Und das Grab war leer!!???

Wie war das damals an Ostern?

Ich versetze uns mal zurück in die Zeit, irgendwo in Kleinsasien, auf dem Gebiet der heutigen Türkei. In eine Gemeinde, in der Markus lebt; der Mann, der das Evangelium geschrieben hat. Es ist 60 nach Christus, also 27 Jahre nach Jesu Tod. Markus sitzt im großen Versammlungssaal. Draußen scheint die Sonne. Er unterhält sich mit einem neuen Gemeindeglied, Lydia. Markus sammelt Geschichten. Er möchte einen Bericht über das Leben von Jesus schreiben. Möchte die Gute Nachricht, die ihn so berührt hat, mit anderen teilen.

„Jesus ist also auferstanden,“ sagt Lydia. Sie fragt es mehr als dass sie es sagt. Markus nickt. Er weiß wie schwer es ist, das zu verstehen.

„Und das Grab war leer!!???“ Lydia ist nicht die erste, die Markus fragt. Und sie wäre auch nicht die erste, die die Gemeinde wieder verlässt. Zu unglaublich ist das, was damals dort passiert ist. „Die Verrückten“ – so wird die kleine christliche Gemeinde auch genannt. Manchmal gibt es sogar offene Feindseligkeit. Die Christeninnen und Christen opfern nicht – und das ist schlecht für das Geschäft. Außerdem gibt es in der Gemeinde einige, die offen gegen die Sklaverei sind – Jesus habe doch gesagt, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Für solche Äußerungen kann man auch ins Gefängnis kommen oder es kann Schlimmeres passieren.

Markus kehrt aus seinen Gedanken wieder zu Lydia zurück. „Siehst Du die Frau dort hinten? Das ist Rahel.“ Lydia schaut in die andere Ecke. Dort sitzt eine ältere Frau mit zwei anderen Gemeindegliedern zusammen. Sie wirkt auf gezeichnet vom Leben. Als hätte etwas sie sehr angestrengt und ermüdet. Aber ihre Augen sind wach und ihr Körper wirkt lebendig. Sie schaut kurz zu Lydia und Markus herüber und nickt beiden lächelnd zu.

„Rahel war dabei“ sagt Markus. „Damals an Ostern – hier“ – Markus holt eine Schriftrolle aus einer Holzkiste, die neben ihm steht – „hier ist ihre Geschichte. Ich habe sie aufgeschrieben.“ Markus rollt die Schriftrolle auf und liest sie vor.

[TEXT]

„Ich habe Rahel rausgelassen aus der Geschichte. Sie wollte das nicht. Ich möchte Dir aber die ganze Geschichte erzählen.

Rahel lebte an den Grabhöhlen in der Nähe von Jerusalem. Sie war dort in einer der leeren Höhlen ganz unten am Fuße des Berges gezogen. Die Toten brauchten natürlich keine Wache. Sie war irgendwann dorthin gezogen, weg aus Jerusalem. Und es gab genug Menschen, die ihr aus Mitleid etwas spendeten und sie unterstützten. So war aus der Flucht aus Jerusalem, weg von den Menschen, so etwas wie eine Beschäftigung geworden.

Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, dass Rahel da war. Es fühlte sich gut an, wenn jemand bei den Toten in den Höhlen war. Und für Rahel war es gut, denn die Toten stellten keine Fragen und machten vor allem keine Bemerkungen.

Ihr Mann war gestorben nach vier Jahren Ehe. Er war lange krank gewesen. Alleine ohne Mann war es mit dem Geld schwierig. Ihre Familie unterstützte sie so gut es ging. Und dann gab es ja auch noch die Almosen vom Tempel. Sie bekam viele Ratschläge, was sie jetzt tun sollte und was nicht, und eine neue Heirat war schon in Aussicht gestellt. Ihre Mutter war da sehr rührig. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter ein Leben lang als Witwe lebte.

Dann gab es den Unfall.

Ihr kleiner Sohn geriet unter ein Pferd. Das änderte alles. Sie bekam viel Zuwendung. Aber es wurde ihr zu viel. Sie hielt die Nähe, die mitleidigen Blick, das Schweigen, wenn sie irgendwo hinkam, nicht mehr aus.

