Widerstand und Ergebung

Vor wenigen Tagen ist sie im Alter von 80 Jahren gestorben. Seit April letzten Jahres wusste sie, dass sie schwer, ja unheilbar an Krebs erkrankt ist. Eine intensive, medizinische Behandlung, Operationen und Chemotherapie hat sie von Anfang an abgelehnt und ist statt dessen ins Hospiz gezogen. Hier stand sie bis zum Schluss in Kontakt mit den Menschen, die sie liebte, die ihr geblieben waren, mit denen sie Wegstrecken gemeinsam zurückgelegt hat.
Luise Schottroff war eine streitbare und deshalb auch umstrittene Theologin, sie war Feministin, sie war friedensbewegt, sei war eine der Frauen, die sich früh trotz allem ihren Platz in der theologischen Lehre erkämpft hat. Sie war Kirchentagsrednerin und kritischen Bibellesern ein Begriff und eine Instanz. Sie war auf ihre Art auch Fundamentalistin… weil ihr die Bibel zeit ihres Lebens Fundament, Quelle und Richtschnur ihres Denkens, Redens und Handelns war.
Man konnte sich an ihr ärgern, o ja!
Sie nahm die Bibel auf eine fordernde Art und Weise ernst und wörtlich, dass sie schwer zu entkräften war. Sie traute den Worten, besonders den Worte Jesu zu, dass sie meinten, was sie sagten und nicht erst übertragen und interpretiert werden mussten. Sozialkritik und Gesellschaftskritik in der Bibel mussten nicht übersetzt, sie mussten zu Gehör gebracht werden, ihnen musste Geltung verschafft werden.
Ihre Stimme schweigt jetzt.
Sie hatte sich entschieden, ihren Weg auf der letzten Etappe im stillen Einverständnis mit ihrer Endlichkeit und dem nahen Tod zu gehen; sie wusste, dass sie sterben musste. Sie wollte nur, dass dies in Würde und weitgehend schmerzfrei geschieht. Und die Menschen, die ihr nahestanden, haben das respektiert, sind diesen Weg mitgegangen und haben erst gar nicht versucht, gegen das Unausweichliche zu kämpfen oder bis zum Schluss das Zwangsläugfige zu ignorieren, zu leugnen. Manchmal mussten sie sich dazu zurücknehmen, weil sie gerne Mut gemacht hätten, doch den Kampf um Tage oder Wochen aufzunehmen, aber sie hatten keine Antwort auf die Erwiderung, dass sich dies nicht um jeden Preis lohnt.
Vielleicht sagt solche Haltung mehr über die Einstellung zum Leben und über die Kraft christlicher Hoffnung als viele Worte. Dabei weiß ich gar nicht, wie Luise Schottroff die Frage nach einem Leben nach dem Tod für sich beantwortet hätte. Ich kann mir aber vorstellen, dass für sie auch galt, was am Grabe Dorothee Sölles von Bischöfin Wartenberg-Potter gesagt wurde: „sie wollte im Tod ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, das genüge ihr, sagte sie. Denn auch ein Tropfen vermehrt die Kraft des unermesslichen Meeres, auch ein Tropfen tritt ein in die Tiefe des Seins.“ (Mystik des Todes, S. 153)
Nun war Luise Schottroff achtzig Jahre alt und konnte auf ein ganzes mit Leidenschaft und Einsatzbereitschaft erfülltes Leben zurückschauen. Für manchen mag da das Ende seinen Schrecken schon ein Stück weit verloren zu haben und statt dessen die Sehnsucht nach Ruhe und paradiesischem Frieden wachsen. Aus dem „Muss“ der Sterblichkeit scheint vielleicht das „Dürfen“ der Ruhe und des Friedens hindurch. Mehr als diese Gelassenheit und Leichtigkeit am Ende meines Lebensweges kann ich mir eigentlich auch nicht wünschen. Aber selbstverständlich ist sie nicht.
Schon beim Lesen der ersten Leidensankündigung Jesu spüre ich in mir die Unruhe und die Auflehnung, die auch schon die Bibel als Erinnerung bewahrt und erzählt.
Der Menschensohn muss leiden und verfolgt werden?
Müssen Menschen leiden?
Gibt es Leben nur zu diesem Preis?
Die Frage nach dem „Warum“ kennt eigentlich kein Alter und sich zu einem leichteren „Wozu“ durchzuringen, braucht Erfahrung, Vertrauen, Mut, vielleicht auch ein bisschen Fügung.
