Werden statt Vergehen

Mit der Leidensgeschichte Christi, der Passion tun gerade wir ChristInnen uns immer wieder schwer, vielleicht auch weil wir uns zu sehr daran gewöhnt haben. Sowohl an das Leiden und Sterben Jesu Christi als auch das Sterben auf unserer Welt, die Brutalitäten der Deutschen im Nationalsozialismus und des Stalinismus genauso wie die von Boko Haram oder IS, die Foltermethoden der Amerikaner oder der Chinesen, sie sind Teil unsere Nachrichten, Teil unserer Welt. Vieles davon können wir uns nicht wirklich vorstellen und verdrängen es lieber. Und doch – es ist normal, gehört zu unserem Denken dazu.

Wie das Leiden Christi von dem er selber redet:

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Eine seltsame Geschichte. Da sind Menschen aus dem nichtjüdischen Raum, die wollen gerne mit Jesus reden. Und er lässt das zu, macht darum aber viele Worte. Der Evangelist Johannes ist so einer, der viele Worte braucht, um zu beschreiben, worum es geht. Und so will er uns hier Jesus als den souveränen Sohn Gottes vorstellen, der sehend und wissend in seine Passion hineingeht, weil er sich als Sohn und Gesandter Gottes weiß.

Und dieser Sohn Gottes prägt das Wort vom Weizenkorn neu. Eigentlich ist das Bild ein uraltes Bild vom Werden und Vergehen. Aber hier ist es auch ein Bild aus dem Alltag der kleinen Leute, mit denen Jesus über Gott redet. Das wertvolle Korn, das helfen könnte Menschen, dass Menschen jetzt Brot backen, um ihre Familie zu ernähren, wird aufbewahrt, den hungrigen Kindern vorenthalten, weil es wird gebraucht als Saatgut. Und es wird in den Boden versenkt, allein mit der Hoffnung, dass man von dem Ertrag im nächsten Jahr satt werden kann.

Das ist eine alte menschliche Erfahrung, dass das Leben oft nur mit Schmerzen erhalten werden kann. So wie die Saat im Boden versenkt werden muss, um dann irgendwann als Frucht wieder aufzugehen.

Diese Bild deutet Jesus auf seine Person. Auch er muss sterben, muss begraben werden, um auferstehen zu können, um Menschen Frucht zu bringen, um Leben zu schaffen für die Menschen. Und so wie die Entwicklung des Weizenkorns im Verborgenen geschieht, so ist auch die wahre Mission Jesu den Menschen lange verborgen, aber jetzt kurz vor Jerusalem, ist der Zeitpunkt gekommen, dass er den Menschen alles sagt. Aus dem verborgenen Korn wächst ein grüner Halm und der zeigt an, dass da etwas passiert ist.

Johannes stellt hier seine Sicht der Passion, des Leidens Christi dar. Für ihn ist das Ziel der Sendung Jesu von Anfang an die Verherrlichung. Die Menschen sollen wahrnehmen, dass Gott der Herr der Welt ist. Darum ist er in Christus bereit an den Menschen zu leiden – bis zum Tode, um dann auch aufzuerstehen.

Und auch Fremde sollen davon erfahren wie die Freunde von Philippus (ein griechischer Name). Sie sollen genauso die frohe Botschaft hören und so zu ZeugInnen der Auferstehung werden, von der Jesus verklausuliert hier spricht.

Dieses Bild aus der Landwirtschaft vom Korn, das sterben muss und begraben wird, um Frucht zu bringen ist leider auch ein viel missbrauchtes Wort für Soldaten, die im Krieg sterben, als würden sie dadurch wirklich neues Leben ermöglichen. Da gibt es einen wahren Hintergrund, aber nicht mehr.

Wirklichen Sinn ergibt dieses Bild nur mit Blick auf Jesus. Und der bereitet die Seinen und die Fremden auf sein Ende vor. Für seine Verkündigung ist klar: Jeder Neuanfang ist mit Schmerzen, mit Abschieden verbunden. Und darum muss auch Karfreitag sein. Auch wenn es weh tut, jedes Jahr wieder über Leiden und Sterben Christi nachzudenken.

Aber wer das Leben wirklich verstehen will, der muss auch den Tod als Teil des Lebens akzeptieren. Wir neigen ja manchmal dazu, den Tod galant zu verdrängen. Irgendwie wissen zwar alle, dass Leben endlich ist, aber trotzdem tut jeder so, als wäre sein Leben unendlich. Ich muss begreifen, dass Jesus wirklich gelitten hat und ganz real gestorben ist. Und ich muss begreifen, dass heute Menschen leiden und sterben und dass auch ich eines Tages sterben werde und weder weiß wann, noch unter welchen Umständen.

Dagegen erzählt Johannes von Gottes Ja zum Leben, das auch im Sterben Christi deutlich wird. Gott sagt in seinem Sohn Ja zum Leben, so wie es ist. Er wird Mensch im Stall von Bethlehem. Er verkündet Gottes Willen gerade auch unter Aussätzigen, Verachteten, Gemiedenen. Und er wird gefoltert und getötet genau deswegen, weil sein friedliches liebevolles Wesen nicht in die Welt passt, weil seine gottgleiche Art irritiert, vor allem die, die glauben längst alles über Gott und seinen Willen zu wissen, genauso wie die, die vor lauter Macht kein Gefühl fürs Leben mehr haben.

Die Leidensgeschichte Jesu ist in erster Linie eine Geschichte über die Menschen. Vielleicht tun wir uns auch deswegen manchmal schwer mit ihr, können Lieder wie O Haupt voll Blut und Wunden nur schwer singen, weil sie uns daran erinnern wie heute, während wir Gottesdienst feiern, Menschen genauso gefoltert werden, wie Jesu damals.

Ich muss lernen, dass es Leiden gibt und Tod. Aber ich muss nicht hinnehmen, dass Menschen Leiden zugefügt werden im Interesse von macht oder wirtschaftlichen Interessen. Ich kann das Meine tun, dass der Sohn Gottes nicht immer aufs Neue gefoltert und hingerichtet wird.

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