Morgenleuchten

Liebe Gemeinde!

Es gibt die unterschiedlichsten Orte, wo Menschen wohnen: an Ausfallstraßen großer Städte. Auf Hausbooten. In einsamen Wäldern an einem See. An Bahnlinien. Auf Almhütten. Oder an einem Friedhof. Meine Ostergeschichte spielt an einem solchen Ort….

Südlich der Altstadt Jerusalems befand sich der Friedhof Talipot. Es war ein schöner Ort, an dem die Toten ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Rebecca lebte schon ihr ganzes Leben direkt neben dem Eingang zu der Begräbnisstätte. Das kleine Steinhaus gehörte einmal ihren Eltern, hier hatte sie mit ihrem Mann die drei Kinder großgezogen. Leider war ihr Mann vor einigen Jahren an einer seltsamen Krankheit gestorben. Ihr Sohn hatte den Familienvorstand übernommen und für sie gesorgt. Er hatte eine liebe Frau gefunden und wollte heiraten. Leider war er im vorigen Jahr bei der Feldarbeit umgekommen. Ihre jüngste Tochter war dauernd krank und die Älteste hatte einen schlechten Mann abbekommen. Für Rebecca machte das Leben keine Freude mehr. Sie versuchte ihren Lebensunterhalt mit kleinen Näharbeiten für die Nachbarschaft zu verdienen. Oft aber blieb der Brotkorb leer. Und das Obst vom Markt war an manchen Tagen leicht angeschimmelt.

Rebecca weinte oft. Sie betete zu dem Allmächtigen in den Worten der Psalmen, sie klagte mit dem verzweifelten Stöhnen Hiobs. Sie bat Gott, daß er das Leid von Ihrer Familie nehmen möge, sie betete um Gesundheit und um das Leben ihrer Töchter. Jeden Tag, jede Nacht erinnerte sie sich an ihren Mann und ihren guten Jungen. Beide waren nun in der ewigen Dunkelheit. Rebecca war verzweifelt. Sie konnte nicht sagen was in dem Totenreich geschah. War Gott auch dort bei Ihnen? Die alte Frau wusste es nicht. Die Priester sprachen selten von dem Land der Toten. Einmal hatte sie gehört, es gäbe in verborgenen Schriften Hinweise auf eine andere Zeit bei Gott. Aber ob dieser Glauben richtig war? Ob diese neue Zeit bei Gott allen Menschen zuteilwerden würde – auch ihrem lieben Mann und ihrem Sohn? Niemand konnte das mit Sicherheit sagen. Auch nicht die Verfasser der Apokryphen. Es gab Tage, da fühlte Rebecca sich sehr niedergeschlagen und ihres Lebens müde. Nur der Gedanke, ihren Töchtern noch manchmal eine kleine Hilfe sein zu können, verlieh ihr Kraft und Zuversicht.
Und dann…

.. kam dieser purpurblaue Morgen, der dem Leben von Rebecca eine neue Richtung weisen sollte. Der Himmel über der ewigen Stadt war in ein besonderes Licht getaucht. Das tiefe Schwarz der Nacht begann einem sanften rosa Lichtschimmer zu weichen. Mit jeder Minute mehr mischte sich ein türkis leuchtendes Blau in die Rotfärbung des Horizonts.

Rebecca saß in eine alte Kamelhaardecke gehüllt vor ihrem Haus. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen, zu viele Gedanken waren ihr wieder durch den Kopf gegangen. Der Becher aus der Weinkaraffe am Abend hatte die Chimären der Finsternis nur noch bedrohlicher in ihren Wachträumen groß werden lassen. So war sie bei der ersten leichten Dämmerung aufgestanden und vor das Haus gegangen. Sie wollte das Erwachen des Tages mit allen Sinnen aufnehmen – sie hoffte in dem Gesang der Vögel etwas Trost zu finden. Aus der Ferne hörte sie das Hörnerblasen der Wachen auf den Stadtmauern.

