Denn er schläft nicht …

[Anmerkung: Doe Predigt ist ein Gemeinschaftswerk von Pfarrerin Gisela Höflinger und Pfarrer Johannes Höflinger]

Liebe Schwestern und Brüder,

Damit haben wir etwas in der Hand.
Das ist wie ein Pfand. Das gibt uns Macht über Ihn.
Darauf können wir uns berufen. Auf sein Wort.
Dazu sind die biblischen Texte, Geschichten und Worte da, damit wir etwas in der Hand haben. Für unser Beten zu Gott.
Unser Gebet ist nicht einfach ein Schuss ins Blaue.
Die biblischen Geschichten geben uns etwas in die Hand.
Auch die Geschichte von der Sturmstillung.

Was ist da passiert?
Zunächst Vieles, das ganz menschlich ist.

Jesus will seine Ruhe haben.
Den ganzen Tag unter vielen Leuten.
Ständig von jemand in Anspruch genommen.
Da ist anstrengend.
Jesus braucht Ruhe.
Darum fährt er weg. Über den See.
Darum bittet er seine Jungs: »Kommt, wir fahren zum anderen Ufer hinüber!«
Sie haben als Fischer schon viele Nachtfahrten auf dem See Genezareth gemacht.
Sie kennen ihn wie ihre eigene Westentasche
Zwei Stunden dürften ausreichen. Dann ist Feierabend für heute.
Er legt sich hinten im Heck des Schiffs auf die Sitzbank für den Steuermann.
Jesus braucht Ruhe.
Alles ganz menschlich. Alles ganz normal.
Und dann wird es auf einmal stressig.
Die Männer haben das schon oft erlebt:
diesen Fallwind vom Gebirge. Der plötzlich kommt und geht. (Kommentar: Grundmann)
Jetzt hat es sie erwischt. Aber so schlimm war es noch nie.
Auf einmal sind alle am Rödeln.
Haben einen Eimer in der Hand. Schöpfen Wasser.
Aber es ist zu arg.
Sie erkennen: das schaffen wir nicht. Wir werden den Kampf verlieren.
Das geht über unsere Kraft. Wir gehen unter.

Wenn er uns nicht rettet.
Er, der seelenruhig schläft.
Er, der irgendwie ganz weit weg ist. Wie in einer anderen Welt.
Er, der nichts mitbekommt von den Schwierigkeiten.
Der schläft als ob nicht gerade die Welt unterginge.
Wenn er weiterschläft sind sie am Ende.

Sie brauchen ihn. Wach.
Sie brauchen seine Kommandos. Er muss sagen, was jetzt zu tun ist.
Sie brauchen seine Kraft, mit der er immer einen Ausweg findet.
Er muss sich endlich einmischen, mitmachen, unterstützen, eingreifen, abhelfen, die Sache in die Hand nehmen.

Sie selbst haben es nicht mehr in der Hand, was wird.
Sie sind ein Spielball von Wellen und Wind.
Gegen solche Kräfte und Gewalten sind sie machtlos.
Sie sind ausgeliefert. Und das ist schlimm.
Ausgeliefert sein.

Aber er ist es doch nicht. Er ist doch der Kyrios, der Herr.
Darum rufen sie ihn bis er wach wird. Bis er aufsteht, endlich dasteht und etwas tut.
Sie sagen: »Rabbi, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?«

Und auf einmal ist er da. Und alles wird anders. Mit einem Schlag.
Die Probleme sind wie weggeblasen. Alles im Griff. Ruhe im Karton.
Es ist als ob es nie ein ernsthaftes Problem gegeben hätte.
Jesus stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind und es wurde ganz still.
Ende gut. Alles gut.

Aber da gibt es noch einiges zu besprechen.
Was war das jetzt gerade?
Ich meine, eben noch sah es so aus als ob die Welt unterginge und jetzt ist so still, dass es schon wieder zu still ist.
Was war das jetzt gerade?

Jesus sagt: ich verstehe euch nicht.
Und die Betroffenen sagen dasselbe: Wir verstehen ihn nicht?
Was war das jetzt? Wie gibt es so etwas?
Mehr Fragen als Antworten.

Diese Geschichte ist wirklich passiert.
So berichtet es uns Markus. Alle drei Evangelisten berichten die Geschichte so, dass sie keinen Zweifel lassen: das ist tatsächlich so passiert. ( Kommentar: U. Luz)
Das war nicht nur ein Sturm im Kopf oder im Herzen.
Das war nicht nur eine Angstattacke.

Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas sagen, das ist wirklich so passiert.
Dort am See und in der Nacht.
Mit Jesus und seinen Jüngern auf dem Wasser.
Um ein Haar sind die untergegangen.
Nur durch ein Wunder haben sie überlebt.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich finde es wichtig, dass dieses und andere Wunder Jesu tatsächlich passiert sind.
Ich finde es wichtig, dass Menschen diese Wunder so konkret erlebt haben wie ihre Not.
Ich finde es wichtig, dass Wunder konkrete Lebenssituationen verbessern.

