Lebensgewinn durch das Kreuz

Liebe Schwestern und Brüder!
"Jeder von uns muss sein eigenes Kreuz tragen", so lautet sinngemäß die Abwandlung eines Bibel- und Sprichwortes, das besagt, dass niemand von uns seinem persönlichen Schicksal, der eigenen Trauer, seiner Angst und seinen Sorgen, aber auch den eigenen Schmerzen ausweichen kann. Keiner von uns kann sich diesen dunklen und traurigen Lebenssituationen, in denen man „sein eigenes Kreuz tragen muss“, entziehen.
Doch wie oft würden wir gern vor solchen Situationen fliehen, wie häufig versuchen wir dem Schweren im Leben aus dem Weg zu gehen?
Wie oft verdrängen wir das Unangenehme oder Traurige?
Wie vielfach drücken wir uns vor schwierigen Entscheidungen?
Und es ist ja auch menschlich und vermeintlich einfacher ernsten Konflikten aus dem Weg zu gehen als ein schmerzliches Gespräch zu führen, das die Probleme, Konflikte oder Missverständnisse ausräumt?!
Der traurigen Realität ins Auge zu blicken ist nun mal anstrengender als den vielen kleinen und großen Lebenslügen zu folgen, die das Leben vermeintlich verschönern.
Dennoch ist und bleibt es ein Zeichen unserer menschlichen Existenz, dass Leid, Sorgen, Ängste und Konflikte nicht an uns vorübergehen.
Das Kreuz der Wirklichkeit ist manchmal erbarmungslos und anscheinend ohne Gnade und Aufschub, auch wenn wir es nicht wahr haben wollen, verdrängen oder durch vermeintliche Lebensplanung aus unserem Leben fern halten wollen.
Da wird viel dafür getan, um den krummen und holprigen Wegstrecken des Lebens aus dem Weg zu gehen.
Ja selbst die Erhaltung des Lebens samt seiner Lügen um jeden Preis wird angestrebt.
Doch wir wissen keiner lebt ewig und nicht immer erfreuen wir uns prächtiger Gesundheit.
Gott ist für die guten und erfolgreichen Seiten des Lebens da. Oder noch anders: In den schönen Zeiten des Leben wird gar kein Gott benötigt und in den schlechten soll er gefälligst anwesend sein und unsere Probleme mit einem Wunder oder Fingerschnippen lösen.
Das Schlechte, die bittere Wahrheit, die schön geredete Wirklichkeit oder die ausgeblendete Realität, dies alles soll als Kelch an uns vorübergehen.
Ja diese Haltung ist verständlich und das Verdrängen und Verschließen der Augen vor der eignen Realität bleibt zutiefst menschlich und auch nachvollziehbar.
Nur Leid, Katastrophe und der Tod führen uns vor Augen wie abrupt sich das Leben ändern kann. Von jetzt auf gleich und plötzlich und unerwartet wie es in Traueranzeigen lautet.
Das alles wusste auch der Freund und Mitstreiter Jesu mit Namen Simon Petrus. Dieser Petrus, der später nicht den Mut hatte im entscheidenden Moment zu Jesus zu halten. Er verleugnete ihn und stritt ab ihn zu kennen. Dieser Petrus versuchte Jesus davon abzuhalten solche tiefen Wahrheiten über die menschliche Existenz auszusprechen.
Text verlesen!
"Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!"
Christliche Nachfolge bedeutet also, dass wir unser Kreuz tragen müssen. Und dann heißt es:
"Und wer sein Leben verliert um meinetwillen und des Evangeliums willen, der wird’s erhalten."
Ein paradoxer, ein widersinniger Satz:
Lebensgewinn durch Lebensverlust?
Und doch die einzige Wahrheit, die uns Christen durch unsere Existenz, durch unser Leben trägt.
In der Nachfolge Christi verliere ich mein herkömmliches Leben und gewinne ein neues. Das ist eine unumstößliche christliche Wahrheit, eine tiefe Glaubenswahrheit.
Nochmals: Lebensgewinn durch Lebensverlust?!
Und das alles durch die Nachfolge Christi?
Ja, so denkt jetzt mancher: Das mag wohl für einige wenige ausgewählte Christen gelten. Christliche Märtyrer oder katholische Heilige. Aber gilt das für die Mehrzahl von uns?
Wer von uns ist schon ein Martin Luther King oder ein Dietrich Bonhoeffer, der selbst dann noch trösten konnte, obwohl er den Tod im Konzentrationslager vor Augen hatte?
Wer will sich mit Albert Schweitzer oder mit Mutter Theresa vergleichen?
Nun, diese Menschen waren außergewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche Taten vollbracht haben.
Und das ist auch gut so, denn solche Menschen muss es hin und wieder geben, um uns zu zeigen, welche Früchte der christliche Glauben hervorbringt.
Die meisten von uns sind aber eher wie der Petrus, der im entscheidenden Moment seines Lebens Angst hatte, der seine Freundschaft verleugnet hat und davon lief.
Und trotzdem ist auf diesen Petrus, was auf Deutsch „Fels“ heißt, die christliche Kirche gebaut worden. Mit Menschen, die genau die gleichen Fehler und Schwächen hatten, wie wir sie auch haben.
Denn Mensch sein heißt auch schwach, unvollkommen, ängstlich und sündig zu sein.
Nicht jeder von uns kann ein Dietrich Bonhoeffer oder eine Mutter Teresa sein. Aber solche Menschen muss es immer wieder geben, um uns zu zeigen, welche Möglichkeiten und Verheißungen ein christliches Leben haben kann. Solche Menschen sind ein Silberstreif an einem sonst so dunklen Horizont.
Und doch gibt es auch viele vermeintlich unbedeutende und bescheidene Menschen, die die Nachfolge Christi ernst nehmen und wenig spektakulär und auf ihre bescheidene Weise Licht in unsere dunkle Existenz bringen.
Nachfolge kann viel bedeuten in unserem Leben. Und Nachfolge hat auch viele gute Wege ins Leben.
Nachfolgen heißt auch, einen Menschen ein Stück zu begleiten auf der oft so schwierigen Wegstrecke.
Kinder, Freunde, Partner, auch Fremde.
Nachfolgen heißt auch, einfach in den Arm nehmen, um zu trösten.
Für jemand da sein, ihn in den Arm nehmen und verstehen. Auch den Weg mitgehen.
Nachfolgen heißt auch, nicht wegsehen, wenn es unangenehm wird.
Auch den Mut und die Courage zu haben, zu widerstehen.
Nachfolgen heißt, aktiv zu handeln, wenn es zu helfen gilt, auch und vor allem dann, wenn dieses Helfen nicht meinem persönlichen Vorteil dient.