Was ihr vorher Halt gegeben hatte – die Opfer im Tempel, ihre Familie, die Gemeinschaft – das war wie in die Ferne gerückt. Rahel fand keinen Zugang mehr dazu.

Und es war wie eine Flucht, als sie ihre Sachen packte und in eine der Höhlen zog. Es sollte ja nicht für immer sein, dachte Rahel. Oder eigentlich: dachte sie gar nichts. Sie wollte nur weg. Weg von allem, was sie erinnerte – erinnerte an ihren Sohn und ihren Mann, an ihr altes Leben, an ihre Träume und Zukunftspläne.

Und aus dem überstürzten Weggang aus Jerusalem eine bleibende Lösung. Wohnung. Die Jahreszeiten vergingen. Es kam immer weniger Besuch. Bis er ganz ausblieb.
„Höhlenrahel“ hieß sie.

In ihrem Leben passierte nichts mehr viel. Sie musste es verdient haben, dachte sie manchmal. War sie bitter? Nein, eher komplett leer. Schon ihr Name war ein schlechtes Omen: Damals bei Jakob, da war Lea seine Lieblingsfrau gewesen und nicht ihre Schwester Rahel. Warum hatten ihre Eltern sie nicht „Lea“ genannt?

Eines Morgens wurde sie von lauten Schreien aus der Stille geweckt, die sie umgab.

Sie schaute aus der Höhle. Drei Frauen kamen ihr von oben entgegengelaufen. „Ein Mann“ „ein Engel“ „Jesus ist weg““ „Das Grab ist leer“ „er ist uns vorausgegangen“ „Wir sollen nach Galiläa gehen“ – die Frauen redeten abgehackt und atemlos und ohne Sinn. „Hast Du ihn weggenommen?“ schrie eine der Frauen, packte Rahel am Gewand und schüttelte sie.

„Lass sie, die bekommt eh nichts mit“ – die älteste der drei zog sie weg von Rahel, und mit hängenden Schultern machten sich die drei auf den Weg.

Sie kannte die drei. Am Freitag waren sie zusammen mit einem Mann zu den Grabhöhlen gekommen. Die Gruppe fiel Rahel auf, weil sie so still war. Normalerweise waren immer ein paar Klageweiber dabei; diese Gruppe hier aber hatte nur bleiche Gesichter ohne jeden Ton. In der Trage sah sie den Grund – der Mann sah übel zurichtet aus. Die Römer hatten ihn offensichtlich gekreuzigt. Rahel stand schweigend am Weg als die Gruppe an ihr vorbeiging. Sie kannte den Mann, ein wohlhabender Bürger, Josef von Arimathea. ‚Sie haben in gekreuzigt’ ‚Sie haben ihn tatsächlich gekreuzigt’ Josef hauchte die Worte mehr, als dass er sie sprach. Die Frauen dagegen schienen alle Worte verloren zu haben. Rahel schaute fragend. ‚Jesus, Jesus von Nazareth’ Sagte Josef als bedürfe es keiner weiteren Erklärung. Rahel schaute auf die Leiche. Dann riss sie den Blick los und die Gruppe ging schweigend zu der großen Höhle, der Grabstätte, die Josef für sich gekauft hatte und die einen traumhaften Blick auf Jerusalem bot.

Jetzt war es wieder still. Die Frauen waren weg, Richtung Jerusalem. Das Grab – leer?

Rahel kannte diesen Jesus, die Leute hatten es ihr erzählt. Einer der vielen Wanderprediger, die in diesen Zeiten unterwegs waren. Das Ende ist nah, sagten viele. Das Ende ist längst da, dachte Rahel. Und lächelte in sich hinein. Das war der einzige Vorteil ihres Lebens – es konnte nicht schlimmer kommen.

Dieser Jesus war unter den Wanderpredigern eine Berühmtheit. Man berichtete ihr von Heilungen und Wundertaten, die Jesus in Galiläa getan hatte, dort auf dem Land, bei den einfachen Menschen. Und davon, dass er etwas Besonderes war. Die Prophezeiung der Profeten sei wahr geworden. ‚Blinde sehen, Lahme gehen und den Verzweifelten wird das Evangelium Gottes verkündet.’ Was Menschen alles bereit waren zu glauben, dachte Rahel. Sie war nicht verzweifelt. Sie war es wohl mal gewesen. Jetzt hatte sie einfach keine Gefühle mehr.

