In der Welt habt ihr Angst…!

In der Welt habt ihr Angst…!
Der alte Mann liegt mehr als er sitzt. In dem großen Krankenhausbett sieht er viel kleiner aus, als er wirklich ist. Er hat Angst, das sehe ich. Die erste Operation hatte keinen Erfolg gebracht. Er muss noch einmal operiert werden. Eine Zeitlang schweigen wir. Dann frage ich, wie es ihm geht. Er blickt aus dem Fenster. Lange schweigen wir, dann sagt er, dass er Angst hat. Er schaut mich nicht an. Ich nehme seine Hand. Drücke sie. So sitzen wir da – gemeinsam.

In der Welt habt ihr Angst. Was für ein Satz. Jesus hat ihn gesagt und nun ist er in der Welt. Er steht da und ist eigentlich nur ein halber Satz und doch beschreibt er die ganze Wahrheit.
Und ehrlich gesagt, bin ich froh, dass Jesus diesen Satz gesagt hat. Denn ich habe Angst. So viel steht fest. Und diese Angst ist vielfältig. Sie kennt kein Alter. Sie lässt sich auch nur bedingt verleugnen. Und es ist harte Arbeit, die Angst aufzulösen.

Die Angst auflösen. Ich fühle mich hilflos. Ob wir gemeinsam beten wollen, frage ich den Mann. Er wendet sich zu mir und ich sehe ihm an, dass er daran nicht glaubt. Aber seine Angst ist so groß, dass er nicht widerspricht. Schaden wird es nicht, mag er sich denken, aber hilft es auch?
Ich kann den Mann gut verstehen. Er hat Angst und ich will beten. Dabei braucht diese Welt das Gebet, denn bisweilen ist sie auch ein gottloser Ort sein.
Menschen ertrinken auf der Flucht in eine bessere Zukunft. Menschen sterben, ungeachtet ihres Alters und des jeweiligen Lebenswillens. 424 politische Konflikte gibt es aktuell auf dieser Welt. Und da ist niemand, der betroffen ist, der für Vernunft, Einsicht und Frieden betet?
Bonhoeffers Analyse dieses Sachverhaltes, dass Gott zwar alle unsere Gebete erhöre, aber nicht alle unsere Wünsche erfülle, mag sachlich richtig sein, tröstlich ist sie nicht. Ganz im Gegenteil.

Und trotzdem: Diese Welt braucht das Gebet, so wie ich die Sonne brauche, um leben zu können. Und trotzdem erlebe ich mein hilfloses Gebet und frage mich, was mache ich falsch? Fehlt die Inbrunst? Fehlt die Hingabe? Fehlt der Glaube? „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Soviel weiß ich: Beten ist kein Zauberspruch. Auf die richtige Formel kommt es also nicht an. Aber warum erhört er uns dann nicht? Diese Frage muss laut in seinen Ohren hallen, so laut, dass es nur schwer zu ertragen sein kann. Nach und nach wird so der eine oder andere Beter verstummen.

Der alte Mann und ich beten. Trotzdem. Psalm 23, auch ein Vater Unser. Wir beten mit allem, was wir haben. Er bleibt skeptisch, ich will zuversichtlich sein. Wird Gott nun alles gut machen? Die Frage des Mannes beendet die Stille. Ich weiß es nicht, antworte ich ehrlich, aber ich hoffe darauf. Ich denke unwillkürlich an ein völlig mit Staub bedecktes Kind, dass zwei Tage nach einem schweren Erdbeben lebend und nahezu unversehrt aus den Trümmern geborgen werden konnte. Aber ich denke auch an die anderen, an die, die es nicht geschafft haben. Welche Kriterien gelten hier? Ich kann dem Mann leider nicht sagen, warum das Wunder so oft ausbleibt.

Jesus nimmt Abschied und hat sich wohl schon verabschiedet. Angesichts der desaströsen Lage hier im Krankenzimmer oder in der Welt ist der Gedanke kaum von der Hand zu weisen. Jesus ist weg und danach kommt die Angst.
Sie ist spürbar. Erst recht hier im Krankenhaus, aber auch im Taufgespräch, wenn Eltern von Bewahrungsgeschichten erzählen, wenn sie berichten, dass etwas nicht in Ordnung war und dann doch alles gut ging, und auch im Traugespräch, wenn die jungen verliebten Paare die Traufragen besprechen. Bis dass der Tod euch scheidet. Plötzlich ist da mitten im schönen Leben die Endlichkeit spürbar.

