persönlich, politisch und schöpferisch – Gottes Wort

Zumindest darin waren sie sich einig: das wichtigste am Sonntagsgottesdienst ist die Predigt. Vor allem deswegen machten sie sich am Sonntag morgen auf. Natürlich waren auch die Lieder und Gebete wichtig, es gab außerdem dem (Sonn-)Tag einen besonderen Charakter, wenn man ihn mit einem Gottesdienst begann. Im Alltag bliebe ja so wenig Zeit, sich grundlegend mit Gott und der Welt, dem Leben und der Hoffnung zu beschäftigen. Dann hörte aber die Gemeinsamkeit auch schon fast auf… Denn was eine gute Predigt ausmacht, das beurteilten sie ganz unterschiedlich.
Letzten Sonntag beispielsweise erinnerte der Pfarrer an die Befreiung der Konzentrationslager vor 70 Jahren und das unsägliche Leid der Lagerhäftlinge über viele Jahre hinweg. Die Erinnerung war alles andere als schön. Und so fand die eine, es müsste doch endlich einmal Schluss sein, mit der ganzen Schuld- und Erinnerungskultur. Sie wollte am Sonntag erbaut, seelisch gestärkt und erhöht werden.
Ganz anders ihre Schwester: sie fand es gut, dass gerade angesichts der angespannten Weltlage, des religiös begründeten Terrors und der undifferenzierten Artikulation von Ängsten auf deutschen Straßen von den Kanzeln noch viel deutlichere klare Worte an die Christen- und an die Bürgergemeinde gerichtet werden. Sie war eine ausgesprochene Freundin der politischen Predigt, die sich einmischt und klar macht, dass die Kirche sich nicht aus der Welt zurückziehen kann.
Beide waren sich wohl aber doch einig darin, dass eine enge Bindung an die Heilige Schrift, eine Orientierung an der Bibel, die ihnen seit Kindertagen sehr vertraut war, genau das leisten kann und leisten will: persönliche Erbauung, Trost und Hoffnung auf der einen Seite, politisch eine klare Kante und eindeutige Orientierung auf der anderen Seite.
Sie kannten sowohl Menschen – und zählten sich dazu – die in ihrem Leben unglaubliche Schicksalsschläge und Herausforderungen mit ihrer Bibelfrömmigkeit bewältigt haben als auch gesellschaftlichspolitisch engagierte, die dies als Christen und mit der Orientierung aus Glauben taten und wünschten sich viel mehr Menschen dieses Formates.
Am Sonntag diskutierten sie oft lebhaft das Gehörte, stimmten zu oder widersprachen zumindest in ihrer privaten Diskussion heftig. Und im Alltag gab es keinen Morgen, an dem sie nicht aus dem Losungsbüchlein ein Wort für den Tag lasen und in ihren Alltag mitnahmen.
Was macht also eine gute Predigt aus und was ist das besondere an diesen Worten, mit denen sich der Prediger und seine Hörer und Hörerinnen am Sonntag so quälen und im Alltag so ganz persönlich und direkt mit auf den Weg nehmen?
Ich glaube es ist das Wort selber, das jeder Predigt und dem den Alltag trotzenden Glauben zu Grunde liegt.
Die Bibel ist Gottes Wort, sagen wir. Das Wunder besteht darin, dass Gott aus Worten, die so alt, aber auch so angefüllt sind mit Leben und Erfahrung, zu Menschen spricht. Das Geheimnis des Gotteswortes lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln einfangen. Wer es dort als etwas Nachweisbares sucht, wird es nicht finden, sondern wird nur menschlich-allzu menschlichem begegnen. Wer aber ernst nimmt, dass da von Menschen die Rede ist und dass da Menschen von sich erzählen und berichten, die aus dem Vertrauen auf Gott und seine Zusage hin leben, dem werden in ihren Erfahrungen und Worten Gottes Anmutungen und Zumutungen begegnen. Wer so liest und hört, so weltlich und so erwartungsvoll, der darf an die alten Worte und Geschichten mit der Frage herangehen, „was würde Jesus dazu sagen?“ und „was will Gott mir damit sagen“. Und damit kann etwas angestoßen werden, was in mir Kreise zieht, nicht mehr verstummt, mich verändert, bewegt und bestimmt.
Nicht weniger, vielleicht aber auch nicht mehr dürfen wir vom Gottesdienst am Sonntag morgen, wie die beiden Schwestern, die so unterschiedlich gemeinsam glauben, erwarten.
Gut evangelisch ist ihnen der Gottesdienst, was Martin Luther ihm bei der Einweihung des ersten evangelischen Kirchenbaus in Torgau zugetraut hat: das Gott mit uns redet und wir ihm mit Lied und Gebet antworten. Das dies nicht immer eindeutig geschieht, zeigen die Gespräche auf dem Heimweg und die unterschiedlichen Einschätzungen, ob nun Gottes klare Stimme am Morgen zu hören war oder eher doch verzerrt und verdunkelt, vielleicht nur als Rauschen rüberkam.
Ich bin misstrauisch, wenn allzu oft und allzu eindeutig Menschen wissen, was Gott sagt, ja mehr noch, was Gott zu sagen hat, als ob wir es besser wüssten als er selbst.
Aber schon immer sind Menschen aufgetreten mit dem Anspruch allein Sprachrohr Gottes zu sein und klare Ansagen machen zu können und oft genug, lag in diesem religiösem Fundamentalismus und Radikalismus die Quelle von Unfrieden und Gewalt. Das macht mich heute vorsichtig gegenüber jeder Form von religiösem Eifer mit Berufung auf göttliche Autoritäten und Worte.
Gottes Wort war immer umstritten und ist genauso wenig zeitlos gültig und eindeutig wie das Leben.

