"Darfs noch ein bisschen mehr sein?"

Amelie ist 13 Jahre alt. Sie mag Nudeln mit Soße und sie isst gerne Eis. Sie mag Pferde und ab und zu geht sie mit ihren Freundinnen in die Stadt zum Shoppen. Dabei schlägt sie auch schon mal über die Strenge und gibt an einem Nachmittag ihr ganzes Taschengeld aus. Was soll man auch tun, wenn die Verkäuferin so freundlich fragt und die Sachen so schön aussehen. Alles ganz normal. Amelie geht es gut.

Liebe Gemeinde.
„Darfs noch ein bisschen mehr sein?“ Aber ja. Gerne! Gerade an Weihnachten. Da darf es üppig sein. Da dürfen die Geschenke gerne größer ausfallen. Da darf es natürlich ein bisschen mehr sein. Da ist Amelie nicht alleine.
Mehr Licht! Mehr Lametta! Mehr Geschenkpapier! Und teuer darf es sein. Nicht nur die Gans. Auch dass Filet, der Wein, das Bier, der Sekt. Und erst recht die Geschenke!
Billig soll sie nicht aussehen die neue Krawatte. Auch nicht die Socken für Papa und nicht der neue Kochtopf für Mama. Man darf es den Dingen schon ansehen, dass sie etwas gekostet haben. Das war nicht ganz billig. Schaut her! Aber was solls, an Weihnachten darfs gerne ein bisschen mehr sein.

„Darfs noch ein bisschen mehr sein?“ Ja, denken sich auch die knapp 51 Millionen Menschen, die weltweit aktuell auf der Flucht sind. Nur suchen die vorrangig nicht nach tollen Klamotten, schicken Krawatten oder neuen Kochtöpfen. Nein, diese Menschen suchen über diese Jahreszeit hinaus nach dem, was Weihnachten uns allen verspricht. Sie suchen nach Barmherzigkeit, weil ihre Welt hart und unbarmherzig ist. Sie suchen darum auch bei uns nach einer neuen, besseren Zukunft, weil ihre Welt ihnen keine mehr geben kann. Kurzum: Diese Menschen suchen eigentlich nach Gnade, in einer ungnädigen Welt.

„Darfs noch ein bisschen mehr sein?“ Gott sieht ein bisschen ratlos aus. Er ist sich nicht sicher, ob er die Frage richtig versteht! „Wieso mehr?“ Ist doch schon alles da. Okay, für viele weihnachtserprobte Augen sieht es sicher nicht ganz danach aus. Dieser ärmliche Stall, der strenge Geruch, die ganzen Tiere. Und dann auch noch diese Hirten. Mein Gott, die haben nicht mal Geschenke dabei! Und Josef und Maria sind noch nicht einmal richtig verheiratet.
„Darfs nicht doch ein bisschen mehr sein, Gottvater?“
Gott weiß nicht so recht. Was denn noch mehr? Ich habe euch doch schon alles gegeben, was ich zu geben habe. Und billig war das auch nicht. Das könnt ihr mir glauben.

Das Geschenk, Gottes Geschenk an seine Welt, darum geht es im Titusbrief. Dort steht das Evangelium für diesen wunderbaren Abend und hier steht, warum Weihnachten so etwas Besonderes ist. Die frohe Weihnachtsbotschaft steht im 2. Kapitel:

[TEXT]

In diesen Tagen klingelt es ja oft an der Haustür und die Post kommt und liefert Pakete ab. Manche dieser Weihnachtspräsente sind aber so gut eingepackt und mit Tesakrepp umwickelt, dass der Umtausch des Geschenks weniger Zeit in Anspruch nehmen würde, als das Auspacken selber. Ähnlich ist es mit dem Titusbrief. Man muss einfach etwas mehr Zeit investieren, um ihn auszupacken. Aber das Auspacken gehört schließlich zu Weihnachten, wie die Lichterkette. Und am Ende freut man sich hoffentlich auch über das Geschenk.

Weihnachten hat die Kraft, Menschen zu verändern. Nicht nur, weil sie all überall kleine und große Lichtlein anzünden und die Dunkelheit heller machen. Auch im Umgang miteinander geben sich viele in dieser Zeit mehr Mühe also sonst. Schreiben Karten, Briefe oder mindestens einen Facebook-Gruß an ferne Menschen, mit denen man sonst nicht so viel zu tun hat. Aber Weihnachten ist mehr als eine sichere Einnahmequelle für die Post.
Weihnachten ist ein kräftiger Impuls, der dazu beitragen kann, dass sich die eigenen Werte verschieben! So wie bei Amelie, dem ganz normalen Teenie, der vor Weihnachten in so mancher Warteschlange vor überfüllten Kassen gestanden hat.

