Hiob 2, 1-13 (Erprobung Reihe V): Großes Theater, ein großes Stück: das Leben

Großes Theater auf großer Bühne und auf dem Spielplan steht das Stück mit dem vielsagenden Titel: DAS LEBEN!
Und der Autor?
Nun ja, über die Autorenschaft könnte man jetzt streiten: ich war spontan geneigt zu sagen: auch das Leben, niemand anderes! Aber es scheint als ob die Agierenden, die Darsteller im ersten Akt das Stück selbst geschrieben und selbstverliebt inszeniert haben. So steht es auf dem Programm: Das Leben – von Gott oder dem Ankläger, dem geborenen Widerspruch und Widerredner, dem Stachel im Fleisch, dem Einflüsterer des Zweifels, der Verkörperung des Misstrauens, in welcher Rolle auch immer wir den Satanas sehen, „Nomen est omen“… „sage mir, wie du heißt und ich sage dir, wer du bist…“
Erster Akt: im Mittelpunkt ein rechtschaffener, anerkannter und erfolgreicher Mann. Nur Gutes kann man von ihm sagen, eine durch und durch ehrliche, friedliche und gerechte Haut, das Glück scheint ihm hold. Das ist fast schon unheimlich. Dem Erfolg misstrauen wir nämlich gerne und denken: so ganz kann das doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Sollte wirklich einmal der Gute, der Gütige, der Ehrliche vom Leben belohnt werden? Ist das mehr als nur eine Fassade, hinter der einer im Verborgenen genießt, was ihm eigentlich nicht wirklich zukommt, sich heimlich dabei ins Fäustchen lacht?
Hiob, was sollen wir nur von dir halten?
Wir vertrauen einfach darauf, dass Gott zurecht mit Stolz auf ihn verweist und damit prahlt, dass er uneigennützig an seinem Gott festhältst, ihm das Gute in seinem Leben dankbar zuschreibst und auch im Schlechten nicht sofort von ihm lässt. Denn darauf spekuliert der Widerpart, dass er nicht uneigennützig, ohne Berechnung, in guten und in schlechten Tagen fromm glaubt,sondern nur aus Kalkül. Dem Glücklichen und Erfolgreichen ist es ein leichtes an Gott zu glauben. Aber dem Geplagten, Gejagten, Gestraften, Leidenden? „Dem wird das fromme Vertrauen ganz schnell vergehen, du wirst schon sehen“, flüstert es auf der Bühne des Lebens.Oh, wie bekannt mir das doch vorkommt… Für den Erfolg klopfe ich mir gerne auf die Schulter, für den Misserfolg, das Leid und das Unglück suche ich gerne Verantwortliche, denen ich die Schuld in die Schuhe schieben kann: warum gerade ich, womit habe ich das verdient? Wo bleibt da die Gerechtigkeit, und erst recht die Güte und Barmherzigkeit?
Widerlegt du dich nicht selber, lieber Gott? (kurze nachdenkliche Pause) Da antwortet Einer, von dem man es nicht erwartet hätte, Unerhörtes, Unglaubliches auf den deutlichen und hinterlistigen Zweifel. Aus dem Mund des Geplagten, am Boden liegenden, eigentlich verzweifelten tönt es: haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? Kein Warum und Wozu! Keine Spekulation, ob das Böse auch aus Gottes Hand kommt oder ob der Böse damit im Widerstreit mit Gott liegt, einfach grenzenloses Vertrauen und ergebene Hinnahme.
Ich bin sprachlos!
Woher kommt nur solch ein Glaube, solch ein Vertrauen, solche eine Gottergebenheit, die mich entwaffnet, keinen weiteren Widerspruch duldet, auch nicht unter Tränen, auch nicht trotz aller Schmerzen…
Ein zweiter Akt fällt mir ein, auch große Bühne, großes Theater genannt das Leben, diesmal aber kein Publikum, nur stille Zweisamkeit: Gott und der Mensch.
Sie kennen das Stück. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber das Leben kann manchmal durchaus so kitschig sein, wie man es sich nicht ausdenken kann, emotional, gefühlsbetont, verklärt. So ist eben einfach nur das wahre Leben:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.,so wird erzählt. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn. Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. Besorgt fragte ich den Herrn: "Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?" Da antwortete er: "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen."
