Jesus traut uns verdammt viel zu!

Liebe Gemeinde,
wenn Sie am vergangenen Sonntag hier in Oberöwisheim im Gottesdienst waren, dann erinnern Sie sich vielleicht daran, dass ich Ostern und Auferstehung mit dem Werbeslogan „Normal ist das nicht“ in Verbindung gebracht habe. Ich denke, das gilt vorerst immer noch. Unser heutiger Text umgreift acht Tage. Er beginnt am Abend des Ostersonntags. Ein paar Stunden vorher, am frühen Morgen erleben Petrus, Johannes und Maria Magdalena das leere Grab. Sie sehen, dass der tote Körper nicht mehr da ist. Die Tücher liegen zwar noch auf dem Boden herum, doch die Grabhöhle ist geöffnet und leer. Normal ist das nicht, das wissen sie. Doch was es bedeutet, das wissen sie nicht. Das kriegen sie einfach nicht wirklich auf die Reihe. Zwar konnte Maria Magdalena von einer Begegnung und sogar einem Gespräch mit Jesus berichten, doch die war ja nur eine Frau und es war noch so früh und wer weiß, was deren Phantasie mit ihr alles angestellt hat. So dachten die Jünger wohl immer mehr, je später es am Tag wurde. Die Mindesthaltbarkeit der morgendlichen zarten Hoffnung war verdammt kurz; die frühen Erfahrungen der kleinen Delegation am Grab waren so schnell verwischt wie eine Sandburg in der Brandung. Denn am Abend des Ostertages, also am Ostersonntagabend da sitzen die Jünger bereits wieder verängstigt, eingeschüchtert, mutlos und hasenfüßig im verrammelten Haus und warten sozusagen auf den Weltuntergang. Normal ist auch das nicht. Jedenfalls schwer nachvollziehbar. Stellen wir uns vor, wir bekommen morgens gesagt, dass wir im Lotto den Jackpot mit 30 Mio. abgeräumt haben – oder wir bekommen morgens bei der Sprechstunde gesagt, dass die Gewebeuntersuchung ergeben hat, dass alles endgültig ganz harmlos und gutartig ist, da würden doch abends die Korken knallen und nicht Angst und Lethargie über uns her fallen. Doch wie auch immer: Jesus – und das erscheint mir das erste zu sein, was wir heute aufnehmen können – Jesus geht auf seine Jünger zu und er geht auf sie ein. Jesus lässt sie nicht hängen. Er kümmert sich um die Seinen – er kümmert sich um uns. Gerade dann, wenn es uns mies geht, wenn wir schlecht drauf sind, wenn wir nicht mehr weiter wissen und wollen, dann kommt er und ist da. Und mehr noch – er holt uns heraus aus dem Loch, denn er will, dass es uns gut geht. In der Szene in unserem Text vom Ostersonntagabend, da werden die Jünger froh, wie es heißt, weil Jesus sich outet, weil er seine Wunden zeigt, weil es etwas zu sehen gibt. Trifft Jesus da nicht auch ganz genau unseren Geschmack, unsere Vorliebe und mehr noch: unser Bedürfnis? Dass wir gerne sehen, wovon gesprochen wird, dass wir in Augenschein nehmen, was Sache ist. Wer kauft denn schon ein Haus oder ein Pferd und schaut es sich vorher nicht gründlich an? Wer geht nicht schnurstracks zum Auto, wenn Sohn oder Tochter morgens beiläufig erwähnen, er oder sie hätte gestern Abend einen harmlosen Zusammenstoß mit einem Fahrradfahrer gehabt, aber dem Auto sei überhaupt nichts passiert. Wer von uns will sich davon nicht mit eigenen Augen überzeugen? In Unteröwisheim hatten sie über Ostern auf dem Altar mit Steinen eine geöffnete Grabhöhle nachgebaut und den Augen das zu sehen gegeben, was die Ohren bei den Lesungen zu hören bekamen. Also: Jesus geht auf seine Jünger ein. Er gibt ihnen genau das, was sie brauchen. Aber er gibt ihnen noch viel, viel mehr. In unserem Text stehen dazu zwei Verse, die fast unscheinbar wirken, die oft schnell überlesen werden, die es aber richtig in sich haben. Ich meine folgendes:
[22] Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!