Denn vor einiger Zeit aber hat Amelie in der Schule gehört, dass es Kinder auf der Welt gibt, die nicht so leben können wie sie. Kinder, die auch in langen Warteschlangen stehen. Aber nicht, um ihre Einkäufe zu bezahlen, sondern weil sie Wasser holen müssen. Da hat Amelie entschieden, dass sie etwas ändern will. Noch am selben Tag hat sie ihrer Mutter vorgeschlagen, eine Patenschaft für ein Kind in Äthiopien zu übernehmen. 30,00 Euro im Jahr soll das kosten. Die hat Amelie aber nicht. Die letzte Shoppingtour hat leider ein größeres Loch in ihre Kasse gerissen. Na klar, die Vorweihnachtszeit. Also schlägt sie ihrer Mutter vor, sich die Kosten zu teilen. Dafür will sie mehr im Haushalt helfen.

Amelie ist von dem Schicksal der Kinder in Äthiopien angerührt. Auch hartgesottene Burschen wie diese Schäfer, die jahrein jahraus durch die Landschaft ziehen, sind zutiefst gerührt, als sie das Jesuskind zum ersten Mal sehen. Weise Männer machen sich gar zu dritt auf den Weg und beugen ergriffen ihre gelehrten Häupter vor einem Kleinkind. Ein König im fernen Jerusalem hat so viel Angst vor diesem Kindlein, dass er um seine Macht fürchtet.
Und auch Sie alle sind heute Abend hier. Haben sich auf den Weg gemacht. Und vielleicht fragen Sie sich ja auch, was bleibt nach der Heiligen Nacht? Wenn die Hirten weiter ziehen, die Könige ihre Geschenke abgegeben und den Blick zurück nach Hause gerichtet haben?

Gottes Geschenk bleibt! Das ist so groß, so massiv und verändert die Welt so enorm, dass es gar nicht mehr wegzudenken ist. An Umtausch ist schon gar nicht zu denken. Gottes Geschenk, das ist seine Gnade. Gnade. Ein altes Wort. Heutzutage kaum mehr im Gebrauch.

Aber in diesem Krippenkind ist Gottes heilsame Gnade erschienen. Und Gottes Gnade, das ist wie Sonne an einem dunklen, nebligen Tag.
Gottes Gnade, das ist wie ein gutes Gespräch, eine tröstliche Umarmung, ein versöhnlicher Händedruck nach einem Streit.
Gottes Gnade ist wie die Mokkatorte meiner Großmutter, die sie einem jeden in unserer Familie zum Geburtstag zubereitet hat. Von außen unscheinbar und farblich eher trist. Aber mit so viel Hingabe und Liebe zubereitet, dass man bei dem Anblick und erst recht bei dem Genuss dahin schmolz. Und egal, wie lange die Zubereitung dauerte, Oma hat das gerne gemacht. Für uns, weil sie uns lieb hat. Einfach so.

So ist sie, die Gnade Gottes. Sie ist in diesem kleinen Kind in der Krippe greifbar, sichtbar, spürbar. Nicht allzu aufwendig verpackt, sondern wie alle Neugeborenen nackt und schreiend. Ein unscheinbares Kind in einer unscheinbaren Krippe. Irgendwo im nirgendwo, in einem Stall, liegt dieses Gottes Geschenk an die Welt. Nun, liebe Gemeinde, was kann man mehr tun, als auf altem, staubigem Stroh so einen Neuanfang hinzulegen?

So ist Weihnachten. Die Freude an den Geschenken. Der Baum. Die Lieder. Das wohlige Gefühl. Der fremde Sitznachbar, der einem gefühlt eine Stunde ganz nahe kommt. Aber nun ist die Welt da draußen vor der Kirchentür, eine andere als die in dem der Stall mit der Krippe steht. Warum eigentlich? Ein schönes Geschenk verwandelt doch auch den, der es bekommt!?

Geschenke sind vergänglich. Krawatten kommen aus der Mode, Socken bekommen Löcher und auch der neue Kochtopf wird sicher irgendwann aussortiert.

Unterm Strich ist Gottes Gnadengeschenk wohl das einzige Geschenk, das über die Jahre hinweg attraktiv, anziehend und erbaulich ist. Die Existenz dieses gütigen Knaben, geschenkt durch eine nachsichtige Allmacht, hat die Kraft die Welt zu verändern. Diese Botschaft hat die Kraft, Menschen zu verändern. Sie hat die Kraft, Hoffnung zu geben. Klingt das nicht nach nicht einem wunderbar tröstlichen Weihnachtsversprechen? Wie viel mehr an Hoffnung kann man eigentlich in einer Krippe zur Welt bringen?

„Darfs noch ein bisschen mehr sein?“ Gott sieht wieder ein bisschen ratlos aus. Denn wenn sich diese Frage auf Weihnachten und auf seine heilsame Gnade bezieht, die ja auch ein bisschen so ist wie Omas Mokkatorte, dann gibt es nicht mehr, das man geben kann!
Amen!

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