Meinem Knecht wird es gelingen. Es wird schwer sein. (Erprobung III. Reihe)

Liebe Gemeinde,

1. Am Segen festhalten

In unseren unruhigen Zeiten, mit all den vielen Orten von Krieg und Krise ist eines von Not. Von dem, was notwendig ist handelt unser heute zu bedenkendes Bibelzitat. Wir finden es im Buch des Propheten Jesaja. Es ist das vierte der „Gottesknechtslieder“.

Der Text ist sehr lang. Sie finden ihn in seiner ganzen Länge im 53. Kapitel des Jesaja-Buches.

Der Abschnitt beginnt mit einer Verheißung: Siehe, meinem Knecht wird es gelingen.

Diese Verheißung, diesen Segenszuspruch nehmen wir mit. Ihn wollen wir festhalten. Daran wollen wir glauben.

Es wird schwer sein.

Denn kaum ist der Segenszuspruch verhallt, bricht sich der Zweifel Bahn:
Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde? Fragt Jesaja.

Was verkündet worden ist? Wie wäre es, wenn ich Ihnen aus den Seligpreisungen vortrage:
Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie sollen das Erdreich besitzen.
Hier kommen wir ins Stocken. Das „Erdreich“ besitzen doch diejenigen, die hart und mit Macht und mit Gewalt alles an sich reißen.
Selig sind die Friedfertigen. Verkündet Jesus. Und wenn wir uns umschauen, so sehen wir zuerst nichts davon.

Krieg in der Ukraine. Krieg in der arabischen Welt. Gewalt in Südamerika. Krieg in Afrika. Das ist alles weit weg. Aber viele in unserer Region haben Familienangehörige in der Ukraine. Nahe kommen uns diese furchtbaren Konflikte durch die hohe Zahl von Flüchtlingen und Asylanten. Ach, davon wollen Sie heute nichts hören?

Wie soll man all der vielen Probleme Herr werden. Wir können ja doch nichts ändern, lautet unser resignierendes Resümee. Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde?

„Siehe, meinem Knecht wird es gelingen“. An diesem Segenszuspruch wollen wir festhalten. Allem wütenden Toben zum Trotz. Und darum ist in unseren unruhigen Zeiten dies eine notwendig.

Ich formuliere es so: Notwendig ist es, dass wir Christen und Christinnen in unserem Denken, in unserem Herzen, in unserem Tun und Handeln Menschen des Friedens bleiben.

2. Aus Problemen werden Konflikte

Probleme haben es an sich, sich zu Konflikten zu erweitern. Das kennen wir in unseren Familien. Die Kinder streiten sich – weiß Gott warum. Und aus dem Problem erwächst ein Konflikt. Da kommt etwas hinzu. Zum Problem gesellen sich Beziehungsstörungen. Erst hat man noch vernünftig miteinander gesprochen. Ausweglos, weil keiner nachgeben will. Dann wird Streit und Streit belastet uns und unsere Beziehungen. Ein Konflikt ist ein Problem, zu dem sich Beziehungsstörungen gesellt haben.

Erst überlegen die Eltern noch, ob sie sich in den Konflikt hineinziehen lassen. Man ahnt es ja: Wenn man den Mund aufmacht und etwas sagt, ist man – ehe man sich versieht – in den Konflikt hineingezogen.

„Ein jeder sah (nur) auf seinen Weg“, heißt es im Gottesknechtslied des Jesaja. Menschen des Friedens aber sehen mehr, wissen mehr, glauben mehr, dürfen mehr glauben.

Menschen des Friedens aber müssen auch leiden. Denn manchmal haben sie alle Welt gegen sich.

Menschen, die in Konflikten gefangen sind, bekommen einen verengten Blick auf die Realität. Sie „sehen auf ihren Weg“ und sie suchen am Ende der Konfliktspirale nur nach Parteigängern. Wer anderer Meinung ist, wird zum Feind erklärt. „Das habe ich ja schon immer gewusst, du hältst immer zu ihm und nie zu mir“.

Wer Frieden will, wird gehasst. Das ist der Preis, den die Gottesknechte zahlen müssen.

3. Karfreitag

Heute feiern wir den Karfreitag. Heute erinnern wir uns: Jesus Christus ist am Kreuz gestorben. Für die Deutung dessen, was auf Golgatha geschehen ist, spielen in der Theologie die vier Gottesknechtslieder des Jesaja eine wichtige Rolle.

Man diskutiert darüber, wer denn mit dem „Gottesknecht“ gemeint ist. Einige sagen, der Titel bezieht sich auf den Propheten selbst. In den Liedern bringe er sein Leiden zum Ausdruck, das ihm mit seinem Prophetenamt auferlegt worden ist. Er ist ein Mensch des Friedens, den alldiejenigen hassen, deren Partei er nicht ergreift. Andere meinen, das Bild vom Gottesknecht weise auf die leidvolle Geschichte Israels hin. In der christlichen Theologie bezieht man diese vier Lieder auf Christus.
Dieser Spur werden wir folgen.