Aber die Neugier war noch da. Oder vielleicht hatte sie einfach nichts besseres zu tun. Rahel hatte in der Nacht nichts bemerkt. Keine Grabräuber oder –schänder. Die hätte sie bei ihrem leichten Schlaf doch bemerkt!

Sie hinauf zu der Höhe von Josef. Der Stein war zur Seite gerollt! Das konnten die Frauen unmöglich alleine getan haben. Am Freitag waren noch 10 von Josefs Arbeitern gekommen, um das Grab zu verschließen – und nun sollten drei Frauen… nein.

Das Grab war tatsächlich leer. Nur die Leichentücher lagen noch auf dem Felsen. Und auf dem Boden Scherben eines Tongefäßes. Es roch nach Salböl, das die Frauen wohl mitgebracht hatten und das nun auf dem Felsen verteilt war.

Von einem Jüngling, einem Engel keine Spur. Rahel dachte an innere Stimmen, die Menschen manchmal hörten – gerade, wenn sie aufgewühlt waren. Rahel hörte nichts.

Sie setzte sich neben die Leichentücher. Sie horchte in die Stille. Sie roch das feine Öl. Das Grab war so leer wie sie.

Ein Grab sollte nicht leer sein. Der Gedanken kam aus dem Nichts. Ein Toter sollte tot sein. So war es ‚richtig.’ So wie sie tot war. Rahel sah sich selbst beim Denken zu. So klar hatte sie noch nie gedacht.

Ja, sie war tot. Obwohl ihr Herz noch schlug. Sie schaute sich selbst von außen an. Eine tote Frau. Und hier war ein Toter gewesen, der wie auch immer wieder lebendig war. „Gott hat ihn aufgeweckt“ so hatten die Frauen gesagt.

Das kann nicht sein. Dachte Rahel.

Das kann nicht sein, dass ich lebe und gleichzeitig tot bin.

Sie sah auf die Leichentücher. Eigentlich müsste sie selbst dort liegen. Sie war ja tot. Aber in sich spürte sie – ihr Leben. Das Leben. Es traf sie wie ein Schlag als sie merkte, dass sie etwas spürte, zum ersten Mal seit Ewigkeiten.

Mitten in diesem leeren Grab fühlte sie sich lebendig. Dieses kleine Gefühl war wie Wasser, was ein vertrocknetes Flussbett füllt.

Sie sah noch einmal in die Höhle, in das Dunkel, in den Tod. Und dann nach draußen, in den frühen Morgen. Der Tempel von Jerusalem glänzte in der Sonne. Da hinten lag Galiläa.

Mit einem Schritt ging sie aus der Höhle. Rahel ging nicht selbst. Sie wurde gegangen. An der Höhle, wo sie so lange gewohnt hatte, verlangsamte sich ihr Schritt. Dann ging sie, ohne sich umzuschauen, Richtung Jerusalem.

Sie sah die drei Frauen bevor sie Rahel sahen. Sie kauerten am Wegrand wie Steine. Rahel blieb stehen und aus leeren Augen starrten die drei sie an.

‚Ich bin aufstanden’ sagte Rahel. ‚Kommt, wir gehen nach Galiläa, wo er uns vorausgangen ist.’“

Die Geschichte war zuende. Markus hatte aufgehört zu erzählen.

„Und?“ fragte Lydia „Sind die Frauen mitgegangen?“ „Lahme gehen, Blinde sehen, Verzweifelte bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“ antwortete Markus. „Und Tote werden lebendig“ sagte Lydia, stand auf, ging hinüber zu Rahel und umarmte sie.

Markus schaute aus dem Fenster, er dachte an ein Wort, was er aus einer anderen Gemeinde mal gehört hatte:

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer auf mich vertraut, der wird leben, auch wenn er irgendwann einmal stirbt. Und wer jetzt die Lebendigkeit spürt, der wird niemals, niemals mehr wie tot sein.“

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