einen Vorgeschmack und das Schmerzhafte nur für die vorletzte Wahrheit hält, die einmal überboten oder überwunden sein werden, der bewahrt sich Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte, dessen Blicke verlieren sich nicht in der Unendlichkeit der Weite über uns, sondern machen sich fest an der Schönheit und Klarheit des Himmels über uns, der uns behütet, beschirmt und sich über uns wölbt wie ein Dach oder ein Zelt.
Heute steigen wir gewissermaßen auf einen Berg und wagen einen Blick in die Weite über uns und vor uns.
Da liegt ein Land zu unseren Füßen, von dem wir denken, dass wir es kennen. Denn wir sind in ihm zu Hause. Es ist unser Leben, das wir planen und über weite Strecken im Griff haben: Entscheidungen sind getroffen, Weichen gestellt, Entwicklungen vollzogen und die Frage, wo ich mich in zehn Jahren sehe, kann ich womöglich sogar mit einiger Treffsicherheit bei allen unbekannten Einflüssen, die es gibt, beantworten.
Aber gerade diese Unsicherheiten machen aus, dass wir manchmal das Gefühl haben, nicht Herren unseres Lebens zu sein und das fühlt sich nicht gut an: ich kann nicht alles planen, entscheiden und vor mir und anderen verantworten; ich bin ausgeliefert, entweder einem blinden und willkürlichem Schicksal, oder aber einem Gott, der erst zeigen muss, ob und wie gut er es mit mir meint.
Ich schaue also in das Land zu meinen Füßen und sage mir: das ist mein Leben und das ist Gottes Welt und Gottes Reich mit mir und für mich. Auch wenn ich es nur weit vor mir liegen sehe, wenn ich nicht alles mit eigenen Füßen durchschreiten kann,so glaube ich es doch als Gottes Reich und Gottes guten Weg und Plan für mein Leben.
Ich weiß nicht, was wann wie kommt, weder Zeit noch Stunde noch Ort; ich kenne zwar meine Wünsche und meine Pläne, aber ich weiß nicht, welche Träume ich mir erfüllen kann und welche Hoffnungen enttäuscht werden. Ich weiß davon nichts, von den letzten Dingen des Lebens weiß ich erst recht überhaupt nichts, aber ich kann ein Leben im Vertrauen wagen, dass Gott all das weiß, was mir verborgen bleibt. Ich kann es wagen, trotzig allem entgegenzuhalten, dass nichts mich wird aus Gottes Hand und aus seiner Liebe reißen können. Und ich kann meiner Seele als Nahrung, als Trost, als Anhaltspunkte immer die Augenblicke vorhalten, die Erinnerungsbilder mir machtvoll in Erinnerung rufen, in denen ich mich dem Himmel so nah gefühlt habe, dass ich ihn meinte mit Händen greifen zu können. Bietet nicht gerade der Frühling mit all seinem blühenden Leben uns so viel Gleichnisse und Bilder der Liebe und Güte Gottes ?
Gegen die Bilder der wankenden Erde in Nepal, der ertränkenden Fluten des Mittelmeeres, der zerstörenden Macht der Stürme und des Hagels steigen aus der Erinnerung blühende Felder, sanftes Wiegen der Wälder, zartes Streichen des Frühlingswindes, wärmendes Leuchten der Sonnenstrahlen, oder erfrischende Klarheit nach einem kräftigen Regenschauern über der noch dampfenden Ackerkrume auf. Beides ist wahr. Traue ich der Macht der Bilder, der Träume, der Hoffnung auf Gottes Liebe, auch wenn ich Zeit und Stunde und Ort nicht weiß?
Wo Menschen Vertrauen wagen, Glaube wächst, Trost durch schwere und dunkle Zeiten trägt, Hunger nach Gerechtigkeit Menschen zu mutigen Handeln treibt und in die Verantwortung für andere Menschen stellt, da ist das Reich Gottes mit einem Mal gar nicht mehr fern und wirklichkeitsfremd, sondern sehr konkret und real, heute schon. Und so erlebe ich heute und durch die Zeit Kirche eben auch: als Ort, wo Träume blühen und gedeihen, und Menschen Anstoß und Motivation zu einem gerechten Leben finden, mit dem sie den Glauben an Gottes Güte lebendig und kräftig halten.