In unserer Natur liegt es, zu hadern, zu zweifeln, zu kämpfen, mit Gott oder dem Schicksal zu ringen, bis in der Morgenröte nach durchkämpfter Nacht die Kräfte schwinden, der Gegner abhanden kommt oder jeder/jede sich in das Unvermeidliche fügt. Und mancher und manche entwickeln solche Energie, bekommen soviel Kraft in diesem Kampf geschenkt, dass sie nicht nur auf Zeit anders leben lernen, sondern überleben, wie neugeboren, geheilt an Körper, vor allem aber an Seele und Geist.
Jesus scheint auf den ersten Blick diese Kämpfe schon hinter sich zu haben, denn der Widerstand und der Widerspruch kommen nicht aus ihm heraus, sondern aus dem Mund der Freunde. Petrus will sich nicht fügen und abfinden. Und eigentlich kann es keinen größeren Freundschaftsbeweis geben, als dass einer, wenigstens einer die Hoffnung noch nicht aufgibt. Wer sagt denn , dass dieses Schicksal zwanghaft vorbestimmt und festgelegt ist.
Ich glaube nicht an die Vorherbestimmung aller Dinge und Verhältnisse, sondern an die Kraft und Fähigkeit Leben und Verhältnisse zu ändern, sich zu verändern und Gottes Herz mit Bitten, Danken und Flehen zu erreichen und zu bewegen.
Ich glaube aber ebenso, dass es gut ist, sein Leben und auch sein Ergehen an bestimmten Punkten im Leben anzunehmen, um Kräfte nicht in vergeblichen Kämpfen zu vergeuden.
Ich halte beides, Widerstandskraft und Ergebung (D.Bonhoeffer), für eine Gabe und eine Frucht des Glaubens.
Aber am Ende gehört zur Weisheit des Lebens dazu, den Tod als einen Teil des Lebens anzuerkennen und ihn nicht nur als Feind zu bekämpfen. Das wäre ein rein menschliche Perspektive, die keine Hoffnung kennt, sondern nur vergeblich versucht, verrinnende Zeit festzuhalten.
Die Perspektive des Glaubens, der mit Gott rechnet, ist es, daran festzuhalten, dass keiner im unendlichen Meer der Liebe und der Gerechtigkeit Gottes untergehen und verloren gehen kann, auch wenn die Zeit des Lebens begrenzt und kurz ist.
Wer sollte das besser glauben, hoffen, wissen und leben als der Menschensohn, der in seinem unendlichen Gottvertrauen als der Gottessohn erkennbar ist.
Natürlich ist sein Weg an das Kreuz ein erzwungener, gewaltsamer, der ihm die Möglichkeit nimmt , sein Leben in Frieden und in Erfüllung bis an sein natürliches Ende zu leben. Natürlich ist sein Tod Unrecht, ist er Opfer, ist er mehr Schrei der Verzweiflung als Antwort auf alle offenen Fragen des Lebens.
Aber mit ihm erreichen alle Schreie und alle Fragen, jedes Warum und erst recht jedes Wozu das Herz Gottes.
Mit ihm wird wird alle Ungerechtigkeit und alle Gewalt, aller Unfrieden und aller Machtmissbrauch Gott als Not und Hilferuf ans Herz gelegt, in seine Unendlichkeit verlängert, dem Vergessen und Versinken entrissen.Und Gott: er lässt sich berühren und bewegen, bekennt sich zu seinem Menschensohn und zu allen Menschenkindern als seinen Geschöpfen.
Er will nicht, dass jemand sich verliere oder verloren gehe.
Und er zeigt zugleich, dass Leben weit mehr als eine erstaunliche Anzahl von Jahren ist.
Mit 106 wie die älteste Zehdenickerin muss ich nicht reicher sein als der 60jährige, der in Frieden von seiner Familie mit dem Glück erfahrener Liebe und guter Freunde Abschied nehmen kann, nur weil ich mehr Jahre mein eigen nennen kann.
Es ist ein lebenslanges Üben und Lernen, das Leben aus Gottes Hand zu nehmen: als ein Geboren werden und Sterben, ein Kommen und Gehen, ein Gewinnen und Verlieren, ein Lachen und ein Weinen, darüber all die nicht zu vergessen, die sich mehr auf der Verliererseite wiederfinden und dankbar zu bleiben für allen Reichtum, alle Zufriedenheit, alle Bewahrung und ebenso alle Bewährung.
So schließt sich der Bogen in der Leidensankündigung Jesu: „der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden“.
Aber ebenso: „was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus .

drucken