Geschichten gegen das Vergessen und Verzweifeln

Würde man mich fragen: „ist das Glas halb leer oder halb voll“ würde ich ohne zu zögern antworten: „natürlich halb voll“. Ich bin von Natur aus ein eher zufriedener und positiv denkender Mensch.
Würde man mich fragen: „Hast du Träume und Visionen?“, dann lautete meine Antwort: „Ich bin eher Realist und vertraue den kleinen Schritten“ Zu große Ziele bergen die Gefahr unnötiger Enttäuschungen und Verletzungen.
Fragt man zuguterletzt: „und glaubst du an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben?“, dann habe ich es oft genug in der Gemeinschaft der Gemeinde bekannt und sage: „ich muss daran glauben. Denn es hätte fatale Folgen, wenn es nicht so wäre. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit für alle, die wir lieben und für die, die in ihrem Leben Menschlichkeit und Gerechtigkeit nie erfahren haben. Daran hängt, ob es eine Wirklichkeit und eine Wahrheit jenseits dessen gibt, was wir Tag für Tag erleben und erfahren, damit alles ins Reine kommen oder Liebe eine Antwort finden kann, die stärker als der Tod ist.“ „Auf Wiedersehen“ ist eine angemessene menschliche und christliche Hoffnung, hat Fulbert Steffensky gesagt. Ja, ich glaube an die Auferstehung der Toten. Ich weiß nicht wann …, ich nicht wie…, aber ich möchte die Geschichten, die von der Macht und der Wirklichkeit des Todes erzählen, nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen.
Gerade, weil ich nicht weiß „wie und wann“, es nicht erklären kann, muss ich davon erzählen und die anderen Geschichten damit kommentieren und relativieren. Von Ostern wird in diesen Tagen wenig erzählt. Es herrschen die Berichte aus den Flüchtlingslagern in Syrien vor, Augenzeugenberichte von den Gräueltaten in Nigeria, den Epidemien in Afrika, oder aber die Erinnerungen an unsere eigene Geschichte. Es wird lauter vom Sterben und vom Tod zu erzählt. Er ist gegenwärtiger und scheint immer noch mächtiger als jede Hoffnungsgeschichte.
In den der letzten Woche wurde an die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers vor siebzig Jahren erinnert. Am 9.April 1945, also einen Monat vor dem Ende des zweiten Weltkrieges, fand er als Vertreter des Widerstandes im KZ Flossenbürg den gewaltsamen Tod. Auch wenn er kein Heiliger war, sein Denken an manchen Stellen uns fremd bleiben wird, ist er doch ein Lehrer und ein Mahner seiner Kirche. Er mahnt die Kirche und die Christen in ihr , Staat und Gesellschaft immer wieder an ihre Verantwortung zu erinnern und zur Verantwortung zu ziehen, den Opfern auch der Gesellschaft und der Politik zu helfen und gegebenenfalls auch dem Rad in die Speichen zu greifen, selbst wenn dies mit eigener Schuld verbunden ist. Der Pazifist Bonhoeffer billigt in seiner Zeit das Attentat auf Hitler. Er hat mit seinem Leben für seine Haltung bezahlt und sein Leben und Sterben erzählt von der Gewalt und der Brutalität von Diktaturen und menschenverachtenden Ideologien.
Wenige Tage später, also immer noch kurz vor dem Ende des Weltkrieges und der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus, trieb die SS aus dem KZ Sachsenhausen vor unseren Toren 30.000 Menschen Richtung Nordwesten auf den sogenannten Todesmarsch, den mehr als 1000 Gefangene nicht überlebten, umkamen oder erschossen wurden. Auch das ist also siebzig Jahre her und viele Bilder und Berichte ähneln fatal diesen beiden zu erinnernden Daten unserer Geschichte.
Bleibt da Raum für positives Denken, für Optimismus, für den Glauben an das Potential der kleinen Schritte, für die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten?
Ich habe die Geschichten nicht zu Ende erzählt: wie beeindruckend gefasst und sicheren Schritte Bonhoeffer zur Hinrichtung schritt, nach einer langen Zeit stillen Gebetes. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“
Hätten seine Mörder tiefer getroffen und bloß gestellt werden können, als durch solchen Glauben? Ist das nicht Osterlicht mitten in der Nacht?
Der Todesmarsch führte bis in den Raum Ludwigslust und Schwerin und dort erlebten die Überlebenden Befreiung, und konnten Peiniger und Mörder allein durch ihr Übeleben fragen und anklagen. Es gibt heute, Gott sei Dank, kein Abendland ohne Judentum und Israel, nur deshalb kann es überhaupt noch christliches Abendland sein. Es gibt ein neues Begegnen, Fragen und Verstehen unter Juden und Christen. Es gibt heute ein einiges, demokratisches Deutschland, wir schauen auf 70 Jahre Frieden im Herzen Europas zurück.