[23] Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Beides kann je für sich genommen und einseitig verzerrt zu ganz sektenhaften Auswüchsen und bizarren Gebilden christlichen Glaubens führen: „Nehmt hin den Heiligen Geist“ wird von charismatischen Gruppen als Aufforderung gesehen, in allem aber insbesondere im Gottesdienst den Heiligen Geist ausschließlich zur Entfaltung kommen zu lassen. Der nimmt sich dann Menschen als Sprachrohr, die in Trance geraten und reden – im besten Fall verständlich… Sie haben sicher schon davon gehört. So ein Gottesdienst ist natürlich ganz einfach vorzubereiten. Fast könnte man da als Pfarrer neidisch werden. Außer vielleicht – ich übertreibe jetzt – die Kirche im Winter wärmen hat man fast nichts zu tun, denn der Heilige Geist macht spontan alles, was den Gottesdienst ausmacht. Für mich bedeutet es, wenn Jesus sagt: „Nehmt hin den Heiligen Geist!“ , dass ich die Verbindung zu Gott, die Zuversicht, dass er mit mir geht, die Gewissheit, dass er mir ganz nahe ist, in mir trage, ganz eng und vertrauensvoll, bestärkt und verstärkt jedes Mal, wenn mir im Gottesdienst der Segen zugesprochen wird. Zu den Jüngern sagt er somit: Nehmt hin das, was euch von mir bleibt – neben den Erinnerungen, wenn ich nicht mehr da bin.
Schließlich gibt er den Jüngern die Lizenz zum Sünden Vergeben:
„Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“. Das kann – falsch verstanden – ganz katastrophale Auswirkungen haben. Wenn das ein Sektengründer auf sich bezieht und das als eigenes Monopol sieht, dann sieht er sich auch ganz schnell als neuen Christus, der von seinen Anhängern Kadavergehorsam verlangt und vor nichts zurückschreckt. Es gibt leider viele Beispiele. Ein besonders schlimmes trug sich vor 22 Jahren in den USA zu: Da kam es in Waco in Texas zum Schlimmsten, zu einem Showdown, bei dem am Ende der Begründer Davis Koresh und über 70 seiner Anhänger im Kugelhagel des FBI starben. – Die Lizenz, die Jesus hingegen hier ausstellt ist die, einander Sünden zu vergeben. Oder dass einer einem anderen, der zu ihm kommt mit Schuld, mit schlechtem Gewissen, mit innerer Not, vergibt. Nach unserer evangelischen Überzeugung ist das vornehmlich Aufgabe des ordinierten Pfarrers/in – aber nicht ausschließlich. Es kann auch durch jeden Christen, der oder die aufrecht glaubt, geschehen. Jesus traut uns das zu. Wir kommen damit zu einer weiteren Erkenntnis unseres Textes: Der auferstandene Christus traut uns richtig viel zu. Es ist weniger ein Privileg als eine ganz, ganz große Verantwortung. Die Lizenz zur Vergebung ist keine Lizenz zur Überheblichkeit und Machtausübung. Jesus traut uns zu, in seinem Sinn an seinem Reich weiter zu bauen. Nicht als Architekt oder Bauleiter, sondern als kleiner Arbeiter, als kleine Arbeiterin an der Stelle, wo wir stehen. Und für das große Ganze ist kein Bischof dieser Welt zuständig, sondern allein Christus selbst.
