Plastikprodukte

„Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“

Jürgen Klopp gibt es zu. Er hat Angst vor dem Verlieren. Spätestens seit dieser Saison weiß er ja auch, wie nahe Sieg und Niederlage, Aufstieg und Fall, Hoffnung und Tragödie beieinander liegen. Wie sich das anfühlt, wenn man vom hochgelobten und gepriesenen Macher herabstürzt auf ein unteres Maß, hat er allerdings nicht gesagt. Muss er auch nicht. Kann man sich ja denken.

Und auch Pep Guardiola weiß, dass man jederzeit damit rechnen muss, dass man verlieren kann. Weise Männer sind das diese Fußballtrainer.
Männer, die auf Erfolg aus sind. Wer will schon verlieren? Wer kann es sich schon leisten zu verlieren? Sicher kein Bundesligatrainer! Die brauchen Erfolge, die brauchen Siege, denn erst dann kommen die Sponsorengelder, kommen die internationalen Wettbewerbe, die noch mehr Geld in die Vereinskassen spülen. Verlieren ist keine Option. Verlieren ist im System zwar vorgesehen, aber nicht gewollt. Weil es schadet. So denkt die Bundesliga und so denkt die Welt.

Wer verliert schon gerne? Die Kindergärtnerin erklärt den Eltern, dass das Kind nicht gut verlieren kann. Es müsse das aber doch lernen! Im Sportverein, erzählt der Trainer den Eltern, dass er das Kind nicht in die Mannschaft holen kann. Sie wollen doch gewinnen. Es ist ein Dilemma.

Denn diese Gesellschaft ist darauf aufgebaut zu gewinnen, weiter zu wachsen, den Konsum zu steigern. Ständig ist zu hören, dass der Geschäftsklimaindex negativ ist. Die Aktienkurse steigen zwar von einem Hoch zum nächsten, aber das reicht anscheinend nicht. Höher, schneller, weiter! Wer also will verlieren?

Und selbst? Alle paar Monate ein neues Handy; von der neuen Jeans für 19 Euro ganz zu schweigen. Alles ist verfügbar, jederzeit zu haben. Samstagsabends bis 22.00 Uhr einkaufen? Kein Problem. Kommt die Frau an der Kasse eben erst um 24.00 Uhr nach Hause, wenn die Kasse nicht gestimmt hat.

Es ist in dieser Situation außergewöhnlich tröstlich, dass es einen gibt, der dem etwas entgegensetzt. Diese Gesellschaft hat schließlich schon genug Leistung, nicht wahr? Aber höher, schneller, weiter ist begrenzt. Das ist zu spüren in den stillen Momenten. Fernab von allen Ablenkungen. Die Knochen schmerzen. Du bist eben keine 20 mehr. Aber wer will das wahrhaben? Einfach weitermachen, merkt ja keiner.

Das Leben ist begrenzt. Die Suche nach Mehr scheint es nicht zu sein. „Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“
Natürlich! Jesus provoziert. Muss er wohl auch. Wie sonst sollte er die Aufmerksamkeit der Massen bekommen, wenn nicht durch solche Sätze.

Kritisch ist er ja, der Messias. Das war bekannt. Aber gleich so lebensfeindlich? Hätte man von dem Auferstandenen so gar nicht erwartet. Immerhin. Was nimmst du mit, wenn die Ewigkeit ansteht? Hilft dir da ein volles Portfolio? Selbst das größte Ego wird dereinst vor seinen Schöpfer gerufen. Ganz egal, wie wichtig, wie groß, wie viel du gearbeitet hast. All das hilft dann nicht.

Oder anders gesagt: Echte Fülle im Leben erfahre ich nicht durch die Konzentrierung auf mich selbst. Da braucht es den anderen. Und es verwundert nicht, wenn sich ausgerechnet zwei Griechen auf den Weg zu Jesus machen, um ihn zu sehen und zu hören. Diese Griechen repräsentieren immerhin die Moderne, ein weltgewandtes System, auf der Suche nach Sinn.
Was Jesus hier tut, und was auch die Griechen hören wollen, ist nichts anderes als die vermeintlichen Sicherheiten zu zerstören. Die Auswege der Welt sind eben nicht deckungsgleich mit seinem Angebot.

