Auch Gladiatoren erkennen irgendwann den wahren Herrn

I.
Worauf kommt es denn an? Worauf kommt es im Leben an? Ein/e jede/r möge sich selbst im Stillen eine Antwort geben.

Selten machen wir es uns bewusst aber unbewusst handeln wir alle danach. Und darauf zielt meine Frage: Jede und jeder von uns hat so seine bestimmte Vorstellung davon, wie die Welt und wie das Leben funktionieren.

Ob ihre stille Antwort dabei ist? Schauen wir mal, was an Antworten möglich wäre:

Man muss sich durchsetzen, denn das Leben ist ein Wettkampf. Der englische Philosoph Thomas Hobbes hat es so formuliert: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Er hatte dabei vor allem das kriegerische Verhältnis der Völker zueinander im Blick. „Jeder kämpft gegen jeden“, so ist seine Ansicht allgemein geworden. Wir alle stehen in einem unaufhörlichen Wettkampf – gegeneinander.

Andere sprechen vom großen Kuchen und dem Stück, das man davon haben will.

Andere sagen, worauf es im Leben ankomme, sei, dass man frei und unabhängig werde und bleibe.

Und das haben sie bestimmt auch schon gehört – und vielleicht eben im Stillen gedacht: Geld regiert die Welt.

Ach Gott, sind das düstere Auffassungen, von dem, worauf es im Leben ankommt. So einfach leugnen können wir diese Meinungen nicht.
Worauf kommt es an? Ich stelle die gleiche Frage in anderer Gestalt: Was bzw. wen beten sie an?

Darum geht es im Johannes-Evangelium im 16. Kapitel. Bislang habt ihr nicht meinem Namen gebet, sagt Jesus dort, aber künftig werdet ihr es tun.

Für uns mag das Gebet zu Jesus selbstverständlich sein. Aber wie war das damals? Als es neu war, zu Jesus zu beten.

In Gedanken unternehmen wir eine Reise in die Vergangenheit. Sie führt uns in eine Straße im kaiserlichen Rom. Vor ein Haus.

II.
Antonius brannte in heller Neugierde darauf, auch in dieses Haus eingelassen zu werden. Die Wächter aber, die sich vor der Tür aufgebaut hatten flößten ihm Furcht ein. Wenn das man nicht alte Gladiatoren sind, dachte Antonius. Er hatte schon über fünfzig Männer, Frauen und Kinder gezählt. Die Leute kamen aus allen Gruppen der Gesellschaft, Senatorenfamilien, Ritter, Bürger, selbst Sklaven waren dabei. Seltsam, was da vor sich ging. Manche grüßten einander. Andere blickten starr vor sich hin, als wollten sie jeden Kontakt vermeiden. Alle aber fanden Einlass.

Die beiden athletischen Türwächter flüsterten jedem der Besucher etwas ins Ohr. Das war wohl die Frage nach einem Losungswort oder einem geheimen Zauberspruch. Aber sie sprachen so leise, dass Antonius nichts hören konnte. Alle aber schienen die richtige Antwort zu kennen oder den geheimen Satz, den man zum Eintritt sagen musste.

Antonius strengte seinen Ohren an, aber er verstand nichts. Er wagte sich näher an die Wächter heran. Noch aber hielt er sicheren Abstand. Unsicher schaute er sich um. Was ist das? An der Hauswand entdeckte er einen in den Stein geritzten Fisch. Ob das hier ein besonderes Lokal ist mit feinen Speisen für auserwählte Römer? Oder ob das hier der Versammlungsort einer der neuerdings so modernen orientalischen Geheimkulte ist?

Als einer der Wächter zum ihm hinüberschaute, blickte Antonius schnell zur Seite und tat so, als würde er mit seinen Augen den Vorplatz nach einem Bekannten absuchen. Wenig später lichtete sich die Schar der Menschen vor der Tür. Ein älteres Ehepaar kam herbeigelaufen. Auch sie durften noch hinein. Dann verriegelten die beiden Wächter die Türen.

Willst du auch rein? Der Türwächter hatte eine ziemlich laute Stimme.
Antonius schrak zusammen. Er geriet ins Stottern. Äh, nun ja, was ist das hier? Ja, gerne würde ich hinein dürfen, wenn ich dürfte. Darf ich?

Wer ist der Kyrios, wer ist der Herr? Diese Frage stellte der andere Alt-Gladiator.

Ach, so einfach ist die Frage. Antonius antwortete mit albern feierlichem Tonfall: Kyrios, der Herr, das ist unser Kaiser Domitian.

