Verwurzelt sein

Die Gnade …

Liebe Gemeinde,
haben Sie Wurzeln und wenn ja, wo?
Ich komme z.B. aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Dort sind meine Wurzeln, dort bin ich großgeworden. Aber dann bin ich weggegangen, habe in verschiedenen Städten studiert und meine Ausbildung beendet. Im Gegensatz zu meinen Brüdern und allen meinen Cousins und Cousinen, die alle im Dorf oder in Umgebung geblieben sind. Die können glaube ich auch heute noch sagen: Hier sind meine Wurzeln, hier bleibe ich.
Sicher, auch ich trage in mir die Liebe zu meiner Familie, die Erfahrungen der Kindheit – sie prägen mich bis heute. Aber andere Orte sind mir Heimat geworden: Die Stadt Hamburg, wo ich lange studiert und gelebt habe. Meine erste Pfarrstelle in der Nähe von Verden, wo ich viele Jahre war. Freundschaften und Erfahrungen aus dieser Zeit, die Liebe zu meinem Mann ergeben den Humus, in denen ich versuche, die Wurzeln meines Lebens tief einzugraben. Und natürlich der Glaube, der mich begleitet, der sich aber auch ständig verändert.
Es ist schön, wenn man Wurzeln hat.

Und wie schlimm ist es, wenn man entwurzelt.
Davon können die Menschen erzählen, die am Ende des Krieges mit kaum mehr als dem, was sie tragen konnten, hier im Westen ankamen. Noch jahre- oder jahrzehntelang oder ihr ganzes Leben haben sie gesagt: „Ich bin Schlesier“ „Wir kommen aus Bessarabien“ – Identität, die ein Leben lang bleibt – aber die Heimat ist weg. Die eigenen Lebenswurzeln wurden herausgerissen und mussten anderswo wieder eingepflanzt werden. Oft wurde blühendes Leben daraus. Aber gerade für diejenigen, die bei der Flucht schon älter waren, blieb der Schmerz um die verlorene Heimat ein Leben lang.
Genauso mit den Flüchtlingen heute. Die gehen doch nicht aus ihrem Heimatort, von ihren Familien und Freunden weg, weil es so toll ist, mit einem halblecken überfüllten Schiff den gefahrvollen Weg über das Mittelmeer zu wagen. Sie fliehen aus Ländern, in denen sie ihre Wurzeln nicht mehr weit in den Grund stecken können, weil es wegen Korruption, Armut und Gewalt kein funktionierendes Gemeinwesen mehr gibt.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Man kann diesen Satz Jesu als Drohbotschaft missverstehen. Da ist nämlich auch von Reben die Rede, die keine Frucht bringen. Die werden ins Feuer geworfen. So wie es im Laufe der Kirchengeschichte dann auch gepredigt wurde: „Wehe, wehe, ihr bleibt nicht gute Christen, dann werdet ihr im Höllenfeuer schmoren.“

So ist dieses Gleichnis vom Weinstock aber gar nicht gemeint.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Das ist zuallererst ein Beziehungsangebot an uns.
Und zwar nicht nur an die Christen und Christinnen, sondern an alle Welt. So heißt es doch am Anfang vom Johannesevangelium, dass Gott seinen Sohn sendet, weil er die Welt liebt – nicht nur die Christen.
Und diese Welt krankt daran, dass sie meint, sie muss sich ihre Wurzeln selbst geben. Ich finde das total entlastend, dass Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ich sorge dafür, dass die Wurzeln tief in die Erde fassen. Das müsst Ihr nicht selbst tun. Ihr könnt als Reben daran Anteil haben. Ihr müsst Euch nicht im ständigen Leistungskampf und immer bedrängt von dem, was die Leute denken, Euren Lebenssinn geben. Ich bin der Weinstock – darum kümmere ich mich. Darum kümmert sich Gott, der Weingärtner, der dafür sorgt, dass die Rebe Frucht bringen kann.“ Der Weinstock spendet ihr das Leben, nicht sie selbst. Wir als Rebe müssen nur das Zutrauen haben, dass die Saat aufgehen kann. Die Kräfte gibt der kraftvolle Weinstock. Menschen, die sich und ihr Leben so verstehen können, haben Wurzeln, die sie nicht selbst schaffen müssen. Sie haben eine Heimat – auch wenn das Leben sie herausreißt aus Vertrautem.

Letzten Donnerstag wurde in den Wolfsburger Nachrichten über einen 19jährigen jungen Mann, der mit einem 12jährigen Mädchen Sex hatte. In beiderseitigem Einvernehmen, die 12jährige ist offensichtlich sehr früh dran. Trotzdem ist das ganze strafrechtlich relevant, weil sie vor dem Gesetz natürlich als ein Kind gilt.
Der 19 Jährige war geständig und einsichtig. Vor Gericht schilderte er, wie er sich in der Nähe des Mädchens wohlgefühlt habe. „Sie hat mir das Gefühl gegeben, mich braucht einer auf dieser Welt.“ Er habe das Gefühl gehabt, dass ihn niemand auf dieser Welt brauche. “(Wolfsburger Nachrichten, 23.4.2015)
Mich hat diese Schilderung in dem Zeitungsartikel irgendwie angerührt, auch wenn ich das Verhalten des jungen Mannes sehr problematisch finde. Aber ich habe gedacht, auch im Bezug zu unserem Predigttext: Wie entwurzelt ist dieser junge Mann. Er hat keine innere Heimat. Niemand braucht ihn.
Traurig.
Ob ihm das Bild Jesu hätte helfen können?
Ein Bild, das sagt: Doch, du bist wertvoll. Du bist eine Rebe, Du kannst Kraft durch mich beziehen und Gott, der Weingärtner, wird alles dafür tun, dass dein Leben für dich sinnvoll ist.
Genauso bei den jungen Menschen, die sich mit Haut und Haar der radikalen und menschenverachtenden Ideologie des IS ausliefern. Sie wollen zu etwas Bleibendem gehören. Sie wollen wurzeln in etwas, das größer ist als sie. Oder Menschen suchen Selbstvergewisserung in den simplen Parolen der Pegida-Bewegung. Heimat, indem man andere ausgrenzt – wie brüchig ist das.
„Ich bin der Weinstock, Du bist die Rebe.“ Das ist ein großartiges Angebot: Du musst dir den Sinn deines Lebens nicht selbst verschaffen, du bist ein Teil von mir. Zieh deine Kraft aus dem Weinstock, lass dich pflegen von einem Gott, der daran interessiert ist, dass dein Leben Frucht bringt für dich und für andere.
Und zwar immer anders.
Jedes Jahr wieder neu wachsen die Trauben. Mal macht viel Sonne die Frucht süß. Andere Jahre sind härter, weil das Wetter nicht mitspielt. Und doch wächst die Traube. Jeder Jahrgang des leckeren Weins schmeckt anders.
Wir dürfen uns verändern, wachsen, ein fruchtbares Leben leben, weil wir mit dem Lebendigen selbst verbunden sind. In ihm bleiben, damit wir werden. Amen.

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