Irgendwann sah sie die drei Frauen den Weg zum Friedhof hinaufkommen. Die Frauen hatten ihre Gewänder eng um ihre Körper geschlungen um sich gegen die Kälte des Morgens zu schützen. Sie trugen kleine Gefäße in ihren Händen. Sie gingen langsam, schwer waren ihre Schritte. Schweigend kamen sie näher. Auf der Höhe des Hauses nickten sie kurz zu der alten Frau hinüber, fast scheu waren ihre Blicke. Rebecca kannte diesen Blick. Die Frauen waren in tiefer Trauer. Rebecca fühlte sich sofort an den Abschied von ihrem Sohn erinnert. ‚Warum fällt mir jetzt gerade der Junge ein‘, dachte sie. Und sie fragte leise: ‚Ihr geht zu den Gräbern? Macht das einen Sinn? Die Toten sind doch nicht mehr bei uns. Die Verstorbenen – sie sind für immer verloren‘.

Eine der Frauen blieb stehen und sagte: ‚Hast Du von dem Sohn des Himmels gehört? Sie haben ihn vorgestern ans Kreuz gebracht. Wir gehen, seinen Leichnam zu salben. Er hat so viel Gutes für uns getan. Wenigstens diese Geste unserer Liebe möchten wir ihm zuteilwerden lassen. Wir möchten ihm gerne etwas Liebe zurückgeben.‘

Die andere Frau sah Rebecca an und sagte dann: ‚Wir spüren: auch Du hast Kummer. Unser Mitgefühl sei mit Dir! Der Ewige schütze Dich. – Siehst Du das Leuchten dieses Morgenhimmels. Die Toten sind nicht tot!‘ sagte sie. 
‚Ihr seid Anhängerinnen der neuen Lehre?‘ fragte Rebecca. ‚Esra und Henoch sollen Visionen gehabt haben. Ich glaube nicht daran. Die Welt ist ein Jammertal. Der Tod befreit von aller Bedrängnis.‘

‚Nein, wir sind keine Jüngerinnen der Apokalyptiker. Diese Propheten hatten wohl kosmische Visionen – aber allein der Sohn Gottes hat Worte des ewigen Lebens. Jesus hat mit uns von seiner Verherrlichung durch Gott gesprochen. Wir wissen nicht genau, was er damit meinte. Aber wir vertrauen seinem wirkmächtigen Wort. Jetzt gehen wir in den Gräbergarten. Gott gewähre Dir Frieden, Mutter!‘ Die drei Frauen gingen weiter. Sie stießen das Tor in der Mauer auf und waren bald darauf dem melancholischen Blick Rebeccas entschwunden.

Mit jeder Minute mehr, in der sich die aufsteigende Sonne auf den Horizont zubewegte, begann der Himmel nun in unzähligen Farben zu glänzen. Das Licht wurde so hell strahlend, dass Rebecca sich die Hand vor die Augen halten mußte. Solch ein großartiges Leuchten hatte sie noch nie gesehen. Der Himmel schien plötzlich in Flammen zu stehen. Unzählige Rottöne mischten sich mit allen Nuancen von Purpur und Orange – und mit einem Mal tauchte das intensive Goldgelb der Sonnenstrahlen die ewige Stadt und die Berge ringsum in ein traumhaft schönes Licht. Rebecca spürte eine endlose Energie über dem Land. Alle Traurigkeit und Verbitterung fielen mit einem Mal von ihr ab. Es wurde ihr leicht ums Herz. Ihr Mund begann zu lächeln und mit leisen Tönen fing sie an zu jubeln. Sie fühlte sich wie in einem geheimnisvollen Zauber.

Das Leuchten des Firmaments wurde noch klarer und noch mächtiger. Das Naturschauspiel nahm kein Ende. Es schien, als wollte eine besondere Kraft des Himmels die Vorherrschaft über die Nacht und den Tag erlangen…

Auf einmal wurde Rebecca aus ihrem Träumen zurückgeholt. Sie hörte schnelle Schritte auf das Tor im Gräberhain zueilen. Das Tor wurde aufgestoßen und die drei Frauen standen wieder vor ihr. Rebecca sah sie verwundert an. Die Frauen hatten ihre Kopfbedeckungen abgenommen. Ihre schönen Haare fielen auf ihre Schultern und wehten leicht im Morgenwind. Sie weinten ein seliges Lachen.