Ein Segen und ein Wunder trotz aller wunden Punkte auch in Europa, trotz aller Ungleichheit und aller Ungerechtigkeit, die immer noch herrschen, trotz aller Fragen nach der Schuld und Verantwortung, auch trotz aller Zweifel an Gott und aller Hilflosigkeit im Alltag.
Ostern hilft mir das Leben auszuhalten, anzunehmen und zu leben.
Ostern ist das Fest der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und eröffnet Lebensperspektiven. Sicher, spätestens jetzt wird wieder nach dem „wann und wie“ gefragt. Aber deshalb uns wird gegen die vielen Geschichten, die entmutigen, eine von vielen erzählt, die Ermutigung zum Ziel haben, Trost und Glauben. Die von Thomas, der seine Finger in die Wunden legen wollte, haben wir als Evangelium gehört. Frohe Botschaft, weil auch Thomas, der es wissen, sehen und fühlen wollte, nicht außen vor blieb. Das Johannesevangelium hätte mit diesen Geschichten gut zu Ende sein können, weil alles gesagt zu sein schien. Und es erzählt dennoch weiter. Es erzählt von sieben der Freunde und Jüngern Jesu. Wieder von Thomas, von den Zebedäussöhnen, von Nathanael, von zwei Namenlosen, darunter dem Jünger,den Jesus lieb hatte, und der schon immer alle Phantasien angeregt hat, von Simon Petrus.
Er erzählt von ihrem Alltag irgendwann nach Ostern. Er erzählt vom Los der Fischer, die nicht wissen können, ob sie in der Nacht fangen, was verkauft zum Leben reicht. Er erzählt von einer Gemeinschaft, in der jeder seine Aufgabe hat, die nur gemeinsam funktionieren kann. Jeder muss wissen, was wann zu tun ist. Und er erzählt von einer erfolglosen Nacht. Das verstehen die Leser damals, das verstehen wir. Nicht jeder hat privat oder beruflich Erfolg. Scheitern können wir nicht nur an eigenen, überzogenen oder an uns herangetragenen Erwartungen. Scheitern können wir auch einfach so, ohne erkennbaren Grund. Da bohrt die Fragen, was das jetzt bringt, oder ob es das schon gewesen sei! Nicht immer kann man sich auf Freunde, Kollegen , Familie,auf das eigene Team verlassen. Ist man deswegen aber schon verlassen?
Die Jünger sind es nicht.
Bis zu diesem Zeitpunkt unerkannt steht der Auferstandene am Ufer, spricht mit ihnen, eigentlich eher belangloses: die Nacht war erfolglos, darauf muss er nicht auch noch einmal hinweisen.
Aber dann rät er Unerwartetes: werft die Netze noch einmal aus.
Was mag den Jüngern da in den Sinn gekommen sein? Ich habe einmal ausdrücklich gelernt, dass auch Ratschläge am Ende Schläge seien…man sollte also vorsichtig mit ihnen sein, nicht zu schnell bei der Hand als Ratgeber…
Aber sie lassen sich auf den Rat, auf das Wort, auf den Auftrag oder gar auf die verborgene, intuitiv durchleuchtende Verheißung ein: euch ist Erfolg versprochen. Es gibt solche Worte, auf die wir uns einlassen können und die unseren Alltag verändern. Es gibt diese Worte, die die Kraft haben, am Ende auch die Augen und das Herz zu öffnen, wenn wir sie an uns heran und in uns hinein lassen.
Johannes erzählt diese Geschichte einer Gemeinde, die Petrus längst als Menschenfischer kennt und erfährt, wie voll die Netze einer wachsenden Kirche sind und das sie nicht reißen.
Ich lese sie aber als Mensch, der im Alltag nach den Spuren des Auferstandenen sucht, nicht nur im Leid und Sterben dieser Welt. Und ich entdecke, dass Ostern mitten hinein in meinen Alltag gehört, nicht nur an die Festtage, sondern dorthin, wo wir arbeiten nach unserem Vermögen, unseren Begabungen und nach unseren Aufgaben. Der Auferstandene ist da – unerkannt und dennoch mit seinem Wort, wo Menschen zusammenleben, arbeiten, essen und trinken. Oft bin ich voller Zweifel. Dennoch hofft es in mir. Mich berühren Augenblicke, ich spüre Momente, wo ich so unglaublich lebendig bin und das Leben liebe. Sind nicht genau das die Augenblicke, wo der Auferstandene mit der ganzen Kraft des Lebens mitten unter uns ist und uns zeigt, dass wir allen Grund zur Hoffnung haben?
Das lasst uns feiern und mit dieser Liebe zum Leben hinausgehen und uns einmischen mit unseren Geschichten um der Hoffnung und des Lebens willen

drucken