Wo Menschen in Liebe einander entdecken, sich in die Augen schauen und einander anvertrauen, wo Kinder ihre Hand in die die Eltern legen, wo Freunde bedingungslos da sind, überall da leuchtet etwas von Gottes Lebenszugewandheit: er ist ein Freund und Liebhaber des Lebens.
Da wo Menschen sich begeistern lassen und diese Begeisterung Ausdrucksformen sucht, Töne und Lieder findet, wo Herzen zu brennen beginnen und Fröhlichkeit oder Gelassenheit ansteckend wirken, da ist Gottes Gegenwart doch schon mit Händen zu greifen.
Wo Menschen getrost ihren Weg gehen, ihre Überzeugung, ihren Glauben in Fröhlichkeit und Menschlichkeit leben, das Leben am Ende in Frieden loslassen oder sich grenzenlos und bedingungslos in Gottes Hände fallen lassen können, da erzählen sie ohne Worte nur mit der Kraft und der Botschaft ihrer Existenz von Gott – von einem Ende der Welt bis zum anderen. Sie bleiben damit sicher immer im Vorläufigen. Ich weiß, dass viele ihr Leben, ihre Umwelt, ihre Zeitgenossen und ihre Möglichkeiten wesentlich begrenzter und ohnmächtiger erleben und ich kann all das Leid und die Not dieser Welt, die Ungerechtigkeit, die Menschen verantworten oder die Fragen, die mein Leben an Gott stellt, nicht einfach vom Tisch wischen, sondern muss sie aushalten und stehen lassen. Hielte ich diese Welt einfach nur aufs vortrefflichste eingerichtet, würde ich mich letzten Endes belügen und täuschen.
Ich leide mit den Leidenden, weine nicht nur meine Tränen, bleibe angesichts des Unfriedens und der Gewalt, der menschlichen Abgründe und Boshaftigkeiten ungeduldig und werde doch immer wieder aufgerichtet, wenn mir ein Perspektivwechsel gelingt, Gottes andere Welt, sein Reich als konkrete Möglichkeit und Wahrheit begegnet.
Dann begreife ich, dass bis dahin wir die Verantwortung haben. Denn auch, wenn der Himmel nicht leer ist, sondern voll der Bilder für Gottes Güte, so hat er doch zunächst den Auferstandenen unsren Blicken entzogen und uns in dieser Welt mit nicht mehr, aber auch nicht weniger als dem Feuer und der Glut einer Idee und einer Hoffnung zurückgelassen.
Es ist nicht so sehr unser Auftrag, nur sehnsuchtsvoll in den Himmel zu schauen, sondern ihn in Zeit und Raum auch zu leben, vom Reich Gottes uns leiten zu lassen.
Konkret meint dies: Gottes Namen heiligen, in dem wir seine Geschöpfe, alles was lebt, seine Kinder, Menschen, die uns bunt wie ein Blumenstrauß begegnen, ehren und ihnen respektvoll begegnen.
Gottes Willen tun, in dem wir nicht nur auf unsere Wünsche und Bedürfnisse, sondern auch auf Gottes Liebe zum Leben und Gottes lebendige Liebe schauen.
Brot und damit Leben mit Menschen zu teilen und nicht mehr Versöhnung aus gekränkter Eitelkeit regelmäßig auszuschlagen.
Wo wir uns Fehler eingestehen und Fehler zubilligen, einander nicht darauf reduzieren, weil uns sonst Gott auch auf unseres Herzenshärte und Unbarmherzigkeit reduzieren könnte,
in dem wir nicht alles zulassen, was möglich ist, aber alles befördern, was vom Gebot der Liebe zu Gott und den Menschen getragen wird.
Denn dann ist das Reich Gottes nicht weit von uns und verbreitet sich von einem Ende der Welt bis zu anderen bis es kommt, weil Gott dann alles in allem ist. Der Himmel über uns, der Himmel unter uns, der Himmel in uns und auch der Himmel vor uns. Gott sei Dank!

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