Vielleicht fallen Ihnen jetzt noch eigene Beispiele ein, in denen sie Jesus und dem christlichen Glauben nachfolgen können.
Aber bei dieser Geschichte bleiben wir ja nicht bloß beim Kreuz stehen, dem wir alle mehr oder weniger im Leben nachfolgen müssen, weil wir alle unser eigenes Kreuz tragen müssen.

Liebe Schwestern und Brüder, das christliche Kreuz ist ein Symbol, ein Zeichen des Sieges. Durch die Kreuzigung hat Jesus für uns den Tod überwunden und uns die Auferstehung von den Toten geschenkt.
Und wer sich in die Arme des Gekreuzigten gibt, der gibt sich in Gottes offene Arme.
Am Kreuz hat sich unser Gott in die tiefsten Regionen der Menschlichkeit begeben. Durch den Kreuzestod ist Gott uns Menschen ganz nahe gekommen. Unser Gott ist ein Gott, der mit uns leidet.
Seine Arme sind für uns da.
Und insofern ist das Kreuz unserer christlichen Wirklichkeit ein Kreuz, das den Sieg des Lebens über den Tod symbolisiert. Die Kreuzigung und das Kreuz sind nicht das Ende, sondern ein Neuanfang. Ein Neuanfang, bei dem Gott uns seine ganze Menschlichkeit offenbart. Gott ist Mensch geworden, um uns zu erlösen.
Das bedeutet, dass Gott uns in den Situationen, wo uns das Kreuz der Wirklichkeit plagt und quält ganz nahe ist. Gottes Nähe ist uns gewiss, auch wenn es so scheint als sei Gott nicht anwesend.
Gott ist denen nah, die ihr Leben verlieren.
Gott ist bei denen, die sich einsam und verlassen fühlen.
Gott ist bei denen, die eine Tat oder Schuld bereuen.
Gott ist auch bei denen, die durch eine schwere Krankheit gequält werden oder bei denjenigen, die um einen geliebten Menschen trauern.
In einem Gebet von Dietrich Bonhoeffer kommt dieses Paradoxe vom Lebensgewinn durch Lebensverlust sehr schön zum Ausdruck und deswegen spüren und schätzen so viele Menschen diese Wahrheit in den Gebeten Dietrich Bonhoeffers:

Morgengebet aus dem Gefängnis
(Dietrich Bonhoeffer)
Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages.
Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu dir; ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht,
Lob und Dank sei dir für den neuen Tag.
Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben.
Du hast mir viel Gutes erwiesen, lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auflegen, als ich tragen kann.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.
Herr, was dieser Tag auch bringt, dein Name sei gelobt!
Amen.

In der Geschichte heißt es:
"Wer sein Leben um meinetwillen um des Evangeliums willen verliert, der wird’s erhalten.
Unser Lebensgewinn ist die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben.
Ich finde, ein großer Trost im Leben und auch gerade dann, wenn uns das Kreuz der Wirklichkeit zu tragen gibt, fast schon erdrückt, dann spüren wir die tröstenden und ausgestreckten Arme des Gekreuzigten. Er ist für uns da und durch ihn erhalten wir das Leben.
Amen.

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