Leiden gehört zu Leben

Leiden gehört zum Menschsein dazu.

Solche Gedanken äußern wir immer mal wieder, wenn wir uns beruhigen wollen, dass das Leben kein Ponyhof ist. Woanders kosten solche Sätze 5€ fürs Phrasenschwein. Ich finde sie trotzdem wichtig.

Weil es wichtig ist, festzuhalten, dass Leiden keine Störung des Lebens sind, keine unnötige Begleiterscheinung, sondern zentral zum Leben dazugehören, zum Menschsein erst recht.

Auch wenn wir uns gerne dagegen wehren: Leiden gehört zum Leben und ist manchmal ein Gewinn. Weil es eine Erfahrung von Grenzen ist.

Trotzdem wollen wir von eigenem Leiden oder von Leiden eines uns wichtigen Menschen nicht viel wissen. Das geht schon Petrus in Bezug auf Jesus so:

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Petrus – der Abwehrende, der pragmatisches Leben sucht. Er zeigt sich hier als der, der ganz nah bei Jesus ist, und der gerade darum ihm auch ins Wort fällt. Der erste Jünger ist auch der, der immer wieder der Versuchung erliegt, Hütten zu bauen oder dreinzuschlagen. Oder eben hier: Mit List und Tücke dem Leiden zu entgehen. Er muss es sich gefallen lassen, dass Jesus ihn als Gesandten Satans anspricht. Das erschrickt, weil wir oft in Jesus den sanften, den gütigen, den verständnisvollen Sohn Gottes sehen. Aber Jesus ist eben nicht nur das. Er ist auch Mensch, der sich Versuchungen ausgesetzt sieht. Und der die Versuchung, Leiden zu vermeiden vehement abwehren muss. Der weiß, dass es Situationen gibt, in denen er hart werden muss, weil es Schlimmeres gibt, als körperliches Leiden.

Mit einer klaren Begründung: ‚was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?‘

Jesus entscheidet sich, was wirklich wichtig ist, auch wenn diese Entscheidung weh tut, auch wenn er den gut meinenden Petrus derart in die Schranken weisen muss. Den Schaden an seiner Seele, erkennt er als wesentlicher. Schaden an der Seele, das ist, wenn ich das Ziel meines Lebens verfehle, wenn ich meine Rolle im Leben nicht annehme, wenn ich nur für mich lebe. Schaden an der Seele, das hat zur Folge, ich kann mich selber nicht mehr leiden, ich finde mich selber unglaubwürdig.

Die Versuchung ist immer groß, dem Leiden aus dem Wege zu gehen, vielleicht noch größer die Gefahr, meiner Verantwortung auszuweichen. Dagegen spricht Jesus hier von dem Kreuz, das Menschen freiwillig auf sich nehmen, weil sie ihre Verantwortung spüren. Das Leid, das sie freiwillig erdulden. Man mag gerade jetzt 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs an Dietrich Bonhoeffer denken, oder an Mutter Teresa, die dorthin gegangen ist wo es weh tut, man mag aber auch an die vielen einzelnen Menschen denken, die sich wehren gegen Unrecht in China, Russland, Katar. Die sich immer schon gewehrt haben gegen Unrecht, die vor 80 Jahren Juden versteckt haben oder im Mittelalter Frauen geschützt haben, die der Hexerei verdächtigt wurden oder die heute Menschen schützen, die gemobbt werden.

Dass Kreuz – es gehört zu Jesus dazu und auch zur Verkündigung seines Wortes. Es gehört auch in das Leben dieser Welt. Das Kreuz der Verfolgten Christinnen und Christen in Syrien, im Irak, in Saudi-Arabien genauso wie das Kreuz der Unterdrückten und Ausgebeuteten in Bangladesch oder Pakistan, in Taiwan oder China.

Das Leiden gehört zum Leben dazu. Und besonders zur Nachfolge dieses Herrn Jesus Christus, der kein triumphaler Herrscher ist, sondern der als Mensch leidet an den Menschen und mitleidet dort wo Menschen Leid erdulden müssen. Der das Leid trägt bis zum Tode am Kreuz mit einer Konsequenz, die mich nur erschrecken lässt. Und der trotzdem, die Menschen, die das alles nicht aushalten können, Judas und Petrus an seinen Tisch zu seinem Mahl einlädt.

Dieses Wort Jesu ist ein Lebenswort. Kein Wort der Leidensbejahung. Das ist so eine christliche Unsitte, jedes Leiden schönzureden, indem man es als Abbild des Leidens Christi sieht. Nein Leiden ist schlimm – in jedem Fall. Und Menschen, die leiden haben unser Mitgefühl, unsere Sympathie verdient, auch wenn sie ‚selbst Schuld‘ sind.

Aber Leiden muss ertragen, wer Leben will. Dieser banale Satz beschreibt unser Leben. Und NachfolgerInnen Christi sind wir dann, wenn wir das ernst nehmen, wenn wir unser Leiden annehmen und mit ihm umgehen und wenn wir darüber das Leiden unserer Mitmenschen nicht übersehen.

Wir dürfen Leben genießen, wenn wir bereit sind auch das Leiden anzunehmen.

Die Karnevalszeit kann da als Beispiel dienen. Karneval kann nur glaubhaft feiern, wer bereit ist, auch die Fastenzeit anzunehmen. Nur wer Beides tut: Fröhlich Leben und Leiden aushalten, der wird das Leben in seiner ganzen Fülle erhalten. Zum Leben gehört das Leiden auszuhalten. Das eigene genauso wie das Leiden der Menschen, die Gott an meine Seite stellt.

Bonhoeffer in seiner eigenen Art hat seiner Kirche das so erklärt: Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen. Schöne Gottesdienste sind nur dort schön, wo auch das Leid der Menschen wahrgenommen wird. Das Leben genießen kann nur der, der bereit ist, es auch zu erleiden.

Und Gemeinde ist dort am Lebendigsten wo sie Brot und Wein teilt mit ihrem leidenden Herrn in der Mitte.

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