Für uns vollbracht

Liebe Schwestern und Brüder!
Wie sieht das Kreuz der Wirklichkeit im Jahr 2015 aus?
Welche Todesangst, existentielle Not, welche schlimmen Schmerzen und welches unsägliches Leid erleben Menschen in dieser Zeit?
Wenn mancher denkt zu Jesu Zeiten, also um das Jahr 30, wären die Zeiten unter und durch die römischen Besatzer Palästinas besonders schlimm und brutal gewesen, so kann man sagen, dass 2000 Jahre später die Zeiten und Wirklichkeiten keineswegs friedlicher und humaner sind:
Heute wird mehr denn je gekämpft, getötet, verfolgt, vergewaltigt und vertrieben durch Krieg, Bürgerkrieg, kriegerische, religiöse oder terroristische Auseinandersetzungen an vielen Orten und in vielen Ländern der Welt.
Das Flüchtlingselend ist gewaltig, Millionen wurden vertrieben oder fliehen vor Krieg, Untergang und Tod und Zerstörung.
In Syrien, Irak, Ukraine, Libyen, in vielen Ländern Afrikas herrschen Chaos, und Untergang. Mord, Tod und andere schlimme Grausamkeiten sind die Weggefährten und brutalen Begleiter des Krieges und dieser tödlichen Zustände.
Darin kann und wird man ein Kreuz der Wirklichkeit sehen.

Man kann die Wirklichkeit aber auch als friedlich und versöhnlich betrachten. Und die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Vieles scheint dann ruhig zu verlaufen im Leben. Man muss noch nicht mal religiös sein, und kann dem Kreuz der Wirklichkeit entfernt stehen oder gar das Kreuz Christi distanziert und mit Desinteresse betrachten. Was geht es mich an?! Mir geht’s doch gut. Die Lebensumstände hier in Deutschland sind für die meisten von uns gut. Wirtschaftlich und persönlich haben viele vorgesorgt und Not kennen wir nur aus dem Fernsehen oder aus den Gesprächen über frühere Zeiten.

Religion und Glaube sind weitgehend Privatsache, über die nicht gesprochen wird, und der Blick auf das Kreuz Christi als das Symbol von religiöser Wahrheit und dem Anspruch des Christentums die Wirklichkeit religiös zu deuten, scheint für viele weit entfernt zu sein.
Die Distanz zur institutionalsierten Religion und das Leben ohne Religion sind weit verbreitet. Ein Leben ohne Gott ist möglich.

Doch ist solch ein Leben sinnvoll oder dem Leben dienlich?
Liebe Schwestern und Brüder,
heute ist Karfreitag, der Tag, der uns daran erinnert, dass der Gottessohn Jesus Christus für unsere Schuld und für unsere Sünden gekreuzigt wurde. Durch sein Kreuz, das er für uns traug, und seinen Tod, den er für uns erlitt, relativiert sich das Kreuz der Wirklichkeit für die Gläubigen. Sein Kreuz symbolisiert und spiegelt die Akzeptanz und Annahme des Göttlichen in der Wirklichkeit des menschlichen Leids.
Auch die bildlichen und bildhauerischen Darstellungen – die z. B. aus Stein oder Holz angefertigten Kruzifixe- des gekreuzigten Herrn Jesus, die über die Jahrhunderte in der Kunstgeschichte das Ende des Gottessohnes Jesus Christus dramatisch und künstlerisch dokumentieren, malen und beschreiben diese religiöse Wirklichkeit. Gott kennt das Leid und das Kreuz der Wirklichkeit. Und in den Armen des Gekreuzigten empfangen wir Geborgenheit und Trost
Trost und Erlösung schillern durch.

Ähnliches in seinem religiösen Gehalt will uns der Evangelist Johannes vermitteln, der das Leben und Sterben Christi unter das Wort des Trostes gestellt hat und was der Zuspruch vollbringt. Nicht umsonst wählen sich viele Menschen Bibelverse aus dem Johannesevangelium aus, weil diese Verse durch ihre innere Tiefe und religiöse Einmaligkeit sehr viel Trost spenden können. Der johanneische Christus ist ein Meister des Trostes, er formuliert Balsam für die Seele und er wendet sich fürsorglich an die Menschen. Sein Leiden ist geprägt von Stärke und Souveränität, die er an seine Zuhörer weitergibt. Seine Ich-bin-Worte gehören zu den meist bewegenden Sätzen im Neuen Testament. Diese Sätze bewegen Herzen und Sinne mit ihrem religiösen Gehalt, weil sie so viel Tröstliches, Seelsorgerliches und Helfendes signalisieren.
Und zwei möchte ich nur nennen, um ihnen andeutungsweise zu signalisieren, was sie innerlich bewirken können.
Der eine lautet: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich."

Der andere heißt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben."
Gerade der letzte Satz hat etwas sehr Tröstliches und ist von einer tiefen hoffenden Gewissheit auf ein Leben nach dem Tod geprägt.

Gleiches gilt für den heutigen Predigttext, der die Kreuzigung und den Tod Jesu beschreibt.

Text verlesen!