Jesus ist ein Mensch des Friedens. Aus seiner „Regierungserklärung“, aus den Seligpreisungen haben wir vorhin zitiert. Jesus ist ein Mensch, der als Gottes Sohn in diese Welt kam, uns zur Buße zu rufen. „Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht“. So fasst der Evangelist seinen Weg zusammen. Und er fügt hinzu: Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.

Siehe, meinem Knecht wird es gelingen.

Wenn man so will, so kann man sagen: Das Kreuz, das Jesus erlitten hat, war die Konsequenz seines Lebens als Mensch des Friedens. Diejenigen, die in ihren Konflikten gefangen waren, in ihren Vorurteilen und in ihren Gedanken des Hasses, die konnten ihn nicht mehr ertragen.

Der Herr warf unsere Sünde auf ihn, heißt es bei Jesaja im Gottesknecht-Lied.

Und wenn wir uns in Konflikte hineinbegeben, dann erleben wir etwas Ähnliches. Der Konflikt lastet nun auch auf uns, quält und plagt uns. Doch er beherrscht uns nicht. Das ist der wesentliche Unterschied.

Menschen des Friedens leiden am Streit und ertragen geduldig, dass sie für ihren Friedenswillen gehasst werden.

Nachrichten in den Medien sind oft so aufgebaut, dass sie unsere Emotionen hochpuschen. Zornesrot liest man über Griechenland und all die anderen Probleme. Schnell ist man im Hass versunken. Dabei sind das alles nur „Kopfgeschichten“, denn sie spielen sich nur in uns selbst ab. In Wirklichkeit wird niemand arm, wenn wir Flüchtlingen helfen. Differenzierungen, genaue Kenntnis der Problemlagen. Nein, dafür hat man keine Zeit. Die Hingabe an die hassvollen Gedanken der Wut ersetzt die Mühe, genau hinzuhören und hinzuschauen.

Das ist die schwere Arbeit des Menschen des Friedens: Sie begeben sich hinein in den Streit der Welt und werben für Frieden und Versöhnung. Nicht, um zu herrschen. Nicht, um Recht zu bekommen. Sie begeben sich hinein in die Konflikte, um Frieden zu schaffen.

Die Härte der Friedensarbeit spürt jeder, der diesen Weg mitgeht: Jede Mutter, die um Frieden in der Familie kämpft. Jeder Politiker, der in diesen unruhigen Zeiten um Lösungen ringt. Jeder, der für andere sich in der Verantwortung weiß.

Wie kommt man über Konflikte hinweg?

Jesu hat es uns gezeigt: Geh auf Menschen zu ohne Vorurteile. Höre auf ihren Zorn, ihre Gefühle und Ängste. Wehre das nicht ab. Sprich mit ihnen. Weite ihren und weite deinen Blick und mache dies eine in ihnen stark und in Dir: dass Buße geschieht.

Die Arbeit der Friedensmenschen ist hart. Denn es ist so viel Hass in den Menschen, so viel Egoismus, so viel Dummheit, so viele dumme Gedanken. So viel Habgier und Herrschsucht.

Das Kreuz ist manchem Menschen ein unverständlich, ein sinnloses Zeichen.
Welches Zeichen sonst wollten wir über unsere Welt stellen? Das Kreuz ist das Zeichen des Gottesknechtes, der um der Sünde der Welt gemartert, verfolgt und getötet wurde. Das Kreuz mag uns das Zeichen Gottes sein, unseres Gottes, der sich mit seiner Liebe in unsere Konflikte hinein begeben hat.

Wir haben Anteil am Kreuz jeder auf seine Weise.

4. Der Gottesknecht

Gegen Ende seines langen Liedes heißt es bei Jesaja: Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Siehe, meinem Knecht wird es gelingen.

An dieser Verheißung, an diesem Segenszupruch wollen wir festhalten in unserer unruhigen, von Krieg und Katstrophen gequälten Welt.

In seinem Kreuzestod hat Jesus das Leben der Gottesknechte in die Wahrheit gesetzt. Real ist der Tod. Real ist der Krieg. Real sind all die Konflikte, die aus den bösen und habgieren Herzen erwachsen und unsere Welt plagen. All das ist real und doch ist es Irrweg, Lüge und Falschheit.

In der Auferstehung seines Sohnes hat Gott all die Menschen ins Recht gesetzt, die dem Frieden leben. Dazu wollen wir gehören. Dazu sind wir begabt im Glauben. Darauf liegt die rettende Verheißung des kommenden Friedens.

Wer tief in Konflikten verhaftet ist, mag blind sein für diese Wege der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit. Wir aber, die wir dem Gottesknecht nachfolgen, schauen mehr. Wir wissen um das österliche Licht, das Gott in der Auferstehung seines Sohnes über unseren oft so engen Horizont gestellt hat.

Das Lied des Jesaja endet mit dem, was auch wir tun können: Er hat für die Übeltäter gebetet. Er trat für die Schuldigen ein.

Menschen des Friedens beten, kämpfen, leiden, hoffen. Menschen des Friedens glauben: Siehe, meinem Knecht wird es gelingen.

drucken