Ganz interessant ist, was die Jünger, die bei dieser Begegnung mit Jesus (wir befinden uns immer noch am Ostersonntagabend) als wesentlich erachten. Es sind nämlich nicht die Lizenzen für den Heiligen Geist und die Sündenvergebung, sondern allein die Begegnung, das Sehen des tot Geglaubten als solche. Denn einer, Thomas, fehlt. Als er kommt ist Jesus weg. Aber das Mindesthaltbarkeitsdatum des Erlebten ist bei den Jüngern noch nicht erreicht. Und so begrüßen sie Thomas mit dem Satz: Wir haben den Herrn gesehen! – Doch Thomas glaubt ihnen kein Wort: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben“. Um das glauben zu können, will er nicht nur die gleiche Erfahrung wie die Jünger machen. Er will auch noch eins drauf packen. Er will sehen und fühlen, schauen und tasten. Er ist ja als der ungläubige Thomas oder Thomas, der Zweifler in die Geschichte eingegangen. Für mich ist er eher Thomas der Theologe, der Wissenschaftler, Thomas der genau hinschaut, der alles untersucht, der ewig Neugierige. Er ist nicht einfältig, sondern vielfältig in seinen Interessen und seinem Wissensdurst. Er will sich nicht auf das Sehen beschränken, er will auch fühlen. Haptik heißt die Wissenschaft vom Tasten und mit den Händen Erfassen. Wir kennen es ja von Ausstellungen und Museen: Da stehen wir vor einem Kunstwerk und es juckt uns hinzulangen. Aber überall steht ständig: „Bitte nicht berühren!“ Obwohl wir davor stehen und ein Objekt direkt sehen, unmittelbar vor Augen haben, ist der Wunsch groß, es auch zu berühren. Sehen und Hören sind sog. Fernsinne, Wahrnehmung, die auf Abstand möglich ist. Und wahrscheinlich ist der Mensch so veranlagt, dass zum besseren, umfassenderen, genaueren Erkennen eine weitere Wahrnehmungsquelle aus dem Nahsinnbereich dazu kommen muss. Als Nahsinne gelten Riechen, Schmecken und Tasten. Also: Thomas will sehen und tasten, damit er eintüten und abhaken, damit er verifizieren kann, was da geredet wird, damit er glauben kann. – Und immer noch befinden wir uns am Ostersonntagabend. Der auferstandene Jesus lässt weder die 10 Jünger im Ungewissen, noch lässt er den einen, den kritischen, den, der es genau wissen will, im Unklaren und im Regen stehen. Der Auferstandene sagt nicht zu ihm wie Michail Gorbatschow zu Honecker: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ – Und das ist eine weitere leuchtende Botschaft unseres Textes: Wer zu spät kommt, den bestraft Christus nicht! Bei Gott gibt es kein zu spät Kommen, kein „Pech gehabt!“. Bei Gott gibt es dagegen Verständnis, Neuanfang und immer eine nächste Gelegenheit. Wann die allerdings kommt, bleibt allein Gottes Sache. Das sagt uns unser heutiger Text auch. Christus erscheint nicht am selben Abend nochmal schnell, um Thomas’ Erkenntnisdrang sofort zu bedienen, sondern nach acht Tagen, wie es heißt. Heute nun sind es acht Tage seit Ostern, wir sind textlich sozusagen in der Jetztzeit angekommen. Doch diese acht Tage haben daneben noch eine tiefere Bedeutung. Der achte Tag gilt als der Tag der Neuschöpfung. Wenn es so weit ist, werden keine Fragen mehr offen bleiben. Und alle, die unterwegs sind mit ihren Zweifeln, mit ihren Unsicherheiten und mit ihren Bedenken werden dann zum Auferstandenen auch aus vollem Herzen sagen: Mein Herr und mein Gott! Bis es so weit ist, sehen wir noch nicht wirklich. Selig, das heißt glücklich und beneidenswert sind jedoch alle, die das Unglaubliche jetzt schon glauben können.

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