Beide starken Kerle schauten ihn nahezu mitleidig an.

Falsche Antwort? Die beiden nickten nur.

Wer versammelt sich hier? Antonius wollte es endlich wissen.
Wir beten zum Herrn, zum Kyrios der Welt.
Und wer ist das?
Kyrios ist Christus. In seinem Namen beten wir.

Ihr betet?

Betest du nicht?

Aber selbstverständlich tue ich das, antwortete Antonius, als müsste er sich verteidigen. Morgens stelle ich Blumen und Öl auf den Altar unserer Hausgötter, unserer Laren. Damit sie uns weiterhin beschützen.

Hast du etwa Angst?

Nein, rechtfertigte sich Antonius leicht verwirrt durch diese direkte Frage. Ich bin nur vorsichtig. Wer den Laren nicht dient, schwört Unglück auf sein Haus. Und außerdem bete ich zu Mars, dass er unsere Kriege segne. Und hier – er holte ein Amulett aus seiner Toga hervor – das ist von Apollon. Das Zeichen schützt meine Gesundheit, um die ich stets große Sorge habe. Und für meine Frau habe ich auch schon vier Zeichen erworben, damit sie weiter Kinder kriegt. Und was betet ihr? Wen nennt ihr Kyrios? Was machen die Leute da in dem Haus?

Die Wächter fanden wohl Gefallen am Gespräch mit Antonius. Immerhin würde es ihnen die Zeit verkürzen. Lass dich nieder, luden sie Antonius ein. Und so entspann sich ein Gespräch darüber, zu wem man beten sollte.

Also, du hast viele Fragen, begann der eine Wächter. Wollte ich auf alles eingehen, so säßen wir bis in den frühen Morgen hier. Also fasse ich mich kurz. Wir beten zu Jesus Christus. Das ist der Name, den jeder nennen muss, der Einlass begehrt.

Und was betet ihr: Um Schutz, um Glück, um Reichtum, um Gesundheit?

Wir beten anders als die Menschen, die nur sich selbst kennen. Wir beten: Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Indem wir so beten, wandelt uns Gott.

Also betet ihr um Weltmacht, fuhr Antonius dazwischen, ist euch Mars, unser Kriegsgott nicht mehr gut genug? Wer Mars dient, wird Kriegsglück haben. Ist Jesus ein neuer Kriegsgott?

Wer Mars dient, ist ein Idiot, mischte sich nun der andere, wortkarge Wächter ein.

Wie bitte? Ich denke, ihr betet um Weltmacht.

Ja, aber nicht so, wie du dir das vorstellst. Wir beten um ein Reich des Friedens, in dem alle Menschen ohne Angst leben können.

Auch die mordlustigen Perser? Was seid ihr für seltsame Leute? Krieg muss sein. Krieg ist immer.

Nein, du irrst. Krieg gibt es, weil Menschen so gierig sind. Wir beten um das Reich Gottes. Es wird kommen. Im Reich Gottes gibt es keinen Krieg.

Ungläubig starrte Antonius die alten Kämpfer an. Ihr seid doch bestimmt Gladiatoren gewesen. So stark, wir ihr ausschaut.

Ja, wir haben in ständiger Todesangst gelebt. Diese Angst ließ uns brutal und grausam werden. Glaube mir, als Gladiator glaubst du an gar nichts mehr. Du hörst die grölenden Menschen, die nach Blut gieren und als Kämpfer bist du kaum besser als ein wütender Hund. Die ständige Angst macht dich verrückt. Natürlich habe ich auch jedem der falschen Götter geopfert. Aber gerettet haben mich die Christen. Sie haben mir die Angst genommen.

Welche Angst?

Na die Angst, die dich doch täglich begleitet: Angst vor den Laren, Angst vor Krankheit, Angst vor Armut, Angst vor dem Tod.

Das ist doch natürlich.

Nein, das ist unnatürlich. Das hat uns Christus gelehrt.

Was sagt er denn, euer „Kyrios“?

Er hat uns gelehrt, Sünden zu vergeben. Er hat uns gelehrt, jeden Menschen zu achten. Mehr noch, jeden Menschen zu lieben?

Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht, dass ihr so etwas könnt. Antonius untermalte seine Worte mit spöttischem Lachen.

Du hast schon Recht. Wir sind auch Sünder. Aber wir arbeiten an uns. Heute, da drinnen, haut es ihnen unser Bischof um die Ohren. Er hat es mir vorhin gesagt. Ihm ist es nämlich übel aufgestoßen, dass es etlichen Streit unter unseren Leuten gibt. Vor dem Gottesdienst beschimpfen sie sich. Beim letzten Treffen gab es sogar eine Prügelei.

