Todünde, die keinen Spaß macht

1. Freudlose Todsünde
Die einzige Todsünde, die keinen Spaß macht. So titelte die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2010 (7. September 2010). Welche der klassischen sieben Todsünden kann damit gemeint sein, liebe Gemeinde? Weil uns als braven Christen die Todsünden so fremd sind, zähle ich sie auf und Sie raten, welche davon keinen Spaß macht: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Faulheit.

Richtig: Es ist der Neid. Der macht keinen Spaß. Der macht nur Ärger. Mehr nicht.
Neid ist die sinnloseste unserer menschlichen Untugenden.

Neid verspürt, wer erkennt, dass ein anderer einen Vorzug besitzt, den er selbst gerne hätte. Neid wünscht zugleich, dass der andere es auch nicht haben soll.

Eine Frau schaut die andere an. „Mein Gott, ist die adrett“. So wäre ich auch gerne. Bin es aber nicht. Der Anderen gönne ich es nicht, weil ich weiß, ich werde niemals so sein können, wie sie. Neid macht nicht schön. Nur ärgerlich.

Was wir vergessen: Ich könnte mich auch dessen freuen, dass es so adrette Menschen gibt.

Ein Mann schaut neidisch auf den Erfolg eines Kollegen. Der hat mit seinen guten Ideen die ganze Firma vorangebracht. Sogar der, der ihn jetzt beneidet, verdankt die Sicherheit seines Arbeitsplatzes dem Erfolg des Beneideten. Neid macht mich nicht erfolgreich.

Neid zaubert den schicken Wagen in des Nachbarn Garage nicht weg.

Was wir vergessen: Ich könnte mich auch freuen, dass jemand anders so erfolgreich ist.

Aristoteles, der griechische Philosoph aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, meinte zwar, es gäbe so etwas wie einen „gerechten Neid“. Gerecht sei er dann, wenn er eine ungerechte Verteilung der Lebens-Güter bemerke.

Das würde ich anders beschreiben: Es gibt ein Verlangen nach Gerechtigkeit. Darauf liegt Segen! So wie es in den Seligpreisungen heißt: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden (Mt 5,6). Das Verlangen nach Gerechtigkeit ist eine positive Tugend in uns Menschen. Die bringe ich nicht mit Neid zusammen. Aber natürlich kann man es nicht immer deutlich unterscheiden, was Menschen antreibt, wenn sie sich für Veränderungen in einer Gesellschaft einsetzen.

Die sinnloseste aller dunklen, menschlichen Eigenschaften ist der Neid. Warum heute dieses düstere Thema am Anfang?

2. Das Gleichnis vom Hausherrn des Himmelreichs
Das Thema Neid kommt im letzten Vers des heute zu bedenken Bibelzitats zu Sprache. Im kraftvollen Deutsch der Lutherbibel lautet er so: Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

Ich erzähle das Gleichnis vom Hausherrn im Himmelreich in kurzen Worten nach. Die Langfassung finden Sie im Matthäus-Evangelium im 20. Kapitel.

So ist das Himmelreich, sagt Jesus: Ein Hausherr stellt den ganzen Tag über Menschen ein, damit sie in seinem Weinberg arbeiten. Mit jedem vereinbart er einen Lohn. Fünfmal macht er das über die Stunden des Tages hinweg verteilt.
Abends dann ruft er alle zur Auszahlung zusammen. Und wörtlich zitiert endet die Story so:
Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

Wohin führt uns dieses Gleichnis. Führt es uns in die ärgerliche Einsicht, dass alles, was wir tun oder getan haben, vor Gott nichts zählt? Gleicher Lohn für ungleiche Mühe? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

3. Jeder hat seinen Deal mit Gott
Es gibt vor Gott kein Ansehen der Person. Fünfmal wird das ist der Bibel betont. Wird damit nicht alles entwertet, was wir leisten? Wenn man ohne Arbeit in diesem Land leben darf: Wird dadurch nicht der Fleiß entwertet? Wenn man ohne Leistung Geld bekommt, um leben zu können: Verführt das nicht zur Faulheit? Und überhaupt die Fremden: Was haben die bei uns zu suchen. Die liegen uns doch nur auf der Tasche und sitzen träge herum.

Ruft nicht Gott selbst durch seine Ungerechtigkeit, durch seine „Gleichmacherei“ den Neid in mir hervor? „Du hast sie uns gleichgestellt“, so klagen die hart Arbeitenden über die, die für wenig Mühe gleichen Lohn erhielten.

