Kann ich die Gnade Gottes ertragen?

Der Arbeitsmarkt ist für viele Menschen nicht eben einfach. Manche müssen sich erheblich abstrampeln, Arbeit zu bekommen. Und umso mehr Arbeit zu bekommen, von der sie und die Ihren leben können. Und speziell die Zeitarbeitsbranche gilt zu Recht als ausbeuterisch, trickreich und unfreundlich. Aber auch dort gibt es Ausnahmen. Zumindest könnte das unser heutiger Predigttext nahelegen.

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Vom Himmelreich ist nur in Vergleichen zu reden. Und so redet Jesus in einem Bild, das wir heute noch verstehen können, auch wenn viele Abläufe heute Andere sind.

Klar ist die Sache ungerecht: Da gibt es Menschen, die schaffen bis zum Umfallen, 10, 12 Stunden am Tag – nur um ihre Familien satt zu bekommen. Andere bekommen das Gleiche in 1 Stunde.

Da möchte man doch dreinschlagen.

Ein Sittengemälde aus dem Arbeitsmarkt alter Zeiten. Die Arbeiter werden dargestellt wie Vieh. Sie stehen rum, sie werden eingestellt, sie warten untätig. Das entsprach wohl der Einstellung gegenüber dem Arbeitsmarkt damals. Vielleicht sehen das manche Menschen noch heute so. Die Faulen, die auf dem Arbeitsmarkt rumstehen. Warum haben sie keine Arbeit? Keiner hat sie eingestellt. So viel wissen wir und Familien müssen hungern. Das ahnen wir hinter dieser Geschichte. Und da kommt der sympathische Teil ins Spiel: Dieser Silbergroschen, das ist die Summe, die damals in etwa reichte, um eine Familie für einen Tag satt zu bekommen.

Und wenn auch die, die keine Arbeit bekommen, einen Silbergroschen erhalten, ist das vielleicht ungerecht, aber es erspart einer Familie viel Leid. Ich stelle mir vor, wie das wäre: Jeder dürfte arbeiten und jeder hätte genug, dass er und die Seinen satt werden.

Aber Jesus erzählt diese Geschichte nicht nur, um uns träumen zu lassen von einer Welt, in der alle haben, was sie zum Leben brauchen und keiner mehr bekommt nur weil er mehr kann oder mehr tut.

Er möchte uns ein Bild vom Willen und vom Reich Gottes bieten. Ein verstörendes Bild, weil es erzählt von der Liebe, die ich mir nicht verdienen kann, von der Liebe, die denen gilt, die wenig einbringen genauso wie denen, die dauernd mitarbeiten.

Dieses Bild erzählt von Gottes Liebe, die so ungerecht ist, wie ein Arbeitgeber, der Leistung nicht bezahlt. Und das Bild stellt ganz bewusst die in den Mittelpunkt, die von dieser großen Liebe profitieren. Für die Arbeiter bedeutet die Großzügigkeit des Chefs, ihnen einen ganzen Tageslohn zu zahlen, auch wenn sie nur eine Stunde gearbeitet haben, dass ihre Familie satt wird, vielleicht zum ersten Mal seit langem. Die Liebe Gottes ist für jeden Menschen ein Geschenk, unabhängig davon, wann er wie intensiv sie ergreift. Das ist schwer zu ertragen für die, die immer schon Glauben gelebt, Gemeinde gestaltet haben, aber es ist ein Evangelium für die, die eher am Rande stehen, eine frohe Botschaft für die, die so dringend Liebe, Vergebung und Versöhnung brauchen.

Jesus erzählt von der Liebe Gottes, der immer wieder auf den Markt geht und hinschaut, wer noch Seiner bedarf. Und der am Ende doch allen das Gleiche gibt. Er ist ungerecht, wie Liebe nur ungerecht sein kann. Und er will uns einladen, genauso ungerecht zu sein. Genauso immer wieder hinsehen, wer eine Chance braucht. Interessant ist, dass wir dieses zweigleisige Bild weiterspinnen können – für das soziale Leben in unserer Gesellschaft für die Politik, die Hartz IV- EmpfängerInnen weiter hängen lässt. Und für das geistliche Leben. Dass wir hinschauen, wer die Predigt des Wortes Gottes braucht und die Diakonie seiner Gemeinde.

Ich glaube wirklich, dass in diesem Gleichnis Beides ins Verhältnis gesetzt wird: Die Predigt von der Gnade Gottes und die Einladung, diakonische Kirche zu sein. Und die Hoffnung, dass Gott zu mir hält, auch wenn ich Fehler mache, kann mich stark machen, auch dann bei Menschen zu sein, wenn sie Fehler machen, auch dann bei Menschen zu bleiben, wenn sie aus welchen Gründen auch immer am Boden liegen.

Auch weil wir alle die Wirklichkeit des Wochenspruchs bekennen müssen: ‚und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit‘. Wir haben alle die Zuwendung Gottes bitter nötig und das Dümmste wäre es dabei einander runter zu machen nach dem Motto: Du hast sie noch weniger verdient als ich.

Es ist nicht ungerecht, dass die viel gearbeitet haben nicht mehr bekommen, es ist ungerecht, aber segensreich, dass die Schwachen so viel dazu bekommen, dass sie leben können.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn alle das Gleiche kriegen. Gerechtigkeit ist, wenn jeder hat, was er zum Leben braucht.

Das Gleichnis von dem gütigen Kapitalisten beschäftigt die Phantasie. Was wäre denn, wenn wirklich Menschen bezahlt würden, dass sie davon leben können und nicht nach ihrer Leistung? Würde ich das ertragen?

Und: Kann ich die Gnade Gottes ertragen?

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