Das hätte es sein können

Predigt Jesaja 25,6-9

Das hätte es auch sein können, liebe Gemeinde.
Das hätte es wirklich sein können.
Trost für die beiden.
Schriftlich.
Und hätte ihnen geholfen, ganz bestimmt.
So, wie sie da auf dem Weg sind.

Zuerst sind sie bestimmt gelaufen.
Sicherlich.
Sind um ihr Leben gerannt.
Weg, bloß weg.
Weg von Jerusalem.
Stadt des Schreckens.
Golgatha.
Ort des Todes.

Schnell weg.

Ja, schnell, denn sonst verlieren sie auch.
Das Leben.

Der Mut ist schon weg.
Und die Hoffnung, dass mit Jesus alles besser würde.
Alles verloren.
Schnell weg.

Und dann, als die Stadt in ihrem Rücken liegt – was haben sie da noch vor sich?
Was kann jetzt noch kommen?
Ob die beiden sich gegenseitig aufgemuntert haben?
Ich kann es mir nicht vorstellen.
Es hat nichts Zuversichtliches, wenn der Tod das einzige Gesprächsthema ist.

Und wenn die Gedanken nicht vorankommen, dann wenigstens der Körper.

Die Füße zaghaft gesetzt.
Einer vor den anderen, muss ja.
Irgendwie weitergehen.

Muss ja irgendwie weitergehen.

Schritt für Schritt.
Schon fast automatisch.

Und der Blick?
Gesenkt.
Gesenkter Blick, versenkte Hoffnung.

Und Jesus nähert sich ihnen.
Und sie sehen nichts und erkennen nichts.
Wie auch.
Wir haben es gehört, dass die beiden es gehört haben.
Seine Worte.
Und sie brauchen lange, bis ihnen die Augen aufgehen.
Aber dann.

Und ich dreh die Zeit zurück und die beiden sind wieder auf dem Weg.
Noch.
Auf dem Weg von Jerusalem.
Weg von Jerusalem, bloß weg.
Und ihr Blick ist gesenkt.

Und ich stell mir vor, die beiden hätten diesen Text mitgehabt.
Was für eine wichtige Rolle!
Prophetische Worte von Jesaja.

Und der gesenkte Blick schaut auf die Worte und der Kopf versucht zu verstehen und die Füße gehen automatisch, sowieso.

Das hätte es auch sein können, liebe Gemeinde.
Das hätte es wirklich sein können.
Trost für die beiden.
Schriftlich.
Das hätte ihnen geholfen, ganz bestimmt.

Dieser Text, ich habe ihn hier:
„Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.
Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig.
Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der Herr hat’s gesagt.
Zu der Zeit wird man sagen: ‚Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.‘“

Das wird ein Bergfest.
Nicht, weil die Hälfte geschafft wäre.
Nein, alles.

Alles klar, alles bestens.
Auf dem Zion gibt es ein Fest.
Feiern für Alle und alle feiern.
Lobet und preiset ihr Völker den Herrn,
freuet euch seiner und dienet ihm gern!
All‘ ihr Völker loben den Herrn.

Und die Hülle, die kommt weg.
Aber ganz schnell.
Diese Decke.
Diese Verdunkelung.
Diese Abdeckung des Todes.

Alles will er damit zudecken.
Gemeinschaft und Frieden.
Solidarität und Liebe.
Barmherzigkeit und Hoffnung.
Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit.

Aber er hat sich getäuscht, dieser alte Abdecker.
Es ist vorbei.
Sein Spiel ist aus und vorbei.
Gott hat ihn verschlungen.

Es gibt ihn nicht mehr.

Kein Grund mehr für neue Tränen.
Und die alten tupft Gott ab, vorsichtig und behutsam.
Göttlich eben.

Was bleibt, ist Jubel.
Was sonst!?

Das hätte es auch sein können, liebe Gemeinde.
Das hätte es wirklich sein können.
Trost für die beiden.
Schriftlich.
Das hätte ihnen geholfen, ganz bestimmt.

Für die beiden Jünger lief es ja anders.
Jesus naht sich ihnen und siehe, es lief sehr gut.
Und sie hatten es gut – letztendlich – und sie brauchten keinen Text und sie hatten den Herrn.
Persönlich und unmittelbar.

Die beiden hatten es gut.
Nur kein Neid.

Ihr Nicht-Erkennen haben wir klar vor Augen.
Und selbst?

Wer weiß, wie oft wir blind an IHM vorbeigelaufen sind?
Die Füße automatisch voreinander gesetzt.
Weil das so ist. Und nun lass mich durch, ich bin in Eile.
Und der Blick gesenkt.
Vielleicht auf mein Smartphone?
Wer kann sagen, wie oft wir uns schon verpassten, Herr?

Du weißt es.
Und bis du wiederkommst, bis zum nächsten Mal, da haben wir ja diesen Text.

Das Fest – auf dem Berg.
Der Tod – verschlungen auf immer und ewig.
Die Tränen – abgewischt.
Der Jubel – ohne Ende.

Danke.
Aber sag jetzt keiner mehr, dass es das hätte sein können.
Nein.
So nicht.

Sondern:
Das ist es.
Ja, wahrhaftig.
Amen.

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