Fürwahr, so redet Gott!

Jesaja 54, 7-10 (Hellersdorf, 15.3.2015)

(7) Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. (8) Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. (9) Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollen. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. (10) Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Viele von uns kennen den 23. Psalm gut, nicht wenige könnten ihn wohl auswendig hersagen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln … Und dann kommen wir an die Stelle: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…

Ganz ähnlich klingt es auch im Wochenpsalm, den wir vorhin miteinander gebetet haben: Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.

Ein ungeheures Gottvertrauen begegnet uns in diesen Sätzen. Wie kommt ein solches Vertrauen eigentlich zustande, das sich in diesen Worten ausdrückt?

Gehen wir’s einmal sprachlich an. Ein winziges hebräisches Wort wird hierbei wichtig, das Wörtchen ki. Im allgemeinen übersetzt man es mit „denn“, so auch hier: „denn du bist bei mir“. Man kann dieses ki begründend verstehen, eben wie unser deutsches „denn“. Vielfach wird das so gebraucht. Man kann das ki aber auch deiktisch verstehen, das meint: feststellend, bekräftigend im Sinne von „fürwahr“ oder „ja, so ist es!“. Ein solches Verständnis ist für das Hebräische meistens besser, fabriziert nur leider oft etwas umständliche Formulierungen im Deutschen. Im 23. Psalm würde das dann heißen: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Fürwahr, du bist bei mir!“

Da schwingt noch etwas anderes mit als nur eine einfache Begründung: staunen darüber, dass es so ist. Mit Staunen, ja mit Freude stellt der Beter es fest: Du bist bei mir. Denn er merkt es ja, verspürt es immer wieder, dass sein Gott bei ihm ist. Entsprechend der Bildwelt des Psalms nennt er das, was er erlebt: Stecken und Stab, die ihn trösten.

„Stecken und Stab“, damit umschreibt der Psalmist sein Erleben, seine Erfahrung, die ihn immer wieder neu in Erstaunen versetzt und die eben hinter jenem kleinen Wörtchen ki steckt. Es ist schon so: Erfahrung drückt sich in Sprache aus. Es lohnt sich deshalb, auf die Sprache unserer Mitmenschen zu hören, es lohnt sich, Sprache bewusst und verantwortungsvoll einzusetzen. Und es lohnt doppelt, sich auf die Sprache Gottes einzulassen, die uns in den Worten der Heiligen Schrift begegnet.

Hier bei Jesaja redet Gott durch den Propheten. Er spricht zu seinem Volk, welches den sicheren Eindruck hat, nicht mehr Gottes Volk zu sein, sitzen sie doch in Babel im Exil. Dort haben sie zwar relative Selbständigkeit, manche auch bescheidenen Wohlstand. Einige haben sogar großen Wohlstand erworben. Aber das ist ihnen alles nichts wert, weil zu Hause in Jerusalem der Tempel in Trümmern liegt und so vor aller Welt sichtbar ist, dass Gott sein Volk verlassen hat. Nicht das, was da ist, zählt, sondern das, was ihnen fehlt.

Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben, können das wahrscheinlich gut nachvollziehen: Natürlich haben wir gelebt, manchmal auch gut gelebt. Wir haben gefeiert, geliebt, Kinder bekommen. Manchmal waren wir richtig glücklich. Aber zugleich fehlte da immer etwas, die Freiheit etwa, sein Leben ganz nach den eigenen Vorstellungen und ohne Rücksicht auf die Parteilinie leben zu können, die Freiheit der Information nach allen Seiten, und auch die Möglichkeit, die Weite und Vielfalt der Welt und der Kulturen nicht nur aus Büchern oder Filmen, sondern ganz real zu erfahren, um nur einiges zu nennen. Und es geht nun nicht darum, ob das heute alles so gegeben ist; das kann jetzt nicht zur Debatte stehen. Es geht vielmehr darum, zu erinnern und zu verstehen, dass es Verhältnisse gibt, in denen es den Menschen relativ gut geht, wo sie aber doch in einem tieferen Sinne todunglücklich sein können. Genau so erging es den Juden im babylonischen Exil. Sie hatten alles, was man so zum täglichen Leben braucht, manche hatten auch noch etwas mehr. Sie konnten sogar ihr Religion frei ausüben. Aber ihnen fehlte der Glaube, dass es sinnvoll sei, weiterhin Jude zu bleiben. Es fehlte ihrer Meinung nach die Grundlage, denn der Bund Gottes mit seinem Volk schien aufgekündigt. Wie anders sollte man es denn verstehen, dass der Tempel von Jerusalem in Trümmern lag?