‚Was mag auf dem Friedhof geschehen sein?‘ dachte Rebecca. Das wundersame Flimmern des Morgenhimmels konnte nicht die alleinige Erklärung für die Fröhlichkeit sein. Diese Frauen waren jetzt eine Erscheinung, fast wie Engel kam es ihr vor. Die Augen der drei Frauen strahlten vor Glück. Rebecca vermochte eine geraume Zeit nichts zu sagen. Sie wollte dieser Stimmung nicht mit unverständigen Worten den Zauber nehmen, den die Situation ausstrahlte.

‚Es ist wahr geworden. Es ist geschehen. Gott hat Wort gehalten!‘ Die Frauen lachten Tränen der Freude. ‚Wie? Was meint ihr? Werdet deutlicher in euren Hinweisen‘, bat Rebecca.

‚Der Sohn des Himmels – er ist nicht mehr im Grab. Wo sie seinen Leichnam zur Ruhe betteten, die Grabhöhle ist leer. Jesus ist auferweckt worden. Wie er es verheißen hat. Es gibt den Tod. Aber nie mehr für immer. Von heute an gibt es das Leben bei Gott. Für ewig.‘

‚Er hat es uns oft gesagt! Er hat alles voraus gewusst! Wir sind Gerettete! Kein Leid, kein Weinen, keine Verzweiflung mehr. Wir sind Kinder des Ewigen! Der Sohn des Himmels ist bei Gott und er wird auch uns von den Toten auferwecken. Von heute an gilt diese Verheißung! Lasst uns in das neue Leben tanzen. Komm mit uns, Rebecca! Dein Liebsten sind frei. Sie sind von Gott errettet!‘

Die Frauen wollten Rebecca mit sich ziehen.

‚Ihr glaubt an Wunder‘, seufzte die alte Frau und begann wieder in ihre schwermütige Stimmung zu fallen. ‚Nur weil der Himmel heute Morgen so geleuchtet hat, hebt das die Welt nicht aus den Angeln. Solche Himmel wird es wieder einmal geben. Ich freue mich für euch. Glaubt an eure Geschichte. Sie klingt gut. Wirklich gut. Geht ruhig tanzen. Erzählt den Menschen von eurer Vision. Für mich ist das nichts. Ich bleibe lieber hier am Rand des Gräberfelds wohnen. In der Nähe meiner Liebsten. Ich kann hier nicht mehr weggehen. Ich bin schon zu lange hier. Danke für Euren Gruß. Geht unter Gottes Segen!‘ Dann kehrte sie den Frauen den Rücken zu und ging nachdenklich zurück ins Haus. Die alte Decke war ihr von den Schultern gerutscht.

Die drei Frauen sahen sich verwundert an, sie zuckten mit den Schultern und liefen dann beschwingt weiter. Man kann nicht jeden überzeugen. Jedes Herz findet seine Zeit, um bereit zu sein, um irgendwann mit eigener Gewißheit aufzubrechen in einen neuen Morgen.

Gerade als die drei Frauen am Ende des Wegs um die Ecke bogen, um in die noch schlafende Stadt zurückzukehren, hörten sie einen Ruf. Sie sahen sich um. Rebecca winkte ihnen vor ihrem Haus. Die Frauen winkten noch einmal zurück.

Dann kam Rebecca ihnen nachgelaufen. Die Frauen warteten. ‚Ja?‘ fragten sie.

‚Das Leuchten des Himmels, wisst ihr? Das war noch nie da gewesen. Ich habe so etwas Wunderschönes noch nie gesehen. Dass Ihr vorbeigekommen seid. Dass ich so früh wach gewesen bin. Das alles war kein Zufall! Vorhin, da ist mein Herz auf einmal ganz leicht geworden. Die Traurigkeit ist verflogen. Ihr Lieben: Ich möchte mit Euch ziehen. Ich möchte den Menschen von dem Wunder erzählen.‘

Maria sagte: ‚Der Erlöser hat uns zu Menschen gemacht, Rebecca! Komm mit, begleite uns!‘ Die alte Frau nahm ihr Kopftuch ab und begann zu lachen. Erst leise, dann immer lauter. Fröhlich. Überglücklich. Sie reichte den Frauen die Hand.

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