Man denke nur an die Bundesliga und die Aussagen der beiden Top-Trainer. Verlieren als hohes Gut, das kann man dort keinem verkaufen. Aber immer nur aufsteigen, dass geht auch nicht. Als die brasilianische Nationalmannschaft im Halbfinale der WM 2014 im eigenen Land dieses immens wichtige Spiel mit Ach und Krach verloren hatte, war dies das Signal an den Verband, an den Trainer und an die Spieler, dass das Ende erreicht war. Es ging nicht weiter aufwärts. Brasilien war Rekord-Weltmeister, hatte die Tabelle der besten Mannschaften der Welt angeführt und hatte den Mythos des Unbesiegbaren. Das Ende kam krachend. „Ein weiter so“ konnte es für die Spieler nicht geben. Ein Festhalten an den alten Strukturen hätte jeglicher Veränderung im Weg gestanden.

"Jungs! Verlieren ist schwer, aber nicht das Ende!" So hätte es Jesus vielleicht in der Kabine nach dem Spiel zu den Brasilianern gesagt. Denn entscheidend ist, dass nach dem Ende, etwas Neues beginnen kann. Da kann etwas wachsen. Zart und klein, aber dennoch kräftig. Dann kommt, auch nach so einer derben Niederlage, die Freude zurück.

Freude aus der Niederlage?
„Wir wollen leben! Kein Schatten soll auf das Leben fallen. Strandurlaub und Traumküche, Faltencreme und Wellness-Urlaub, Bungee-Jumping und Marathonläufe, – ich bin jung und schön, ich bin stark und aktiv, ich bin lebendig. „Der Tod kann mir nichts anhaben.“ Fast hysterisch stürzen wir uns in Aktivität und Konsum, um dieses Mantra zu vertiefen: „Ich bin lebendig. Der Tod kann mir nichts anhaben.“ […] Schon wieder ist das Jahr halb rum, jedes Jahr schneller.“ (Vgl.: Hanna Reichel, in: Lesepredigten, Textreihe I, Bd. 1, Leipzig 2014, S. 141).
„Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“
Am Ende kann man diese Provokation nur so übersetzen, „dass es in den Augen Jesu ein für alle Mal gleichgültig wird, wie sicher man lebt, wie äußerlich erfolgreich man lebt und wie man verteidigt, was man das erfolgreiche Leben nennt. Wer so beginnt, kommt nie zum Wesentlichen, findet nie sich selber und kann in dem Grab, das er sich für sein Leben schaufelt, die Ewigkeit am Ende weder glauben noch überhaupt wünschen.“ (Vgl.: J. Drewermann: Leben, das dem Tod entwächst, Düsseldorf 1991, S. 128).

Es geht um das Wesentliche. Das, was wirklich erfüllt und erfüllend ist. Das bedeutet, es muss sich um ein Angebot jenseits der gängigen „Plastikprodukte“ handeln, „wo ein Funke östlicher Weisheit mit einer Fülle von westlichem Schwachsinn untrennbar verschweißt markttauglich angeboten wird. Hinzu kommt, dass das Leben kürzer geworden ist. Früher hatten die Menschen Lebenszeit plus ewigem Leben. Heute sind wir in das bisschen Lebenszeit eingezwängt, weil wir an das Jenseits ja nicht mehr glauben.“ (Vgl.: D. Lorenz, in: Predigtstudien 2008/09; Perikopenreihe I, Bd. 1, Stuttgart 2008).

Die neue Apple-Watch kostet in der teuersten Version 18.000€, ist dann aus purem Gold und muss doch von Hand aufgezogen werden. Höher, schneller weiter ist begrenzt.
Das, was Jesus da im Sinn hat, hat nicht viel mit dem zu tun, was unsere Welt uns anbietet. Trägt aber länger. Und muss nicht von Hand aufgezogen werden.
Amen.

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