Gott ist kein Gott, der nur im Kopf handelt oder in der Seele. Gott ist in der Welt.
Er wirkt mit in unserer Weltgeschichte. Und ist auf irgendeine Art Schöpfer.
Sein Sohn ist in die Welt gekommen und nicht nur in unsere Herzen.

Also suchen wir ihn mit Recht in dieser Welt.
In unserem Leben. In den Nöten unseres Lebens.
In manchem lebensbedrohlichen Sturm.
Durch Wunder, so erzählen uns die Evangelisten, verbessert sich eine konkrete Lebenssituation.

Oft reicht es den Menschen.
Sie fragen nicht weiter nach. Was war das soeben?
Oder: »Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen!«

Hauptsache gesund.
Hauptsache gerettet.
Hauptsache heil davon gekommen.
Ich habe den Eindruck, Jesus findet das schon genug,
dass sie staunen, dass sie ausrufen: „Gott sei Dank!“ und dies auch meinen.

Doch jedes Wunder hat noch einen Überschuss.
Etwas, das über das hinausgeht, was die direkt Beteiligten erlebt haben.
Über der ganzen Bibel liegt diese Erwartung. Die Erwartung auf den Überschuss.
Die Erwartung, dass das, was da und dort, bei dem und der passierte, wieder passieren könnte.
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten, bei anderen Leuten.
Auch bei uns, die wir jetzt diese biblische Geschichte hören.

Mit der Erwartung hat man im alten Israel die alten Geschichten erzählt von Abraham, Mose, Gideon oder David.
Mit der Hoffnung, dass Gott wieder tut, was er in den alten Geschichten getan hat.

Und man hat Gott daran erinnert. Ganz menschlich.
»Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?«

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? …
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe….
Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. – heißt es in Psalm 22

Oder im 85. Psalm:
HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast; der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Da merken wir, wie Menschen nach den alten Geschichten greifen.
Wie sie die Erinnerung daran hervorholen. Wie sie diese Geschichten von Gott wie ein Pfand in der Hand halten:
„Gott, wir wissen es, du hast es schon einmal getan. Tu es wieder.
Wir sind dir doch nicht weniger wert als die Menschen vor uns.“

Dazu sind die biblischen Texte, Geschichten und Worte da, damit wir etwas in der Hand haben. Für unser Beten zu Gott.
Unser Gebet ist nicht einfach ein Schuss ins Blaue.
Die biblischen Geschichten geben uns etwas in die Hand.
Auch die Geschichte von der Sturmstillung.

Ein Letztes:
Wir sind gewohnt, die Biel sehr persönlich zu nehmen.
Unsere wichtigste Frage lautet: „Was sagt sie mir?“
Auch diese Geschichte von der Sturmstillung. Es geht uns vor allem um uns persönlich.

Seit den ersten Jahrhunderten unserer Kirchen haben die Christen diese Geschichte immer auch so verstanden: es ist unsere Kirche, die hier im Boot sitzt.
(Und der Sturm und die Wellen, das ist all das, was uns als christliche Kirche bedroht. U Luz)

Bei vielen Christen in dieser Welt geht es heute immer noch um Leben und Tod.
Lange haben wir, die wir in relativ ruhigen Gewässern unterwegs sind, dies vergessen.
Christen sind unter den verfolgten Menschen dieser Tage die größte Gruppe.
Die syrischen Christen, ihre ausgebrannten uralten Kirchen und ihre Flucht übers Mittelmeer, haben uns wieder darauf aufmerksam gemacht.
Die verfolgten Kirchen wissen am besten, wie es den Jüngern im Sturm zumute war.

Aber auch unser Kirchenschiff in Baden und in Mannheim haben Fallwinde erreicht.
Sie kommen aus einer anderen Richtung.
Wir werden nicht bekämpft. Aber wir werden verlassen.
Und viele, die noch zu uns gehören, können mit Christus im Boot, mit Christus als Herrn der Kirche nichts anfangen.
Und schließlich finde ich auch die, die fest im Boot sitzen, verunsichert und mit der Frage beschäftigt: Wie soll‘s weitergehen?

Da ist es wohl wieder nötig, dass einer ein Machtwort spricht.
Vermutlich sind wir noch nicht so weit.
Ich sehe überall, dass wir noch mit eigenen Kräften versuchen, der Sache Herr zu werden und heil aus der Krise zu kommen.
Noch sind wir kräftig am Rödeln.

Vielleicht begreift schon jemand von Ihnen, dass wir da alleine nicht klarkommen.
Dann suchen Sie schon mal den Herrn und fragen ihn: »Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?«
Sie werden dann hören was er sagt.
Und ich bin sicher, dass er mit uns redet. Denn er schläft nicht.

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