Jeder von uns hat seinen „Deal mit Gott“ und mit dem Leben. Wir haben gelernt, gearbeitet und etwas geleistet.

Und auch wenn es fünfmal in der Bibel steht. Wir Menschen sind nicht gleich. Jede/r von uns hat seine eigenen Gaben. Wir sind in unterschiedliche Verhältnisse hineingeboren zu unterschiedlichen Zeiten.

In Rummelsberg hatte ich einen Diakon kennen gelernt, der zu einem international anerkannten Fachmann der Carl-Gustav-Jung-Forschung geworden ist, obwohl er „nur Diakon“ war. Der Krieg jedoch hatte ihm die Schulbildung abgebrochen. An Abitur war nicht zu denken und deswegen auch nicht an ein Studium. „Es war schwer, ohne schmückende Titel Anerkennung zu finden“, sagte er, "aber ich habe es geschafft.“

Andere Männer sind mir begegnet, die ein Leben lang mit ähnlichen, kriegsbedingten Hinderungen konfrontiert waren. Da sie aber stets nur in der Klage verhaftet blieben, entglitt ihnen die Gestaltung ihrs Lebens. „Das Leben ist ein Leichenzug von totgeborenen Möglichkeiten.“ So hat es mal jemand gesagt.

Und wenn wir Gott nun fragen: Warum ist das so? Warum geht es den anderen besser als mir? Warum bist du so ungerecht und lässt die einen fröhlich leben und legst den anderen mit schwerer Krankheit einen Knüppel in den Weg?

Wie hieß es am Ende des Gleichnisses? Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Zeigt sich Gott hier als willkürlicher Tyrann?
Was nun? Vor Gott sind alle Menschen gleich? Wo kann ich das erleben?

Sie wollen es erleben? Dann suchen wir doch die düsteren Orte der Gleichheit auf. Ob das den Neid beschwichtigt?

4. Düstere Orte der Gleichheit
Besuch in der Demenzabteilung.
Da liegt der Bischof im Bett und starrt mit leeren Augen in den Himmel. Dass er einst mit tiefster Überzeugung und vollmächtigen Worten von seinem Glauben so ansteckend hat erzählen können, weiß er nicht mehr, denn selbst das kleine Wort Gott ist seinem Verstand entwichen.

Im Nebenzimmer reißt der Staatspräsident Blätter aus dem Grundgesetz heraus und faltet sie zu skurrilen Objekten. Vergessen ist ihm, wofür einst sein Herz brannte.

Und der Theologieprofessor im Stockwerk darüber freut sich daran, dass seine Enkelkinder eines ihrer Bilderbücher beim letzten Besuch haben liegen lassen. Er betrachtet die Bilder mit naiver Freude. Texte vermag er nicht mehr zu lesen. Dass er selbst wohl an die 50 Bücher geschrieben hat wissen alle anderen, nur er nicht mehr.

Gesundheit kann man sich nicht kaufen, konstatiert manch neidisches Herz, wenn es vom Niedergang der einst so großen Herren erfährt. Ist das die „Gleichheit“, auf die wir hoffen? Stillt das den Neid, den so viele empfinden?

Gang über den Friedhof
Der Tod schließlich ist der große „Gleichmacher“ schlechthin. Manchmal versuchen zwar die Steine, die über dem Grab stehen, die Bedeutung und Würde, dem, der hier nun ruht, wenigstens bis an die Grenze des Lebens nachzutragen. Doch unter den Steinen sind alle gleich.

Im Buch Prediger heißt es:
Denn ich habe das alles zu Herzen genommen, um dies zu erforschen: Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand. Alles ist vor ihm festgelegt. Es begegnet dasselbe dem einen wie dem andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen. Wie es dem Guten geht, so geht’s auch dem Sünder (Pred 9,2).
Da dachte ich in meinem Herzen: Wenn es denn mir geht wie dem Toren, warum hab ich dann nach Weisheit getrachtet? Denn man gedenkt des Weisen nicht für immer … und in künftigen Tagen ist alles vergessen. Wie stirbt doch der Weise samt dem Toren! (Pred 2, 15f).

Mit zunehmendem Alter spüren, ahnen oder befürchten wir, dass alle Menschen gleich sind.
Wenn Sie jemand anderes fragt, liebe Gemeinde: Wer sind Sie? Wie antworten Sie? Beginnt ihre Antwort mit „ich bin“ oder antworten Sie mit „ich war“?