"Es ist vollbracht!", so spricht Jesus beim Evangelisten Johannes. Danach verschied er oder wie es im griechischen Originaltext heißt: übergab er seinen Geist.
Sein Geist gab auf und er starb. Er starb am Kreuz.
An diesen Mann, an Jesus von Nazareth, der für Pontius Pilatus der "König der Juden" war und der durch ihn gekreuzigt wurde, an diesen Mann denken wir am heutigen Karfreitag in ganz besonderer Weise.
Das Kreuz, das er getragen hatte und das ihm den Tod brachte, ist für uns Christen in seiner Ambivalenz gleichermaßen zum Symbol für Leid und auch für Hoffnung geworden. Denn durch das Kreuz schimmert die Hoffnung von Ostern durch, die Hoffnung der Auferstehung von den Toten und das ewige Leben, die uns durch Jesus im Glauben geschenkt werden.

Der Focus am heutigen Karfreitag liegt allerdings auf der Kreuzigung und der Wirklichkeit des Kreuzes.

Wenn wir uns den Wortlaut des heutigen Predigttextes wieder vergegenwärtigen, dann fällt uns zuerst auf, dass der Jesus, den wir kennen, hier eine seltsame Ruhe und Gelassenheit beim eigenen Tod an den Tag legt. Ja, er wirkt nach der Erzählung des Evangelisten Johannes sogar distanziert.
Da ist nicht der Ruf zu hören: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", den wir aus den anderen Evangelien kennen. Stattdessen spricht der johanneische Jesus: "es ist vollbracht!" Der Sterbende tröstet überdies seine Mutter und seinen Lieblingsjünger Johannes. Und hier durchbricht er auch die merkwürdige Distanz, indem er sehr fürsorglich mit den um ihn trauernden Menschen umgeht. Er zeigt noch Liebe und Fürsorge im Angesicht des Todes.
Und trotzdem beschleicht einen das Gefühl, dass Jesus sehr souverän den eigenen Tod hinnimmt. Der Tod scheint für ihn eine Erlösung zu sein. Der Tod ist eine Erlösung von allem Leid, von aller Trauer, aller Einsamkeit und allem irdischen Sorgen. Der johanneische Christus, der der Sohn Gottes ist, empfindet den Tod als eine Befreiung. Eine Befreiung von allem irdischen hin zu einem neuen Leben mit und bei Gott, dem Vater.
Dieser Jesus Christus, der zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott gewesen ist, der unter den Bedingungen der menschlichen Existenz bis hin zu Leid und Tod unter den Menschen lebte, dieser Jesus Christus, stirbt am Kreuz und schenkt uns dafür die Erlösung vom Tod.
Das Kreuz als Symbol für Leid einerseits und den Sieg über den Tod anderseits.

Was kann der Kreuzestod Jesu, an den wir am heutigen Karfreitag denken, für uns bedeuten, was bringt der Tod Christi mir?

Jesus ließ sich für mich und dich kreuzigen. Das hat er für mich vollbracht. Das Kreuz meiner Schuld brauche ich nicht mehr zu schleppen. Er ließ sich kreuzigen, dass ich nicht mehr gekreuzigt werde, obwohl tagtäglich gekreuzigt wird durch Worte und Taten.

Er ließ sich festnageln, spürte den menschlichen Schmerz bis in die Hände und Füße. Ich muss nicht festgenagelt bleiben auf die Last meiner Vergangenheit und mit ewigen Vorurteilen, obwohl unerfüllte Vergangenheit sehr zermürbend in mein Leben eingreifen kann.

Er verteilte sein Leben unter die Menschen. Das hat er für mich vollbracht. Ich kann mein Leben teilen und mich mit-teilen, mit andern teilen, und tun, was dem Leben dient, obwohl ich bisweilen an diesem Anspruch scheitere.

Er liebte sich zu Tode, damit die Liebe nicht stirbt. Ein neuer Bund ist geschlossen zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Das hat er für die Gläubigen voll bracht und das gilt, obwohl die menschliche Liebe immer wieder mit Füßen getreten wird und des Öfteren der Hass das Antlitz unserer Welt prägt.

Er nahm die Verlassenheit an. Also ist in meiner Verlassenheit noch die Verheißung von Gottes seliger Nähe und Anwesenheit.

Er nahm alles an. Also ist auch alles in seine Erlösung eingekleidet, die für dich und mich, für uns alle gilt.
Der Gekreuzigte ist der Erlöser.
Liebe Schwestern und Brüder, das hat Gott alles durch Jesus Christus für uns vollbracht. Für uns Christen ist das Kreuz das Symbol des Lebens über den Tod im Leben. Durch das Kreuz hat Gott dem Tod den Stachel und den Sieg entzogen, wie es der Apostel Paulus sagt.
Das hat Gott alles durch Jesus Christus für uns vollbracht.
Damit können wir unsere Angst, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit und Hilflosigkeit trösten. Wir leben aus der Tat des Gekreuzigten. Denn Gottes Werk ist ein Werk für uns. Er vollbrachte und vollbringt seine Liebe, Gnade und Barmherzigkeit für uns.
Und was er noch alles für uns vollbracht hat, das sehen mit den Augen Glaubens und hören wir mit den Ohren der Hoffnung an Ostern.

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