Menschen reagieren von totaler Überwältigung über kontruktiv-kritische Zustimmung bis hin zu radikaler Ablehnung auf das, was ihnen an Glaubenserfahrung und Glaubenszeugnis in der Bibel begegnet.
Wenn ich das Gleichnis Jesu richtig verstehe, galt das von Anfang an. Von unbedingter Zustimmung bis Wirkungslosigkeit reichte schon immer die Bandbreite dessen, was Bibelworte mit Menschen anstellten.
Und wir haben es nicht in der Hand. Es mag auch an den Einstellungen und Erwartungen liegen, aber es gibt die Erfahrung, dass jemand von der Bibel nichts erwartete und total überwältigt wurde oder dass sie sehnsuchtsvoll suchte und alles abklopften und dieses Buch stumm blieb, keine Antworten gab.
Auf keinen Fall ersetzt es die eigene Auseinandersetzung und das eigene Nachdenken. Gott denkt nicht vor, damit wir unreflektiert nachbeten. Er stößt eher Prozesse der Bewusstseinsbildung und Meinungsprofilierung an. Er ist eindeutig nur, wenn es um seine Parteinahme für den Menschen, für das Prinzip Gerechtigkeit und für das Leben geht. Er ist eindeutig, wenn es um Leidenschaft für die Schöpfung und Frieden in der Schöpfung geht. Die Auseinandersetzung um die richtigen Wege dahin und dazu , erspart er uns aber nicht. Deswegen kann man auf dem Heimweg auch über eine Predigt streiten und dennoch erwarten, dass Gott in ihr nicht nur zur Sprache kommt, sondern das Wort ergreift und etwas verändert.
Noch einmal will ich mich auf Martin Luther berufen, der Predigern Mut zur Verkündigung machte, in dem er sie daran erinnerte, dass sie auf Christus hinweisen sollen, ihn immer also vor sich haben, und dass sie in seinem Namen predigen, ihn also hinter sich wissen dürfen.
Was macht nun also eine gute Predigt aus?
Ob diese hier gut ist, müssen sie mir nicht beantworten.
Ich hoffe lediglich, dass sie Mut macht mit dem Wort der Bibel umzugehen, Sonntags und Alltags. Ansonsten fand ich die Hinweise in einem Aufsatz zur Frage nach einer guten Predigt sehr hilfreich (immer unter der Maßgabe, dass unser Bemühen nur die halbe Wahrheit ist, Gottes Segen und Wirken aber erst alles zum Tragen bringt), der sagte: „Sollte ich beschreiben, was für mich eine gute Predigt ausmacht, so würde ich die Adjektive biblisch, politisch und kreativ verwenden.“ (Alexander Deeg, ZZ 2/2015 S.10).
Und ich würde das Stichwort „persönlich“ ergänzen, damit nicht der Eindruck entsteht als ginge es immer nur darum anderen etwas ins Stammbuch zu schreiben, das mich aber eigentlich nichts angeht.
Die Bibel ist ein Buch des Lebens und voller Glauben und Leben. Menschen entdecken in ihr und mit ihr die Welt und verstehen sie als Gottes Welt. Deshalb ist sie politisch. Dabei begreifen sie ihr Leben als Geschenk des Schöpfers. Und das weckt neue Kräfte und Hoffnung in ihnen. So wirkt sie schöpferisch, kreativ, Leben- und Bewusstsein verändernd. Deshalb lohnt es sich immer und immer wieder das Wort Gottes, den Schatz biblischer Geschichten und Erfahrungen unter die Menschen zu bringen, wie ein steter Sämann. Das ist wichtiger als die permanente Frage der Optimierung der Ernte. So schenke uns Gott dann offene Ohren und Herzen, mutige Hände und eine lebendige Hoffnung heute und alle Tage

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