Auf Jesus hören heißt, Ängste abbauen

Liebe Gemeinde,

den Predigttext für den heutigen Sonntag haben wir bereits als Evangelienlesung gehört. Und so lade ich Sie ein, direkt mit mir in die Geschichte einzusteigen.
Stellen Sie sich vor, wir wären damals dabei gewesen, unter den Jüngern um Jesus.

Nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
3 Jünger dürfen mit auf diesen besonderen Weg. 3, die auch später in der Jerusalemer Urgemeinde wichtig wurden. Irgendetwas Bedeutsames hat Jesus mit ihnen vor. Offensichtlich. Er steigt mit ihnen hinauf auf einen hohen Berg. Der Berg selbst wird hier nicht genannt. Den Berg Tabor können wir vermuten. Mitten in der galiläischen Ebene erhebt er sich eindrücklich aus der Tiefe. Nach einem sicherlich anstrengenden Aufstieg mit etwas Keuschen und Schwitzen sind sie nun oben angekommen.
Da stehen sie und blicken in die Weite. Mit welchen Gedanken wohl? Vermutlich traten ihnen die Bergerzählungen ihres Volkes vor Augen. Die besonderen Offenbarungen Gottes am Sinai. (Bestimmt auch die, die wir vorhin in der Ersten Lesung hörten – Gott zeigte sich als der, der das Elend seines Volkes angesehen hat. Gott berief sich Menschen, um aus dem Elend herauszuführen.)
Überhaupt gelten Berge in vielen Kulturen als Orte der besonderen Gottesnähe und –begegnung. Und bis in unsere säkularen Tage hinein zieht es Menschen auf die Berge, um von dort oben einen weiten Horizont und einen klaren Blick zu gewinnen.

Und Jesus wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
Was für ein Anblick! Mit Worten wohl kaum wiederzugeben. Aber doch großartig, überirdisch – Jesus erscheint ihnen in himmlischer Gestalt, als göttliches Wesen.
Geschah dies real vor ihren Augen? War es eine innere Schau? Oder gingen ihnen hier oben auf dem Berg, mit diesem weiten Blick und dieser Gottesnähe schlichtweg die Augen dafür auf, wer Jesus tatsächlich ist – das lässt die Geschichte offen.
Aber dass es sich um mehr als ein Naturschauspiel handelt, stellt sie klar.

Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia, die redeten mit ihm.
Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist es gut zu sein. Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
Mose und Elia – vielleicht die beiden bekanntesten Gestalten aus der Geschichte des Volkes Israel erscheinen ihnen. Mose, den Gott berief, das Volk Israel aus Ägypten in die Freiheit zu führen. Mose, dem er sich offenbarte als Gott seiner Väter und Mütter, als den, der retten und befreien will und dazu den Menschen Mose brauchte. Mose, der auf dem Berg die Gebote empfing, jene Regeln, nach denen Gottes Volk in der hart errungenen Freiheit leben sollte und konnte.
Und Elia, der für den rechten Glauben focht, mit ganzer Kraft und großem Eifer.
Elia, der große Prophet der alten Zeit. Nun erscheint ihnen Jesus von diesen beiden umgeben, mit ihnen gleichwertig im Gespräch, eingereiht unter die beiden Gottesmänner. Dazugehörig.
Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“
Gottes Stimme aus der Wolke – was für ein unglaubliches Erlebnis für diese drei Jünger. Gottes Stimme aus der Wolke
Die Stimme, die damals zu Mose gesprochen hatte: „Ich bin dein Gott. Ich will euch aus dem Elend herausholen. Ich brauche dich.“
Die Stimme Gottes, die auch zu Elia gesprochen hatte: „Mach dich auf, du hast einen weiten Weg vor dir.“
Und nun spricht jene göttliche Stimme erneut: „Das ist mein lieber Sohn.“
Jesus als Sohn Gottes – das wird hier durch Gottes Stimme bestätigt. Vermutlich haben sich die Jünger eine solche Gewissheit schon lange ersehnt und erhofft. Nun wird sie ihnen geschenkt.
Doch zugleich folgt – wie einst an Mose und Elia – ein Auftrag: „Den sollt ihr hören!“ – Mit anderen Worten: wenn ihr als Kinder Gottes leben wollt, dann richtet euch nach ihm aus. Nach Jesus.

Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
Gottes Nähe lässt erschaudern. Und diese Nähe Gottes in Jesus überfällt die Jünger. Sie erschrecken. Sie fallen zu Boden. Sie fürchten sich. So wie Mose im Angesicht der Nähe Gottes sein Angesicht verhüllte, denn er fürchtete sich.
Haben wir ein solches heiliges Erschrecken schon einmal gespürt? Oder ist uns modernen Menschen so etwas völlig fremd geworden? Haben wir vielleicht die Gottesfurcht gegen eine allgemeine Existenzangst eingetauscht? Aber das nur als Frage…

Jesus trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
Jesus kommt hier seinen Leuten sehr nah. Er berührt sie – vielleicht streicht er ihnen über den Rücken. Oder über die Wange. Vielleicht reicht er ihnen die Hand und hilft ihnen, aufzustehen.
Solche Gesten Jesu gegenüber denen, die zu ihm kamen und seine Hilfe suchten, haben sie oft miterlebt: gegenüber Kranken und Ausgegrenzten, Kindern und Fremden. Er kommt ihnen nah, berührt sie und sagt: „Steht auf, und fürchtet euch nicht!“ Heute gilt es ihnen selbst, ihnen, seinen engsten Vertrauten, den zukünftigen Gemeindeleitern.
Da wird die Gottheit Jesu plötzlich ganz menschlich. Nach Licht und Glanz folgt hier die konkrete Berührung und seine Ermutigung: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Ich meine, dieser Satz fasst gut zusammen, was Menschen in der Nähe Jesu erfahren haben: Neuen Mut. Neue Kraft, aufzustehen und ihren Weg zu gehen. Licht in der Dunkelheit. – Und dies brauchen auch wir!

Blicken wir uns um: Seit Wochen und Monaten beschäftigen uns in Sachsen und darüber hinaus die Debatten um das so genannte Abendland und Morgenland. Über Jahrhunderte war das, was man einmal das Abendland nannte, zu weiten Teilen vom christlichen Glauben geprägt, vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein. Manche setzen sich jetzt für diese historisch gewachsene Prägung Europas ein – in Abgrenzung gegenüber dem Islam. Allerdings stellt sich dabei die Frage: Meinen wir diese christliche Prägung Europas? Und wenn ja, was ist denn der Kern des christlichen Glaubens? Welcher Kern sollte denn bewahrt werden?
Wenn wir aus dem heutigen Evangelium einen Kern herauslesen wollen, dann wäre es der Zuspruch Gottes in Jesus: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Und christlich zu handeln, hieße, diese Haltung weiterzugeben gegenüber denen, die in Angst leben. Es hieße, den Ängsten entgegenzuwirken.
Dabei kann die Angst sehr vielfältig sein: die Angst, ins Abseits zu geraten, überrollt zu werden, den Anschluss zu verlieren aufgrund biografischer Brüche oder Umstrukturierungen im Betrieb oder Krankheit. Aber auch die wachsende Angst, aufgrund der falschen Hautfarbe oder Religion beschimpft und angegriffen zu werden. Jede dieser Ängste ist für denjenigen Menschen sehr real.
Christlich zu handeln, heißt, der Angst entgegenzuwirken. Es heißt, andere zum Leben zu ermutigen und Hoffnung weiterzutragen. Christlich zu handeln, heißt anderen zu helfen, wieder aufstehen zu können.
Und unser größtes Gebot lautet im Originalton Jesu: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten – wie dich selbst“. Erinnert sich das so genannte Abendland an dieses größte Gebot? Und an Gottes Auftrag: „Den sollt ihr hören?“

Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
Sie müssen wieder hinunter von diesem besonderen Ort. Von da, wo ihnen die Augen aufgingen. Wo sie die Göttlichkeit Jesu geschaut haben. Wo ihnen klar wurde, wer Jesus ist und wem sie folgen sollen. Zurück in den Alltag, in die Mühen um das tägliche Brot, in das Gerangel in der Jüngertruppe, zurück in all die Gruppen aus Freund und Feind um sich und um Jesus. Zurück in die Mühen der Ebene.

Auch wir werden dann die Kirche verlassen. Noch ein bisschen vom Sonntag genießen; doch morgen ruft wieder die Arbeit, die Schule, der Leistungsanspruch, die Debatten in den Familien und Freundeskreisen… Vielleicht auch der Ruf: „Komm mit zu Pegida!“ oder „Komm mit zur Gegendemo!“
„Den sollt ihr hören!“, so die Stimme Gottes gegenüber seinen Leuten. Gegenüber denen, die es ernst meinten mit der Nachfolge Jesu.
Versuchen auch wir, auf Jesus zu hören! Wenn Jesus heute unter uns wäre, was würde er uns wohl sagen?
Kurz gefasst wohl: „Hört einander zu! Auch auf eure Ängste. Sprecht miteinander! Baut Brücken zueinander! Und seid barmherzig. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan!“
Und Jesus würde versuchen, uns die Angst zu nehmen. Damit wir gelassener leben. Denn die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Auch hier in dieser Kirche würde er uns zusprechen: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“

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