(Erprobung Johannes 12, 32- 36): Gott kennt keinen Schlussstrich!

Er wagte es nicht, den Blick zu erheben, weil er wusste, was er sehen würde und kaum aushalten konnte.
Er wollte die Augen geschlossen halten oder zu Boden schauen, um seinen Peinigern nichts ins Gesicht schauen zu müssen. Waren es nicht auch menschliche Gestalten und sahen sie nicht auch mit ihren eigenen Augen in die Gesichter von Menschen?
Er wollte und konnte nicht den Himmel über sich sehen, offen und weit, weil diese Weite und grenzenlose Freiheit nicht ihm und seinen Gefährten galt.
Er spürte nicht mehr die Sonne auf der Haut, weil in ihm alles erstorben und erfroren schien, was an Gefühlen wie Glück, Liebe, Leichtigkeit und Fröhlichkeit einmal da war.
Aber er musste, wie alle anderen aufschauen und aushalten, was für sie zur Abschreckung und zur Strafe inszeniert und vollstreckt wurde.
Er sah den Tod von Mithäftlingen am Galgen und durfte beim Todeskampf des Jungen nicht wegschauen.
Er hörte den verzweifelten Schrei: wo ist denn nun Gott? Und ebenso die Antwort aus der Mitte der Menge: dort, dort hängt er am Galgen!
Dort stirbt mit Jedem Gott einen qualvollen, sinnlosen, brutalen Tod.
Als die Befreier kamen, hätten sie wohl gerne weggeschaut, aber sie mussten über Berge von Leichen, sahen Menschen zu Skeletten abgemagert mit nur noch einem Hauch von Leben in sich, während die Schornsteine noch qualmten.
Am 27.Januar 1945, also in der gerade zu Ende gegangenen Woche vor siebzig Jahren, wurde Auschwitz von der roten Armee befreit, aber selbst als das auch anderswo schon abzusehen war, hörte das Morden und Töten nicht auf, der Todesmarsch auf den Straßen vor unseren Haustüren und Orte wie Sachsenhausen und Ravensbrück in unserer direkten Nachbarschaft erinnern daran.
Wer an diese Orte kommt, senkt betroffen, voller Scham und Trauer die Augen.
„Jetzt muss doch endlich mal Schluss sein…“ reden uns manche dennoch schon seit Jahren ein. Es muss doch mal ein Schlussstrich gezogen werden, als könnte ich Geschichte damit beenden, mich der Verantwortung und der Betroffenheit, die zum Schutz werden kann, entziehen.
Noch können Überlebende des Holocaust erzählen, tragen sie Spuren und Wunden unvorstellbaren Leidens an Körper und Seele – wie könnte da ein Schlussstrich möglich sein? Sicher haben Menschen auch in dieser Zeit unberührt und unbeteiligt von dem, was in den Lagern geschah und auf die Kriegsschauplätze Europas hinausgetragen wurde, ein alltägliches Leben mit dem kleinen Glück und den privaten Tragödien , die uns ausmachen, geführt; sind als Verführte und Geblendete oder als Verführer und Blender am Ende auch Opfer des Krieges und der Schreckensherrschaft geworden. Das Böse, das Abgründige, das alles Verdunkelnde, die Finsternis, die Leben im Keim erstickt, ist kein Phantasieprodukt, um Nervenkitzel zu erzeugen, sondern brutale Wirklichkeit und menschliche Möglichkeit.
Geschichte ist nie zu Ende, sie lässt uns nie los, streckt ihre Hand nach uns aus und wir können und dürfen uns ihr nicht entziehen.
Es ist erfreulicher, sich als Kulturnation an Goethe und Schiller, als geschichtsbewusste Nation an Karl den Großen und Bismarck zu erinnern, als an Hitler, Goebbels und Himmler. Aber es geht nicht um Freude, sondern um Verantwortung und dabei geht es dann nicht nur um die Vergangenheit, sondern ebenso um die Zukunft, um unser aller Zukunft und derer, die nach uns kommen. Geschichte kennt keinen Schlussstrich. Sonst wäre auch unser Erinnern und unser Gedenken, unser Gedächtnis überflüssig, ja vergeblich.
Dann würde auch Sätze wie die , die wir heute im Predigttext gehört haben, ohne Antwort, ohne Echo in Raum und Zeit verhallen: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“
Wieder oder schon damals wurde der Frage „Gott, wo ist denn Gott nun?“ entgegengehalten: „dort, dort hängt er am Galgen!“
Und auch das war für viele kaum auszuhalten und für andere wie eine Karrikatur dessen, was sie bisher für Gott gehalten haben.