Je älter wir werden und je länger wir im Ruhestand sind, umso ferner rücken unsere Verdienste, die wir einst erworben hatten. Und irgendwann kommt der Tag, an dem das alles nichts mehr zählt, weil die Zeit vorangegangen ist und das, was wir getan haben, nichts mehr zählt.
Im Tod schließlich sind alle gleich. Befriedet diese Einsicht das neidische Herz?

5. Getragen von Liebe: Das Himmelreich
Heute haben wir den dunklen Gedanken weiten Raum gegeben. Nur was ans Licht kommt, kann gesehen, betrachtet und verändert werden.

War das nun der Sinn des Gleichnisses vom „Hausherrn des Himmelreichs“? Ist das die Einsicht, zu der es uns führen will: Gott macht alle gleich. Dazu bedient er sich des Todes?

Ein Zitat von Eugen Drewermann führt uns nun endlich in eine andere Richtung.
„Die ganz Welt ließe sich entdecken als getragen von Liebe, und alle Menschen vorbehaltlos und unterschiedslos gehörten dazu.“

Ein amerikanischer Philosoph (Ronald Dworkin) hat sich Gedanken darüber gemacht, was wir befolgen sollten, damit unser Leben gelingt. Wir Menschen sind in dem, wie wir leben, wo wir leben, unter welchen Bedingungen wir leben, was aus unserem Leben wird, niemals gleich.

Aber eines gilt für alle:
Erstens sagt er, „Achte dich selbst“. Zweitens sagt er: „Übernimm die Verantwortung für dein Leben.“ Und er fährt fort: Wer sich selbst achtet, dem wird es nicht schwer fallen, diese Achtung auch anderen Menschen entgegen zu bringen. Wer für sein Leben die Verantwortung trägt, ist auch bereit, anderen das Leben zu gönnen. Neid hat hier keinen Raum.

Unser Gleichnis führt uns in eine tiefe Dimension unseres Lebens, die wir oft genug übersehen.

Drewermann zitiert ein Bibelwort aus dem Johannes: Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden (Joh 1,17).

Die tiefe Dimension unseres Lebens ist das, was uns geschenkt wird: Das Leben überhaupt. Das allein ist Gnade. Der Boden unseres Lebens.

Gnade sind die Menschen, mit denen wir das Leben teilen. Menschen, die wir und die uns lieben. Freilich, auch da erleben wir so manchen Schiffbruch. Aber das Thema hatten wir schon. Es ist unfruchtbar für uns, wenn wir uns an dem abarbeiten, was nicht gelungen ist. Dadurch verlieren wir das aus dem Blick, was uns dennoch geschenkt ist.

Die Männer, die den ganzen Tag im Weinberg gearbeitet haben, hatten es doch gut. Sie hatten Arbeit. Warum müssen sie sich mit den anderen, die gleichen Lohn erhielten vergleichen?

Der Hausherr stört ihren Stolz auf ihre eigene Leistung durch seine Gnade. Gott handelt nicht willkürlich in diesem Gleichnis. Er handelt nach einem anderen Prinzip, dem Prinzip der Liebe. Liebe entwertet nicht das was wir tun. Die Bibel denkt anders: Wer Liebe erfährt, wer von der Liebe Gottes sich getragen weiß, der arbeitet gern im Weinberg des Herrn. Der Lohn dafür ist Freude, nicht Geld.

So ist das im Himmelreich. Da ist Raum für alle Menschen, weil Gott allen Menschen Würde gegeben hat. Darin sind wir alle gleich. Diese Gleichheit ist der feste Grundstein einer gerechten Gesellschaft.

Das Gleichnis stört unser Leistungsdenken und es fragt uns zugleich: Bist du nur dann glücklich, wenn du mehr hast als andere?

Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. So ruft uns Paulus zu. Denn er selbst hat es von Gott so gehört: Lass dir an meiner Gnade genügen.
Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Sagt Jesus (Lk 12, 15).

In unserem Gleichnis leuchtet die Liebe Gottes auf. Es ist ein Gleichnis vom Himmelreich. Ein Gleichnis, das uns von der Idee Gottes erzählt, wie wir leben könnten: Mit Fleiß, mit Arbeit. Ohne Neid. Mit Liebe und in Würde. In Würde, die wir erwarten für uns und im Suchen nach der Würde für die, denen sie genommen wurde.

Im Gleichnis leuchtet eine andere Welt auf. Die tiefe Dimension. Die Gnade, die störende, lebensschaffende Kraft Gottes.

Was davon wollen wir zulassen in unserer von Leistung und Wettstreit betonten Welt? Wie tödlich darf unser Neid noch werden?

Amen

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