Sag ich doch, bemerkte Antonius, und wem hat Mars den Sieg geschenkt?

Mars ist kein Gott. Mars ist die Verkörperung unserer Schlechtigkeit. Wer Mars anbetet gehört der Hölle.

Pass bloß auf, solche Reden hört unser Kaiser nicht gern. Da landest du schnell wieder im Zirkus. Aber als Löwenfutter.

Ich habe keine Angst mehr vor Menschen, die gewalttätig sind. All ihr Tun hat keine Zukunft. Auch Gladiatoren erkennen irgendwann ihren wahren Herrn.

Ihr wollt doch nicht etwa die Welt verbessern?

Da magst du wieder Recht haben. Als erstes wollen wir uns verbessern. Wir tun Buße, so nennen wir das. Und darum beten wir gemeinsam: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Unser Gebet hat sieben Bitten. Mehr braucht es nicht.

Und das bringt euch weiter? Antonius schaute dem Gladiator fest in die Augen.

Das bringt uns Einsicht. Wir sollen uns nicht um all das sorgen was euch Heiden wichtig ist, weder um das, was wir essen, noch um das, was wir trinken werden. Gott, wir nennen ihn Vater, wird uns alles zukommen lassen, wie wir es brauchen.

Antonius sagte nichts. Er hatte auf einmal das Gefühl, unter Spinner geraten zu sein.

Und das klappt, fragte er trocken.

Ja, als ich wegen einer Verletzung am Ende war und weder Geld noch ein Zuhause hatte, lernte ich die Christen kennen. Sie haben mir geholfen, obwohl ich – und er kreuzte seine Arme und hielt dabei sein Finger ausgestreckt – wohl einige in der Arena ermordet hatte. Und jetzt arbeite ich hier.

Der Wortkarge wiederholte diese Geste mehrfach. Sie haben uns vergeben, sagte er.

Und jetzt dürft ihr zum Dank billige Türsteher sein?

Nein, ich bin Diakon in unserer Gemeinde. Meine Aufgabe ist es, Lebensmittel an arme Leute zu verteilen. Das tun wir unten am Tiber in der Kirche Santa Maria.

Und wo kriegt ihr das Zeug her?

Die Reichen in unserer Gemeinde spenden es uns.
Und hier esst ihr Fisch? Antonius zeigte auf das Zeichen.
Nein, das ist ein Geheimzeichen für unseren Herrn, zu dem wir beten.

Also du betest weder zu Apoll noch zu Jupiter?

Wer falsch betet, lebt falsch. Früher hatte ich das getan, heute aber bete ich im Namen Jesu. Wer diesen Namen kennt, wer diesen Namen nennt, hat die Wahrheit erkannt.

Welche Wahrheit?

Dass wir nur leben können, wenn wir Liebe untereinander haben.

Antonius grinste anzüglich.

Du verstehst gar nichts. In all deinen Gedanken kreist du nur um dich: Um dein Haus, dein Geld, deine Frau, deine Geilheit.

Das tun doch alle!

Nein, wir tun es nicht. Wir haben diese Welt überwunden. Diese Welt, wo ich alleine der Mittelpunkt bin. Worauf kommt es denn an im Leben? Denke mal darüber nach. Und dann frage dich: Wen bete ich an. Welcher Name schließt mir den Weg zu Gott auf?

Ich muss weiter. Antonius war es zu ungemütlich geworden.

Komm wieder. Der alte Gladiator schaute ihn freundlich an. Du weißt ja jetzt, was du antworten musst, wenn ich dir meine Frage ins Ohr flüstere: Wer ist der Kyrios, an den glaubst?

Was muss ich da sagen?

Jesus Christus ist der Kyrios, in seinem Namen bin ich gekommen, lass mich ein.

Salve! Antonius erhob sich. Ihm war, als liefe er vor etwas weg, was auf ihn zukam und drohte, ihn zu überwältigen.

Komm wieder, rief der Wortkarge. Bei uns findest du Frieden. Jesus hat gesagt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Antonius lief davon ohne sich umzudrehen. Er war verwirrt.

Die Frage aber, ob er je wiedergekommen ist, entzieht sich uns, die wir nicht mit unseren Augen durch den Schleier der Welt schauen können, sondern nur mit unserem glaubenden Herzen, das durch Christus versiegelt ist in der Liebe Gottes.

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