Das ist Glaube und Vertrauen, wie bei Hiob: Gott bewahrt mich nicht vor allem Bösen. Ich muss und kann gar nicht immer verstehen, warum und wozu. Wichtig ist die Gewissheit, dass Gottes Hand mich nie fallen lässt, sondern durch die schlechten Zeiten und tiefen Täler der Traurigkeit, der Not, der Verzweiflung durchträgt und mir einen neuen Morgen, einen neuen Tag, neues Licht und neues Leben schenkt. So möchte ich glauben können, auch wenn ich nicht allen alles erklären kann! Und die Hände und Arme die mich tragen wollen, sind die am Kreuz weit geöffneten und auf mich wartenden.
Einen dritten Akt schreiben wir heute morgen:
Diesmal liegt das ganze Leben noch wie ein unbeschriebenes Blatt, ein gerade geöffnetes Buch vor uns und wir kennen die Geschichten, die kommen, noch nicht.
Nur auf den ersten Blick ist es nicht unser Stück, sei es Drama, Tragödie oder Komödie, weil in unserem Leben viele Seiten schon dicht beschrieben, viele Geschichten schon erzählt sind: eben fröhliche und traurige, vom Kommen und Gehen, vom Lachen und Weinen, von Leben und Tod, von Flucht und Vertreibung, von Heimat und Geborgenheit, von Liebe und Streit, von der kleinen Welt, in der ich lebe und von der großen Welt, die mit ihren Nöten, Konflikten und Bedrohungen so vielen Angst macht. Aber selbst bei uns, sind mehr oder weniger viele Seiten noch unberührt, offen und unbeschrieben, und warten darauf, mit Geschichten des Lebens voll geschrieben zu werden.
Wir konnten doch auch für uns und unser Leben vorhin singen: Kind, du bist uns anvertraut, wozu werden wir dich bringen? Wenn du deine Wege gehst, wessen Lieder wirst du singen? Welche Worte wirst du sagen und an welches Ziel dich wagen?
Denn wir haben alle unsere Wünsche und Hoffnungen: möchten von Krankheit und Unfällen verschont bleiben, auf aufrichtige und wohlmeinende Menschen treffen, Liebe erfahren und lieben dürfen, wir möchten spüren, dass wir gebraucht werden und einen Ort finden, an dem wir zu Hause sind. In Beruf und Familie möchten wir Ziele setzen und erreichen, Freunde finden, in einer Welt des Friedens, in heiler Natur und Umwelt leben, um am Ende eines langen Lebens friedlich gehen und sterben zu dürfen. Freude, Fröhlichkeit und Leichtigkeit mögen sich mit Ernsthaftigkeit und Verlässlichkeit vereinen und Menschen nach Gottes Bild und Wunsch aus uns machen. Dafür ist keiner zu alt – aber vor allem am Anfang eines Lebens wünschen wir so, heute besonders für unseren Täufling.
Und ich kann in das Buch des Lebens all diese Wünsche und Hoffnungen hineinschreiben. Ich darf sie auch unter jedes abgeschlossene Kapitel meines Lebens erneut schreiben, weil kein Kapitel, kein Akt bisher das letzte meines Lebens und meines Buches war, sondern auch heute wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen wird..
Mit jedem neuen Tag dürfen wir uns erneut nach Gott ausstrecken, seine Hand suchen, die Geborgenheit ersehnen, die Kinder am oder auf dem Arm ihrer Eltern erfahren, und uns wieder und wieder als Kinder Gottes fühlen und entdecken, dass da ein Vater im Himmel wacht.
Der erste Akt war nur Theater und nicht wahrhaft Wirklichkeit, bestenfalls ein Abglanz, ein Schatten der Wirklichkeit… Ich glaube nicht an das willkürliche Feilschen um Menschen auf der himmlischen Bühne. Ich glaube daran, dass sich Gottes Sehnsucht nach einem jeden von uns und unsere Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit, wenn schon nicht vor den dunklen Augenblicken , dann doch zumindest in den dunklen Stunden, unsere Sehnsucht nach Gott, treffen und vereinen. Ich glaube an das Happyend des Evangeliums, das in jeder Taufe erklingt, das glückliche Ende des Matthäusevangeliums, Matthäi am Letzten, Jesu letzte, letztgültige Worte, die über allem im Leben das letzte Wort behalten. Mehr muss ich nicht wirklich wissen und verstehen, daran aber kann ich mich festhalten ein Leben lang, ja noch mehr: im Leben und Sterben: „»Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.«

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