In der Welt habt ihr Angst. Die Angst ist eine Konstante im Leben. Jesus weiß das. Aber mit ihm an der Seite war es gut auszuhalten. Jetzt ist er weg. Und den Jüngerinnen und Jüngern wird das Herz schwer. Die Angst, dass meint auch die Not, die Bedrückung, die Drangsal, die jetzt, da Jesus sich verabschiedet, einsetzen, werden nicht weniger. Das hört nicht auf. Das wird mehr. Jesus ist weg. Denn dieser halbe Satz, in der Welt habt ihr Angst, steht in seiner Abschiedsrede. Die übrigens von Herzen kommt. Es ist, als ob ein Freund sich von seinen Freunden verabschiedet. Vielleicht ein bisschen so, als ob er in eine andere Stadt, in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent zieht. Er ist weg. Er ist nicht mehr unmittelbar greifbar. All den Trost, all die Hoffnung hat er eingepackt. So kommt es den Jüngerinnen und Jüngern vor, die seine Worte hören. Deprimiert, niedergeschlagen und desorientiert bleibt die Welt zurück. Und die Angst in ihr. Und eine Frage bleibt: Wie geht’s jetzt weiter?

Beten soll die Welt. Dazu macht Jesus ihr Mut. Beten und dann? Gewissheiten und Garantien gibt es für die Menschen nicht. Beten soll die Welt. Für die Welt, für die Menschen darin und jeden Abend gibt es dazu eine Viertelstunde lang eine kommentierte Inhaltsangabe für dein ganz persönliches Gebetsbuch. Jeden Abend werden die Seiten in diesem Buch beschrieben und dann steht da wo Jesus fehlt.

In der Welt habt ihr Angst…! So nennt er das. Diese Welt, ist so oft gebrochen, dass man kaum noch Hoffnung auf Heilung hat, da hilft womöglich auch keine einfache Schiene mehr. In der Welt habt ihr Angst. Aber Angst haben in der Welt ist nicht Ausdruck von Schwäche oder von schwachem Glauben.
Jesus weiß wovon er spricht. Er hat diese Welt erlebt, er hat aus dem bitteren Kelch getrunken, er hat geweint, als er erfuhr, dass sein Freund Lazarus tot war. Er hat diese Welt erlebt, ganz und komplett und mit allem, was dazu gehört. Er kennt all die Abgründe, er kennt die Schmerzen, er weiß, was es heißt, Abschied zu nehmen.

Er kennt die Welt und ihre Angst und weil er sie kennt verschweigt er sie nicht. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Aber davor ist er in diese Welt gekommen. So spricht Jesus: Ich habe die Angst ertragen. Ich war traurig. Ich habe gezweifelt und ich kenne den Schmerz. Ich habe ihren Hass gespürt. Aber zugleich habe ich diese Welt überwunden. Er sagt: Ich habe nicht die Angst überwunden. Die ist da. Und mit ihr gilt es zu leben.

Im Krankenzimmer wird die Zeit knapp. Der Mann möchte bald alleine sein. Alleine in der Angst. Alleine in der Dunkelheit. Dagegen steht das Gebet. Mehr haben wir nicht. Nur Worte, aber die können das Dunkel hell machen. Gebete sind Worte. Und eine Geschichte fällt mir noch ein. Eine Weihnachtsgeschichte, die ich glauben will. Weil sie mir Mut macht und weil Weihnachten auch Licht ins Dunkel bringt.

Es ist die Weihnachtsgeschichte von ‘Paul auf den Bäumen’
(,der sich am liebsten dort aufhält und),
der nach seinem Ausbruch aus der Anstalt durchs Land streift und
die Nächte hier und dort verbringt;
zum Beispiel habe ‘Paul auf den Bäumen’ also
den vorletzten Heiligen Abend
in einem leeren fahrenden Güterwagen verbracht,
und, um die Nacht zu verteilen und den Schlaf zu vergessen
habe er in völliger Dunkelheit – so beschwört er – mit Kreide
auf die 4 inneren Wände des Güterwagens
alles, was in ihm gewesen,
draufgeschrieben und gekritzelt – beschwört er – ,
immer, ohne zu wissen, was er nun schreibe
und ob es anderntags leserlich sei —
bis alle Wände – er habe sie mit der Hand abgetastet –
voll Kreide und Schrift gewesen.
Dann wäre er eingeschlafen.
Und sei am Morgen erwacht – irgendwo in der Welt zwischen Brisbane und
Stavanger – und er habe die Tür geöffnet,
und Licht sei geworden und auf den Wänden – voll Lebenszeichen und
Hilferufen, Wutausbrüchen und Sanftmut und
Jahreszahlen – habe auf einmal gestanden – überall, hinter- und
übereinander und unter- und durcheinander und
überall, sogar an der Decke des Wagens und auf dem Boden
– die er beide gar nicht beschrieben –
habe auf einmal deutlich zu lesen gestanden:
Fürchtet euch nicht !
– und wäre nicht wegzuwischen gewesen. (H. D. Hüsch)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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