Wanderradikale

Jesus war Wanderprediger – er trug Latschen, das wissen KonfirmandInnen in aller Regel. Aber was bedeutet das wirklich: Wanderprediger oder wie manche ihn auch nennen: Wanderradikaler?

Einer Geschichte von Jesus erzählt das in geradezu unbarmherziger Form:

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Ich finde Jesus in dieser Geschichte ausgesprochen unbarmherzig – vielleicht sogar unsympathisch. Zwei Menschen kommen auf ihn zu, wollen ihm nachfolgen, ein Dritter wird von ihm angesprochen und ist scheinbar gerne bereit, aber jetzt sofort oder vergiss es! An dieser Geschichte habe ich zu kauen.

Oft übersehen wir, wer Jesus wirklich war. Wir reduzieren ihn auf das niedliche Kind in der Krippe, den leidenden Herrn am Kreuz, den Wundertäter und Menschenfreund, den Auferstandenen Erlöser. Das ist ja schon auch viel. Aber eben nicht alles. Auch darin ist Jesus ganz Mensch, dass er viele Seiten hat.

Er gilt vielen auch als Gründer der christlichen Kirche. Das ist aber falsch. Die christliche Kirche wurde an Pfingsten vom Heiligen Geist gegründet. Jesus hat keine Gemeinde gegründet, sondern er hat eine lebendige Gemeinschaft um sich geschart, eine Bewegung christlichen Wanderradikalismus inspiriert. Jeder war eingeladen mit ihm zu gehen. Aber dafür musste man auf allerlei verzichten.

Wanderradikale – so nennt die Forschung Menschen, die um ihres Glaubens Willen auf Besitz und Wohnung verzichten und ihren Glauben in radikaler Weise leben.

Das Besondere an der Bewegung Jesu war die Zuwendung zu den Menschen, das konsequente Dasein für die, die Hilfe besonders brauchten – die Schwachen. Für die Außenseiter, die Kranken, Behinderten, die Frauen und die Verachteten war Jesus in besonderer Weise da. Und für die Verkündigung des Willens Gottes.

Und Jesu schroffe Worte sind eigentlich Worte der Liebe. Er nimmt die Menschen nicht einfach mit. Er sagt ihnen deutlich, was sie erwartet. Auch wenn er einlädt mit ihm zu gehen, ist er doch kein Bauernfänger, sondern ein ehrlicher Diener des Wortes Gottes, der den Menschen sagt, was sie erwartet.

Und er macht deutlich: Es gibt Momente, in denen muss man sich frei machen von Bindungen, die wirkliches Leben verhindern. Aus der Zeit der Hippie-Bewegung kennen wir das übrigens auch: ‚frei sein – glücklich sein‘ hieß die Devise, mit der man sich aus Zwängen und Bindungen selbst befreien wollte, um bald in neuen Zwängen und Bindungen zu landen, die oft viel unbarmherziger waren.

Jesus lädt die Menschen in seine Nachfolge, als Dienerinnen und Diener Gottes. Ob die Jünger so genau wussten, wem sie nachfolgten. Ich kann es nicht beurteilen. Aber es war eine Entscheidung, die ihr Leben grundlegend veränderte.

Und auch heute können wir über diesen Abschnitt nicht unbeteiligt sprechen. Wir müssen hinschauen, was das Bekenntnis zu Jesus damals bedeutete und auch hinhören, was das Bekenntnis zu Jesus noch heute für Menschen auf dieser Welt bedeutet. Und überlegen, was für uns unser Bekenntnis zu Christus bedeutet.

Unser Text ist kein ethischer Aufruf im Sinne von ‚wer zu Christus gehören will, muss alles hinter sich lassen, alle Bindungen aufgeben, die Toten rumliegen lassen‘. Ich glaube schon, dass die Entscheidung für Christus nicht automatisch den Bruch aller menschlichen Beziehungen bedeuten muss

Aber es kann sein, dass in der konkreten Nachfolgesituation genau so etwas notwendig sein wird. Von Dietrich Bonhoeffer wissen wir, dass er in der konkreten Situation seines Lebens Freunde Familie kirchliches Amt und seine Verlobte hinter sich lassen musste, um seine Berufung zu leben, seine Teilnahme am Widerstand gegen Hitler.

Was Jesus predigt, könnte man Zölibat nennen: Unabhängigkeit von familiären und materiellen Bindungen. Frei Gutes zu tun, frei Verfolgungen zu ertragen.

Diesem zu folgen, der damals schon Menschen zur Nachfolge gerufen hat, kann mich mehr kosten als Kirchensteuer oder den Zehnten. Das kann bedeuten, Abschied zu nehmen von Bindungen, von Besitz oder Familie. Kann es bedeuten – aber es muss es wohl nicht in jedem Fall. Auf jeden Fall aber ist die Botschaft Jesu ein großer Eingriff in mein Leben. Er will mich verändern, mir helfen ein Mensch zu werden, der mitarbeitet an der Erfüllung des Willens Gottes mit den Menschen, an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Er will meine Denken, Tun und Lassen beeinflussen – aber nicht manipulieren.

Er lädt mich ein, ein Leben neu zu sortieren. Auch meinen Wunsch nach Nachfolge, meinen Wunsch, zu seiner Gemeinde zu gehören, sein Jünger zu sein.

Wie in unserer Geschichte: Drei Mal der Wunsch nach Nachfolge. Auch gute Wünsche gehen nicht immer in Erfüllung. Aber im Ernst wird nicht gesagt, was aus den Menschen wird, die wünschen, oder die berufen werden. Es wird nur deutlich gemacht, dass Jesus sie nicht im Unklaren darüber lässt, dass die Nachfolge an die Substanz geht, an die Substanz des Glaubens und an die Substanz des Lebens.

Nachfolge heißt Schritte tun. Und jeder Schritt hat Konsequenzen, die sehr hart werden können.

Umgekehrt können aber auch ‚heilige Pflichten‘ zu einem unheiligen Grund werden, dem Sinn meines Lebens davon zu laufen. Jesu Ruf in die Nachfolge entlastet mich weder vom eigenen Denken noch von der eigenen Gewissensprüfung. Ich muss hören und entscheiden – wissen, was mein Weg ist

Der Wochenspruch dieser Woche ist zugleich Abschluss unseres Predigttextes – vielleicht auch der geheime Mittelpunkt: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Hintergrund ist das Bild des Ackermanns, der hinter seinem Pflug hergeht. Der muss sich voll und ganz konzentrieren, darf sich nicht ablenken lassen, sonst wird die Furche krumm und schief. Da mögen die Verlockungen noch so groß sein. Wenn sein Werk etwas werden soll, dann braucht es die ganze Konzentration. Wenn unser Leben was werden soll – auch.

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