Jesu Freunde und Angehörige konnten es kaum aushalten, wie Jesus von seinem Weg, seinem Leben, sein Ende erzählte.
Eine Epiphanie, eine Gottesschau, eine Gottesahnung und eine Gottesvorstellung, die im Leben trägt, Hoffnung und Trost schenkt, hatten sie sich anders als das Kreuz vorgestellt. Das die menschgewordene Liebe Gottes und seine Leidenschaft für das Leben am Kreuz endet, war in ihrer Phantasie nicht vorgesehen. Sie hätten gerne Macht und Größe, wie Menschen es gerne tun, prunkvoll inszeniert. Sie hätten gerne aufgesehen zu einem, auf den stolz sind, zu dem sie gerne gehören, der für sie Erfolg und Siegeswillen verkörpert. Sie hätten ihm gerne einen roten Teppich ausgerollt und ihm einen Platz gegeben, von dem aus alle ihn hätten bewundern, einen Blick erhaschen oder ein Lächeln von ihm ihr eigen hätten nennen können. Sie hätten sich gerne mitreißen lassen von dem Jubel der Massen und für einen Augenblick geglaubt, dass auch sie Sieger sind, aber auf jeden Fall auf der richtigen Seite stehen und zumindest sich als Sieger der Geschichte fühlen dürfen. Aber in die Geschichte eines am Kreuz hängenden wollten sie sich nicht unbedingt hineinziehen lassen. So sehen nämlich Verlierer, neudeutsch: Looser aus…
Und seitdem fragen wir immer wieder: wer ist dieser Menschensohn, der unsere Maßstäbe so über den Haufen wirft und alles infrage stellt, was eigentlich immer fraglos galt?
Er ist der, der die Frage nach Gott aushält und verkörpert, wo sich uns alle Antworten verbieten.
Vor siebzig Jahren konnte nur einer aus der Mitte der Verzweifelten, vom Tode bedrohten ihn am Galgen hängen sehen, allen anderen hätte sich verboten, so zu antworten.
Ich brauche die Hoffnung, dass Gott auf der Seite der Opfer steht und nicht die Täter auch noch im Tod Recht behalten oder irgendjemand unter das ungerechtfertigte Leid von Menschen, die sich nicht mehr wehren können, einen Schlussstrich zieht.
Ich kann ihn, den Menschensohn Gottes, inmitten meiner Angst und Verlorenheit, im Angesicht des Todes, als Opfer inmitten von Tätern, nur für mich allein entdecken. Aber ich kann ihn entdecken, ich kann spüren, wie die ans Kreuz genagelten Arme eigentlich ausgestreckt sind,um mich darin zu bergen, wenn ich mich zu verlieren drohe oder untergehe.
Wir alle wissen, wie dunkel, wie finster es um uns und in uns sein kann.
Wir stehen sprachlos und fassungslos vor den Abgründen menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Sehen dann den gleichen Menschen, der zu aller Kunst, Kultur und Schönheit fähig ist.
So zerrissen ist und bleibt Wirklichkeit und Welt.
Aber wir leben aus einer Ahnung vom Licht mitten in der Nacht.
Für einen Augenblick hat es unter uns geleuchtet, eine kleine Weile, wie Jesus sagt. Es war und es ist oft nicht das gleißende Rampenlicht, es ist keine farbenfrohes Spektakel, dass uns zu Jubelrufen und Begeisterungstürmen herausfordert, weil es alles Hässlichkeit verzaubert oder überspielt, dieses Licht des Glaubens, dass vom Menschensohn ungebrochen bis in unsere Tage hinein leuchtet.
Es ist mehr ein kleines Licht, dass sich tapfer gegen die absolute Dunkelheit wehrt, wie ein zaghaftes Licht, dass ich am Ende des Tunnels schon erkennen kann. Aber es hilft mir den Weg nicht aus den Augen zu verlieren und zaghaft Schritt für Schritt zu gehen. Es hilft mir zu erkennen, dass Menschlichkeit noch nicht ausgestorben ist und Gott diese Welt nicht aufgegeben hat, sondern sie liebt und verwandeln möchte. Gott sei Dank kennt Geschichte und kennt Gott keinen Schlussstrich, wohl aber den Satz Jesu: Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.

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