Schrift und Brot

Eilig ist Maria Magdalena nach Hause gerannt, hat den Rechner hochgefahren und Facebook aufgerufen. Nur drei Worte fallen ihr ein für das unglaubliche, was sie gerade erlebt hat: „Christus ist auferstanden!“ Johanna, die mit ihr am Grab war, gefällt das sofort. Die andere Maria postet darunter: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Eine andere Frau: „Halleluja!“ Aber dann kommen die Männer. Petrus „Unsinn!“ Ein anderer: „Kann nicht sein!“ Ein befreundeter Journalist fragt gleich: „Wo sind die Beweise? Wer war bei der Auferstehung dabei? Gibt es Photos?“ Dann die übliche Diskussion über das Für und Wider der Möglichkeiten. Am Ende der Debatte – das Gegeneinander von Glauben und Wissen, vermischt mit den üblichen Spekulationen und Verschwörungstheorien. Folgt bald wieder ein neues Posting über die miserable Politik von Pontius Pilatus oder eine neue Weinschänke am Goldenen Tor.

Gedankenexperiment Ende. Heute, 2000 Jahre danach, ist die Botschaft des ersten Ostermorgens trotz – oder wegen? – Internet, Social-Media und Twitter immer noch unglaublich. Die meisten Menschen halten Jesus für einen Menschen, der an einen Baumstamm genagelt wurde, weil er sagte, wie schön es wäre, wenn zu Abwechselung alle mal nett zueinander wären. Aber Auferstehung von den Toten? Das geht dann doch zu weit! „Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten den Frauen nicht“ – so beschreibt Lukas die Reaktion der Jünger auf die Erzählung der Frauen vom leeren Grab. Ostern ist schwierig.

Mit Weihnachten haben wir es doch leichter. Leben wird neu, wenn Kinder geboren werden. Das kennen wir. Härter, aber eben auch konkret: Karfreitag. Den Tod kennen wir ja auch. Die Gräber der Opfer der Flugzeugkatastrophe oder die Gräber der verhungerten Kinder in Afrika, die Gräber der Kriegstoten in Syrien und in der Ukraine, die Gräber unserer Verstorbenen auf den Friedhöfen. Die Gräber all der Hoffnungen, die wir im Leben schon begraben mussten. Voll, übervoll manchmal sind die Friedhöfe unserer Welt, unserer Lebensgeschichte.

Da gehen zwei von Jerusalem nach Emmaus, die genau das erlebt haben: den Tod eines Menschen. Mit ihm ist vor zwei Tagen ein Stück von ihnen selbst gestorben. Schwere Schritte auf einem langen Weg. Fragen werden sie stellen zwischen dem Schweigen.

Ein Dritter gesellt sich dazu. „Musste es nicht so geschehen?“ fragt auch er. Provoziert. Nein, musste es nicht, könnten wir mit den beiden Wanderern antworten. So ein schrecklicher Tod muss doch nicht sein. Jesus hat ihn nicht gewollt, so gerne wie er gelebt hat. Und Gott? Was wäre das für ein Gott, der den Tod will? Beginn eines Dialogs über die hebräische Bibel. Nichts anderes kannten die Menschen ja damals. Es wird ein Lehrgespräch sein, wie es unter jüdischen Menschen bis heute üblich ist. Frage, Gegenfrage, Möglichkeiten, die aus den Fragen erwachsen, neue Fragen.

„Was lest ihr in der Schrift?“ In der jüdischen Tradition liegt die Hoffnung begründet, dass Gott ein Gott des Lebens und der Befreiung ist. Die fünf Bücher Mose, die Tora, beschreibt die Urerfahrung Israels, der Auszug aus dem Sklavenhaus Ägyptens ins Land, wo Milch und Honig fließen. Verbunden mit den Geboten, die zum befreiten Leben weisen. In den Worten der Prophetinnen und Propheten: Aufruf zum solidarischen Miteinander im Angesicht Gottes. In der Poesie der Psalmen und anderen Liedern, die das Leben widerspiegeln von zu Tode betrübt bis himmelhochjauchzend.

Die Beiden auf dem Weg nach Emmaus mit ihrem klugen Begleiter. Begriffen haben sie das, was da geschehen ist, noch nicht. Aber sie sind neugierig geworden. Laden den für sie Fremden ein. Zum Essen. Zum Bleiben über Nacht. Er tritt ins Haus, setzt sich mit zu Tisch.

Es droht, konkret zu werden. Mehr geschichtliches Ereignis als Erfahrung. Festhaltbar. Und damit gefährlich. Weil Auferstehung kein einmaliges Ereignis bleiben soll, sondern auf Zukunft hin ausgerichtet. Die Botschaft von Ostern ist für unser Leben hier und jetzt: Immer wieder sollen wir in der Nachfolge des Auferstandenen aufstehen gegen den Tod!

In einem elenden Slum bei der brasilianischen Stadt Recife wohnen 1500 Menschen in Hütten aus Brettern, Pappe und Lehm, ohne Licht und Wasser. Um in der Stadt Gelegenheitsarbeiten zu suchen, müssen sie mit einer Fähre einen Fluss überqueren, denn das Wasser war so schmutzig, dass man krank wird, wenn man es durchschwimmt. Der Bootsmann verlangt einen unerschwinglichen Preis, von den Schwangeren das Doppelte. Inmitten des Slums entwürdigende Elendsprostitution.

Nach der traditionellen Passionsprozession am Karfreitag fragen Ordensschwestern, die im Slum leben, wie Jesus denn hier und heute leide. Die beiden schlimmsten Kreuze – so die Antwort – seien das Bordell und die fehlende Brücke. Die Schwestern fragen weiter: Wie kann Auferstehung denn hier und heute aussehen? Die Antwort, die in die Tat umgesetzt wird: die Auseinandersetzung mit Bordellbesitzer und Fährmann wird aufgenommen und eine Holzbrücke entsteht. ‹Auferstehungsbrücke› genannt.

Aus den Grabkreuzen dieser Welt Auferstehungbrücken bauen. Für Trauernde, Kranke und Sterbende. Für Flüchtlingen und Asylsuchende. Für Menschen, die viel zu tragen haben in ihrem Leben. Über die Gräben, die uns trennen vom wirklichen Leben, von anderen Menschen, von eigenen Möglichkeiten.

Was auf dem Tisch in Emmaus bleibt, ist ein Stück Brot. Nahrung für die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter von Auferstehungsbrücken. Nicht viel? Immer wieder geteilt reicht es für alle über die Zeiten, bis die kommende Welt anbricht.

Ostern ist vielleicht gar nicht so schwierig, wenn wir uns einfach hoffnungshungrig nach Befreiung auf den Weg machen. Ostern wird da, wo wir die Erfahrungen anderer vom Aufstehen gegen den Tod annehmen und teilen durch Wort und Tat. Auferstehung ist spürbar, wenn wir liebevoll mit anderen das teilen, was wir doch nie ganz besitzen: unser Leben!

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