Darum dürfen wir singen

Vom Singen handelt dieser Sonntag und vielleicht noch mehr, wie oft uns das Singen im Halse stecken bleibt. Vielleicht weil uns die gewalttätigen Gesänge der Hooligans oder der Faschisten erschrecken. Vielleicht auch weil diese Welt uns dermaßen einschüchtert, dass wir uns nicht mehr trauen, einfach harmlos drauf los zu singen. Vielleicht auch, weil wir nicht mehr vorbehaltlos vertrauen wollen, auf den Ruf Jesu.

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Jesus gibt sich hier zu erkennen als Sohn Gottes, der parteiisch ist. Er ist ganz klar in Gottes Auftrag unterwegs und hat eine ganz klare Zielrichtung: Nicht die Bedeutenden und Starken, sondern die Schwachen und Unbedeutenden sind es an die sich seine Mission richtet. Er will den Menschen die Liebe des Vaters nahebringen und wendet sich nicht an die Institutionen und nicht an die Menschen mit Macht oder Geld. Er wendet sich an das einfache Volk in Galiläa und darüber hinaus.

Jesus lädt gerade die ein, die sich nichts zutrauen und denen Andere erst recht nichts zutrauen. Aus ihnen will er seine Gemeinde aufbauen. Aus denen, denen vielleicht gar nicht zum Singen zu Mute ist genauso wie aus denen, denen nur noch das Singen übrig geblieben ist von ihrer Würde. So wissen wir ja aus der Geschichte der Sklaverei, dass versklavten Menschen oft das Singen bei der Arbeit als einzige Möglichkeit geblieben ist, ihre Gefühle auszudrücken.

Aber auch den Menschen, die am Boden liegen, kommt er nicht mit Gewalt und Kraft, mit Power und Revolutionsliedern. Er kommt mit einem Angebot einer neuen Unterjochung. Die Menschen sollen das Joch der Sanftmut ertragen, sollen lernen, demütig zu sein. Das ist aber nicht dasselbe, wie das, was heute von den Armen und Schwachen gewünscht wird: Klappe halten und dankbar sein für alles, was kommt.

Sanftmut, das ist der Mut nachzugeben, wie er vielleicht am liebsten in Kitschfilmen von Herz und Schmerz vorkommt. Dort wo Menschen um einer Partnerschaft willen oder um einer Familie Willen auf viel Eigenes verzichten und dafür belohnt werden. Vielleicht erzählen solche Filme ja von dem Traum, gottähnlich zu werden indem ich den Mut gewinne sanft und milde zu sein.

Sanftmut ist kein schwächliches Nachgeben, sondern manchmal auch ein wehrloses Standhalten. Manchmal auch ein Ertragen von Schmerzen um eines Zieles Willen. Sanftmut ist der Mut zu sagen: ‚Ich verzichte auf mein gutes Recht und seine Durchsetzung.‘ Sanftmut hat etwas zu tun mit der Frage: was will ich eigentlich wirklich in meinem Leben? Und Demut ist der Mut zuzugeben, dass ich nicht alles weiß und nicht alles kann, dass ich Grenzen habe.

Und Jesus lädt uns ein, in seinem Lebensstil unser Ziel zu finden.- Aber er sagt auch, dass das nicht sonderlich attraktiv ist. Es ist nicht der Lebensstil für Menschen, die immer obenauf sein wollen, die immer auf der Gewinnerseite stehen wollen.
Christ sein Christin sein ist nicht einfach – es kann zum Joch werden. Man geht wie ein Ochse und legt sich ins Zeug – ohne zu wissen wozu und wie lange noch.

Dieses Joch ist ein Symbol, für das Leiden Christi und für das Leiden seiner Jüngerinnen und Jünger. Dieses Joch ist eine Blamage für alle, die als klug und weise gelten. Weil sie in aller Klugheit und Weisheit den Weg zum Leben weder be- noch ergreifen: Jesus Christus.

Wir kennen eben Gott nicht von Natur aus und erkennen ihn nicht durch unseren Verstand, wir kennen ihn durch Jesus und er gibt uns – im Vaterunser – einen direkten Zugang zu Gott. Wir können mit ihm reden, wir können von ihm erzählen und ihn anklagen. All das erträgt er.

Jesus Christus selber lädt uns ein zu ihm zu kommen, wie wir sind. Wir müssen nichts mitbringen, nichts vorweisen. Wir müssen nichts darstellen und unsere Zeugnisse zählen nichts. Darum lohnt es sich auf die zu schauen, die am Boden liegen, die nichts haben, womit sie imponieren können. Sie haben Würde vor Gott und darum dürfen wir auch dafür kämpfen, dass sie ihre Würde behalten – bei den Menschen.

Darum dürfen wir singen. Wir dürfen Loblieder singen, weil wir aufatmen können. Das Leben ist eben doch kein Wettkampf, bei dem es darauf ankommt, bei den Besten zu sein. Wir dürfen Klagelieder singen, weil wir spüren, dass diese Welt noch nicht die Welt ist, die Gott gewollt hat, weil immer noch zu viele Menschen und falschen Jochen gehen: unter dem Joch der Leistung- und Erfolgsgesellschaft genauso wie unter dem Joch der Gewalt und des Krieges. Weil immer noch zu viele Menschen unterjocht werden oder sich freiwillig den falschen Prinzipien unterjochen. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, damit die Menschen zur Freiheit berufen werden. Wir dürfen leben als freie Menschen. Wir dürfen aufatmen und singen in Dank, Lob und Klage, in Dur und Moll, weil Gott sich uns zuwendet und uns befreit.

Darum, dürfen wir Freiheit genießen und Menschen helfen, frei zu leben.

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