Sie suchen, sie ahnen, sie sehnen sich… (Erprobung Reihe V)

Ihr Lieben, Männer und Frauen, ich gebe gerne zu, dass ich von frühester Kindheit religiös sozialisiert bin. Mit uns Kindern wurde gesungen und gebetet, der Kindergottesdienst gehörte mehr oder weniger regelmäßig zum Leben dazu ebenso wie die Feste mit ihren Liedern und Geschichten. Gott war nie fraglich, auch wenn die Familie nicht übermäßig fromm war. Die biblischen Geschichten waren genauso lebendig, spannend und selbstverständlich bekannt, wie man ja auch die Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm kennt. Das ist heute anders. Ich erlebe, wie Jugendliche mit ihrer Klasse zum ersten Mal eine Kirche betreten und ich freue mich schon, wenn Jugendliche auf die Frage nach der Bedeutung von Weihnachten antworten, dass da Jesus gestorben sei, weil sie wenigstens ahnen,dass das Weihnachten etwas mit Jesus zu tun hat. Ich höre die Klage über die Entkirchlichung ganz besonders im Osten, und dass doch wohl die größte Konfession mittlerweile die der Konfessionslosen sei.
Ja, das kann und das will ich alles nicht leugnen. Aber nach 22 Jahren im Land Brandenburg weiß ich auch, dass damit keineswegs das Ende der Religion gekommen ist. All die weisen Männer und Frauen, die von der Rückkehr, der Wiederkehr der Religion reden, haben Recht. Nur, dass diese Wiederkehr noch nicht in den Kirchen angekommen ist. Manche sagen, dass liegt daran, dass in den Kirchen so unverständlich gesprochen wird. Einer schreibt den Pfarrern ins Stammbuch: „Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä? – Ach bitte, lasst mich doch mit so was in Ruhe… Es ist geradezu dumm nicht verstanden zu werden, wenn man darum werben muss, dass die Menschen zu einem kommen. Es wäre doch am Ende recht einfach. Macht’s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten. Seine Zuhörer wussten, wer die Samariter sind und wie ein Senfbaum aussieht. Die wussten, wie die Nummer mit dem Sauerteig geht. …Darf ich einen Deal vorschlagen: Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich. Na denn, PROST!“ (Erich Flügge, die Kirche verreckt an ihrer Sprache)
Um das Kind nicht gleich mit dem Bade auszuschütten: er hat ja recht, es gibt so eine Kirchensprache für Insider. Aber es kommt doch auch auf die Inhalte und nicht nur auf die Verpackung an. Die Menschen sind religiös. Sie suchen, sie ahnen, sie sehnen sich und wissen nur nicht genau wonach, wie, wann und mit wem.
So wie früher der Kirchgang zum Sonntag gehörte, gehört beispielsweise heute die Bundesliga zum Samstag und die Champions League zum Dienstag oder Mittwoch und immer das gleiche Ritual, die gleiche, allen bekannte Liturgie: man kleidet sich, man pilgert mit vielen ins Stadion, man stimmt in die Gesänge ein, man möchte oben in der Tabelle stehen, zu den Gewinnern gehören, als erster ins Ziel kommen, ist Teil einer großen Fangemeinde, in ihr leidet man oder feiert. Man lebt ganz und gar für seinen Verein. „Schalke ist meine Religion“ lautete der erste Aufkleber, über den viele noch gelächelt haben. Aber die Stadien sind wie neue Kathedralen, in ihnen werden Events fast mit Kirchentagscharakter gefeiert. Suchen die Menschen nicht vor allem Gemeinschaft, Ziele für die es sich zu fiebern, zu leiden und zu wetteifern gilt? Streben sie nach Bleibendem , Höheren? Eine Meisterschaft ist für immer gewonnen, den Titel kann einem niemand mehr nehmen. Generationen kommen zusammen. Lieder, Schlachtrufe verbinden, selbst der Fussballgott wird beschworen. Nur für wen soll er denn sein bei 18 Mannschaften pro Liga?