Und was sagt Gott zu dieser Haltung? Er spricht durch den Propheten: Ja, ich habe dich einen kleinen Moment lang verlassen. Was dir wie eine Ewigkeit vorkommt, ein kleiner Moment nur war’s. Und ich war ja trotzdem noch da, denn ich bin immer da. Aber ich weiß, wenn du auch nur den Eindruck hast, ich sei ferne, was du daran zu merken meinst, dass dich das Glück verlässt, dann ist das alles ganz schlimm. Dann bricht für dich die Welt zusammen. Wenn aber du dich von mir abwendest, dann ist das ja nur der Ausdruck deiner Freiheit. Doch sei’s drum, ich merke ja, dass es zu viel für dich ist, wenn ich mich auch nur einen winzigen Moment abwende. Ich tat es ja und tue es auch nie wirklich. Erinnere dich doch deshalb an die Geschichten vom Anfang. Erinnere dich an die Geschichte von der großen Flut, die du doch kennst und die du vielleicht deinen Kindern erzählst: Ja, ich habe diese Flut kommen lassen. Das musste sein. Aber was war das Ende dieser Ereignisse? Am Ende stand mein Versprechen, dass eben keine Flut mehr kommen soll, was immer ihr Menschen tut. Ich setzte meinen Bogen in die Wolken, als Zeichen für mich und als Zusage an euch, dass die Erde Bestand haben soll, dass, solange die Erde steht, nicht mehr aufhören sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Und so ist es auch jetzt. Ich habe dich wohl einen kleinen Moment lang verlassen. Das musste sein. Ich konnte es nicht unbeantwortet lassen, dass du dich immer wieder von mir abgewandt hast. Aber mit viel größerem Eifer suche ich dich und will dich immer suchen und auf Dauer bei dir sein. Es mag dir anders vorkommen, aber es gibt keinen Moment der Gottverlassenheit und wird nie einen geben.

So sprach Gott zu seinem Volk Israel, so sprach er zu den Juden in Babylon, um ihnen Mut zu machen, dass sie neues Vertrauen fassen, dass sie den Glauben nicht aufgeben und, wenn die Möglichkeit gegeben sein wird, nach Hause zurückkehren und ihr Land aufbauen. Und die Zeit der Heimkehr kam auch. Die Geschichte der dann folgenden Jahrhunderte weist Höhen und Tiefen aus. Längst nicht alles gereicht da zum Ruhme Israels. Und wenn wir uns Gott einmal ein wenig vermenschlicht vorstellen, dann wird er sich in dem einen oder anderen Moment dieser Geschichte wohl die Haare gerauft und sich gefragt haben, was er da für ein Volk hat. Und doch: Er ist diesem Volk treu geblieben und hat es bestehen lassen bis heute.

Die Treue Gottes, die uns hier gegenüber seinem Volk Israel begegnet, gilt generell, denn der Regenbogen nach der Flut steht über der ganzen Welt, nicht über einem Volk allein. Und daher lässt sich die in diesem Zeichen bezeugte reue Gottes übertragen: vom Volk Israel zunächst auf den einzelnen Juden zu jeder Zeit. Deshalb wurden die Psalmen mit den großen Aussagen des Vertrauens ja immer wieder und überall gebetet. Der Einzelne ist aufgehoben in dem, was Gott seinem Volk zusagt. Und was einst dem Volk Israel gesagt und verheißen ist, das gilt auch für die Kirche und uns einzelne Christen, denn als Gemeinde stehen wir in den Fußstapfen des ersten Gottesvolkes.

Und nun erinnern wir uns noch einmal an das Wörtchen ki. Hier bei Jesaja begegnet es uns wieder. „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen…, spricht der Herr.“ So heißt es am Ende dieses kleinen Bibelabschnittes. „Fürwahr, es sollen wohl Berge weichen…“ Gott bekräftigt mit großem Nachdruck den Heilswillen für sein Volk. Gott bekräftigt seinen Willen, und alle Hörer und Leser seines Wortes können das nur mit Staunen und Freude zur Kenntnis nehmen und feststellen: Ja, so ist es.

Und es ist ja auch unsere Erfahrung, dass wir ins dunkle Tal geraten. Es ist auch unsere Erfahrung, dass wir meinen, Gott nicht mehr zu spüren. Genauso aber ist es auch eine Zusage für uns, dass Gott keinen Moment von unserer Seite weichen will, selbst wenn uns das zeitweise anders vorkommen mag. Und rückschauend ist es dann hoffentlich auch unsere Erkenntnis, dass Gott es gut mit uns gemeint hat und es ganz sicher weiter gut mit uns meint. Diese Antwort aber kann und muss sich jeder nach seinen Erfahrungen nur selber geben. Nicht immer können wir darüber auch sprechen. Vielleicht können wir uns aber doch später beim Nachgespräch die eine oder andere unserer Erfahrungen dazu mitteilen.

Ich will nur einen Gedanken noch anfügen: Wir bedenken diesen Text mitten in der Passionszeit. Nichts zeigt deutlicher als das Kreuz, wie viel Gott an der Welt und an jedem einzelnen Menschen gelegen ist, denn alles Elend dieser Welt, alle Sünde und alle Gottferne werden am Kreuz aufgenommen und durch den Kreuzestod Jesu hinweggeschafft. Damit wird Leben ermöglicht und die Tür zum Paradies unumkehrbar aufgestoßen. Zu Weihnachten haben wir’s ja schon gesungen: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis…“ Nur, wäre das Kind von Bethlehem nicht als Mann an das Kreuz von Jerusalem gegangen, nichts wäre es mit dem Paradies… Nun aber ist Jesus ans Kreuz gegangen, und er ist auferstanden, und darum ist Gottes unendliche Liebe offenbar vor aller Welt und und gültig auch für jeden einzelnen. Fürwahr, darauf können wir uns verlassen. Amen.

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