Ich sehe ebenso die Gestrandeten des Lebens. Menschen krank geworden in einer Welt, in der viele versuchen zu leben, wie es ihnen als Ideal immer vorgehalten wird wird: jung, dynamisch, schlank, attraktiv, erfolgreich, konsumierend, glücklich und zufrieden, mit dem Wunsch alles möge so bleiben, wie es ist – so müsst und so könnt ihr sein. Wer nicht mithalten kann, bleibt auf der Strecke.
Wer das nicht aushält, steigt aus oder betäubt den Schmerz und die Niederlage. Er oder sie verschafft sich den Kick in das künstliche Paradies, um für einen Augenblick glücklich und frei, über allen Dingen und zufrieden zu sein. Hinter jeder Sucht, steckt eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Leben, nach Sinn, nach Bestätigung, nach Anerkennung, nach Liebe – womöglich sogar nach Gott?
Und wer nicht mithalten darf, vermeintlich am falschen Ort zur falschen Zeit zur Welt gekommen ist, wem es gar nicht so sehr um all die Äußerlichkeiten als vielmehr einfach um das Leben, ja um das nackte Überleben geht, warum sollte der nicht dahin kommen wollen, wo wir alle das längst genießen ? Können wir wirklich die vielen auf der Flucht nicht verstehen, dass sie sogar den Tod auf dem Weg ins Leben in Kauf nehmen? Hier geboren zu sein, ist ja kein Verdienst.
Ja, es gibt auch Agnostiker. Die wollen von Gott und Ewigkeit nichts wissen, es ist ihnen gleichgültig. Sie leben heute so ausschweifend wie im Rausch, weil sie morgen schon tot sein können oder sie sagen dann am Ende eines Lebens, von dem anerkennend gesagt wird, dass es nur Arbeit gewesen sei, ganz überrascht, dass das doch nicht alles gewesen sein kann in dieser knappen Zeit von 70 oder 80 Jahren. Irgendwie wusste schon Augustin im 4.Jahrhundert vom Menschen: unruhig ist unser Herz … um sich einzugestehen, dass auch er fast ein Leben lang brauchte, um zu erkennen, dass diese Unruhe anhält, bis der Mensch ruht in Gott.

Menschen suchen, sie suchen nach Sinn, sie suchen nach Erfüllung, sie suchen nach Hoffnung im Angesicht des Todes oder nach Ewigkeit, in dem sie ihr Leben so lange als möglich leben wollen. Sie wollen alle leben, nicht mehr und nicht weniger!
PAUSE
Ich schau mich dann unter euch um, und bewundere, was ihr in den letzten 25 Jahren wieder alles aufgebaut habt, ich sehe, wie viele in den Sommermonaten, wenn sie Zeit und Muße haben, in eure Kirchen kommen, still werden, sich hinsetzen, ein Licht anzünden, manches Gespräch führen und vielleicht eine unbestimmte Ahnung, aber eben eine Ahnung mitnehmen.
„Ob sich das lohnt, der Aufwand, die Kosten, die Mühen, und dann kommen die Menschen, aber bleiben nicht“ murren einige…… Ja, es lohnt sich: weil irgendwann bei all den Schlachtrufen, der Vereinigung der Seelen in gemeinsamer Leidenschaft, inmitten aller Sehnsucht, die doch nicht gestillt wird, bei allem Wunsch nach Schönheit und Vollkommenheit, auch nach Versöhnung innerlich und äußerlich, und nach Leben, mitten in der Stille deutlich wird: Gott ist gar nicht fern. Er ist da, wo Leben ist. Vielleicht ist er kein Herta-, Schalke, Bayern- oder Dortmundfan, aber ein Menschenfreund, der Sehnsucht und Liebe zum Leben hat, sich verbinden, Menschen zu einer Familie, zu einer Gemeinde zusammen bringen möchte.
Vielleicht verstehen euch die Menschen draußen heute nicht, weil ihr eine eigene, eigentümliche Sprache habt, die euch lieb geworden ist, beinahe heilig. Bewahrt sie, weil sie euch Geborgenheit und Sicherheit gibt. Und versucht zugleich einmal anders zu sagen, wie der Glaube an Gott eurem Leben Tiefe und Halt, Bedeutung und Hoffnung gibt, und wie er euch Menschlichkeit allen Menschen gegenüber lehrt. Das versteht die Welt.
Der Glaube führt euch zum Staunen über die Schönheit der zu neuem Leben erwachenden Natur. Inmitten all des Chaos entdeckt er eine wunderbare Ordnung der Formen und Gestalten. Ich glaube, dass diese Welt nicht planlos umherirrt und ein verlorenes Sandkorn in der unendlichen Weite des Universum ist, sondern zugleich von der Sehnsucht und Liebe Gottes nach allem, was lebt, leuchtet und sich bewegt, erzählt.
Ich glaube, dass mein Leben einen Ursprung und ein Ziel, eine Bedeutung und Tiefe über den Tag hinaus hat und nichts vergeblich ist.
Ich glaube, dass keiner festgelegt wird auf seine Vergangenheit und seine Fehler, seine hässlichen, dunklen Ecken, die nur mühsam verborgen werden können, sondern immer wieder aufbrechen, anfangen, sich verändern, wachsen und reifen kann. Ich glaube, dass unser Leben Ewigkeitswert hat, nicht hinter allem her jagen muss, aus Angst, das entscheidende verpasst zu haben. Ich glaube, dass am Ende auch die offenen Fragen einer jeden Gegenwart Antworten finden, und es sich bis dahin lohnt, dafür zu streiten und sich einzusetzen, dass diese Welt ein wenig menschen- und lebensfreundlicher wird. Ich kann auch sagen: Ich glaube an Gott, wie ihn Jesus gelebt und gepredigt hat.
Das kann ich nicht für mich behalten und ich bin mir sicher, dass viele auf Hinweise, Einladungen, Antworten warten – irgendwann und irgendwo auf ihrem Lebensweg. Sind wir dann bereit dazu?

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